Brot statt Böller - oder ballern ohne Ende?

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Ein Feuerwerk ist ein kurzes und teures Vergnügen. Das Geld könnte auch gespendet werden. Dafür werben seit 30 Jahren kirchliche Aktionen. Kritiker wollen sich den Silvesterspaß nicht verderben lassen.

München - Ein Feuerwerk ist ein kurzes und teures Vergnügen. Das Geld könnte auch gespendet werden. Dafür werben seit 30 Jahren kirchliche Aktionen. Kritiker wollen sich den Silvesterspaß nicht verderben lassen.

Ein kurzes Leuchten, ein Zischen, ein Knallen. Ein paar “Ahs“ und “Ohs“ - und dann ist schon wieder alles vorbei. Für das kurze Feuerwerksvergnügen an Silvester geben die Deutschen Branchenschätzungen zufolge jährlich mehr als 100 Millionen Euro aus. Muss das sein? Wäre das Geld anderswo nicht sinnvoller aufgehoben? Diese Fragen stellen vor allem christliche Hilfswerke und Gruppierungen - und sammeln unter dem einprägsamen Motto “Brot statt Böller“ Geld für hungernde Menschen.

Vor genau 30 Jahren begann eine Gemeinde in Schleswig-Holstein mit der Aktion, wie Rainer Lang vom evangelischen Hilfswerk “Brot für die Welt“ sagt. Inzwischen verbreitet vor allem dieses Hilfswerk den Slogan, um zur Jahreswende zu Spenden aufzurufen. Auch viele andere Verbände und Einrichtungen machen solche Aktionen. Der Slogan ist nicht geschützt. “Es ist doch schön, dass sich so etwas wie eine Marke etabliert hat“, meint Lang.

