Zukunft des Reisens

Macht das Coronavirus unseren Urlaub teurer? Das sagt Schauinsland-Geschäftsführer Gerald Kassner

Gerald Kassner führt das Familienunternehmen Schauinsland in der dritten Generation.
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Gerald Kassner führt das Familienunternehmen Schauinsland in der dritten Generation.

Nach der Covid-19-Zwangspause schöpft die Reisebranche neue Hoffnung. Im Interview prognostiziert Gerald Kassner, Inhaber und Geschäftsführer von Schauinsland Reisen, dem fünftgrößten Flugreiseveranstalter Deutschlands, ob der Urlaub als Folge der Coronavirus-Krise teurer wird.

  • Schauinsland-Reisen-Geschäftsführer Gerald Kassner äußert sich nach der Coronavirus-Zwangspause zur Zukunft des Reisens.
  • Gerald Kassner erklärt im Interview, dass Hygiene- und Abstandsregeln auch noch in Zukunft eine große Rolle spielen werden.
  • Der Schauinsland-Chef glaubt, dass ein komplett unbeschwerter Urlaub erst 2021 wieder möglich sein wird.
Die Bundesregierung hat die Reisewarnung für die meisten EU-Mitgliedsstaaten zum 15. Juni aufgehoben*. Für andere Länder gilt sie vorerst bis zum 31. August. Ist das Reisejahr 2020 noch zu retten?
2020 wird sicher nicht als Erfolgsjahr in die Geschichte von Schauinsland Reisen eingehen. Denn für uns sind besonders diese Sommermonate wichtig – das Sommergeschäft macht etwa zwei Drittel, das Wintergeschäft ein Drittel des Jahresumsatzes aus. Dass es im Juli den Restart, also einen Neubeginn gibt, ist nur ein kleiner Trost für uns.
Inwiefern?
Wir waren extrem gut in dieses Jahr gestartet, bis zum 15. März haben wir einen Zuwachs von 40 Prozent im Vergleich zum vergangenen Jahr verzeichnet. Jetzt können wir sehr glücklich sein, wenn bis Ende dieses Tourismusjahres eine Million Gäste mit Schauinsland Reisen verreisen. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr waren es 1,64 Millionen Gäste. Damit wäre dieses Jahr natürlich ein herber Rückschlag – aber auch keine