2011: Diese Bilder werden wir nicht vergessen

5. Februar: Der bewegendste TV-Auftritt des Jahres: Monica Lierhaus steht bei der Verleihung zur Goldenen Kamera erstmals nach einer schweren Krankheit wieder auf der Bühne. Dort macht sie ihrem Lebensgefährten einen Heiratsantrag.   © dpa
11. Februar: Nach fast 30 Jahren der gewaltsamen Machtherrschaft wird Ägyptens Staatschef Hosni Mubarak aus dem Amt gedrängt. Der Jubel in Kairo kennt keine Grenzen. Doch auch nach seinem Abgang kehrt in dem Land keine Ruhe ein. Mubarak wird vor Gericht gestellt. © dapd
12. Februar: Bei Wetten, dass...? geht eine Ära zu Ende. Thomas Gottschalk gibt seinen Rückzug von Europs erfolgreichster TV-Show zum Jahresende bekannt. Am 3. Dezember moderiert er in Friedrichshafen seine letzte Show. Fast 15 Millionen Zuschauer sitzen vor den Fernsehgeräten.  © dpa
Der Rückzug von Gottschalk hängt eng mit dem schweren Unfall von Samuel Koch während der Live Sendung im Dezember 2010 zusammen. Samuel ist seit einer missglückten Wette gelähmt. © dpa
1. März: Tiefer Fall eines Polit-Popstars: Karl-Theodor zu Guttenberg stürzt über die sogenannte Plagiatsaffäre und muss zurücktreten.  © dpa
In der Doktorarbeit des Verteidigungsministers waren dutzende Passagen entlarvt worden, die aus anderen Veröffentlichungen kopiert worden waren. © dpa
Innerhalb weniger Wochen wurde aus Deutschlands gefeiertstem Politiker ein Privatmann. Im November veröffentlichte er das Buch "Vorerst gescheitert". © dpa
11. März: Die Erde bebte nur wenige Augenblicke unter dem Ozean weit vor der Küste. Doch die Folgen sind verheerend. Ein Tsunami überrolt weite Teile Japans und bringt Tod und Verwüstung.   © dpa
Das Akw Fukushima wird durch die Wassermassen komplett beschädigt - es gibt etliche Explosionen und es kommt zum atomaren Störfall. In Folge der Reaktor-Katastrophe beschließt die deutsche Bundesregierung das Atom-Aus. © dpa
Die traurige Bilanz des Tsunami: Weit über 20.000 Menschen kommen ums Leben, hundertausende werden obdachlos. © dpa
23. April: Die Serie brutaler Übergriffe in Berliner U-Bahnhöfen erreicht einen unrühmlichen Höhepunkt. Ein Gymnasiast greift einen Installateur ohne Grund an, schlägt ihn zu Boden und tritt ihm mehrmals mit dem Schuh auf den Kopf. Das Opfer überlebt nur knapp. Eine Videokamara hält den grausamen Vorfall fest. Der Schläger wird später zu zwei Jahren und zehn Monaten Gefängnis verurteilt. © dpa
29. April: Traumhochzeit im englischen Königshaus. Prinz William und Kate Middleton geben sich in London das Ja-Wort. © dpa
Doch der heimliche Star der Royal Wedding ist Pippa, die Schwester der Braut. Sie verzückt Millionen von Zuschauern mit ihrer wohlgeformten Rückfront.  © dpa
2. Mai: Osama bin Laden ist tot. Der meistgesuchte Terrorist der Welt wird bei seiner Festnahme in Abbottabad, Pakistan, erschossen. Amerikanische Spezialeinheiten hatte ihn aufgespürt. © dpa
12. Mai: Historischer Wahlsieg: Winfried Kretschmann wird in Baden-Württemberg zum ersten grünen Ministerpräsidenten in der Geschichte der Bundesrepublik gewählt.  © dpa
1. Juli: Auch in Monaco läuten die Hochzeitsglocken. Prinz Albert traut sich mit Charlene Wittstock.  © dpa
9. Juli: In der 108. Minute platzt der Traum vom Titel. Die hochfavorisierten DFB-Frauen scheiden bereits im Viertelfinale der Heim-WM gegen Japan aus. Bis zu 17 Millionen Zuschauer hatten die Spiele der Deutschen am Bildschirm verfolgt. © dpa
11. Juli: Thomas Bögerl erhängt sich in seiner Villa in Heidenheim. Ein Jahr zuvor war die Frau des Bankiers entführt und ermordet worden. Der Fall bleibt bis heute mysteriös. Die Polizei tappt nach wie vor im Dunkeln. © dpa
22. Juli: Ein Massaker schockt die Welt: In Norwegen sterben 77 Menschen bei zwei Terror-Attacken. Dahinter steckt eine einzelne Person: Anders Breivik. © dpa
Zunächst explodieren mehrere Bomben in Oslo, danach erschießt Breivik auf der Insel Utoya wahllos Jugendliche eines Ferienlagers. © dpa
22. August: Loriot ist tot. Der große Humorist stirbt im Alter von 87 Jahren in seinem Haus in Ammerland am Starnberger See. Bello, der sprechende Hund, der Lottogewinner, das Jodel-Diplom - viele seiner Sketsche bleiben unvergessen. © dpa
22. bis 25 September: Papst Benedikt besucht seine Heimat Deutschland. Er macht unter anderem Station in Berlin, Freiburg und Erfurt. Zu seiner Messe im Berliner Olympia-Stadion kommen 70.000 Menschen. © dpa
5. Oktober: Apple-Gründer Steve Jobs stirbt im Alter von 56 Jahren. Der Erfinder von iPad, iPod, iPhone und Co. erliegt einem Krebsleiden. © dpa
9. Oktober: Mit seinem 3. Platz beim Großen Preis von Japan sichert sich Sebastian Vettel zum zweitel Mal in Folge den WM-Titel in der Formel 1. Er ist damit der jüngste Doppelweltmeister der Geschichte.  © dpa
20. Oktober: Muammar Gaddafi wird von Rebellen in der Nähe seiner Heimatstadt Sirte erschossen. Bereits Wochen zuvor war er aus Tripolis geflüchtet. Über Jahre hinweg hatte der libysche Machthaber sein Volk unterdrückt. Gaddafi werden etliche internationale Terror-Akte zugerechnet. © dpa
4. November: Ein Banküberfall in Eisenach mit Kettenreaktion: Die Räuber, zwei Neonazis, werden von der Polizei gestellt, daraufhin sprengen sie sich in einem Wohnmobil in die Luft. In Zwickau explodiert kurz darauf ein Wohnhaus. Dafür soll Beate Z. verantwortlich sein. © dpa
Beate Z. soll mit den beiden Opfern aus dem Wohnmobil eine rechten Terrorzelle gebildet haben. © dpa/Polizei Sachsen
Dieser rechtsradikalen Gruppe werden etliche Verbrechen zur Last gelegt, unter anderem die "Döner-Morde" und der Mord an einer Polizistin in Heilbronn.  © dpa

Immer wieder sehen sich die Initiatoren mit dem Vorwurf konfrontiert, sie seien Spaßbremsen und gönnten den Menschen die fröhliche Böllerei zum Jahreswechsel nicht. Lang entgegnet da: “Man kann auch feiern, ohne viele tausend Raketen in die Luft zu schießen.“ Wichtig sei außerdem eine Diskussion: “Man kommt ins Gespräch.“ Gerade zum Start in ein neues Jahr seien Menschen auch empfänglich dafür, ein “globales Bewusstsein“ zu entwickeln und an Notleidende anderswo auf der Welt zu denken.

Mit dem Aufruf, an Silvester zu spenden, anstatt Feuerwerkskörper zu kaufen, sammeln jedes Jahr auch evangelische und katholische Jugendliche im Raum München Spenden. Schon seit 29 Jahren läuft die Aktion des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) in der Region München und der Evangelischen Jugend München (EJM). Das Geld geht direkt an Projekte in der Dritten Welt - die Verwaltungskosten tragen die beiden Jugendorganisationen. “Das finden die Menschen attraktiv“, sagt Christine Tröger von der Evangelischen Jugend. Das Spendenaufkommen sei von Jahr zu Jahr unterschiedlich. Allein in den vergangenen acht Jahren wurden zwei Projekte, die Straßenkindern in Simbabwe und Kenia helfen, mit mehr als 80 000 Euro unterstützt. “Brot für die Welt“ macht keine Angaben zu den Spendeneinnahmen, dürfte aber dank bundesweiter Bekanntheit deutlich mehr einsammeln.

Kritik an “Brot statt Böller“ kommt aber nicht nur von Menschen, die den Christen vorwerfen, ihnen den Spaß verderben zu wollen. Die “Aktion 3. Welt Saar“ nennt den kirchlichen Spendenaufruf gar verlogen. Der Vorstand des Bündnisses betont: “Der Aufruf trägt eine gehörige Portion Lustfeindlichkeit zur Schau und appelliert lediglich an das schlechte Gewissen.“ Der Zusammenhang zwischen Feuerwerk und dem Hunger in der Welt sei willkürlich hergestellt. Man könne genauso gut zum Verzicht auf Christbäume aufrufen.

Die Befürworter der Aktion argumentieren dagegen, dass gerade beim Silvesterfeuerwerk das Vergnügen sehr kurz und die Ausgaben sehr hoch seien. “Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen, wie viele Millionen Euro da in die Luft geblasen werden“, sagt Tröger.

Und als Spaßbremsen sehe man sich ganz und gar nicht. Das neue Jahr lässt sich beispielsweise mit Sekt begießen, den BDKJ und EJM verkaufen: Eine Flasche Sekt aus dem Elsass gibt es für 9,00 Euro - der Gewinn von 2,60 Euro pro Flasche geht direkt an die Spendenaktion. “Brot für die Welt“ bietet den Nutzern von Apple-Geräten wie dem iPhone eine Software an, mit der sich ein Feuerwerk auf dem Display abbrennen lässt - “umweltschonend und witterungsunabhängig“, wie es heißt. Die Erlöse werden gespendet.

Unterstützung bekommen die “Brot-statt-Böller“-Aktionen auch regelmäßig von hochrangigen Kirchenvertretern. In diesem Jahr rief etwa der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick dazu auf, lieber zu spenden als zu böllern: Damit könne man einen Beitrag leisten, den mehr als eine Milliarde hungernden Menschen auf der Welt zu helfen.

dpa

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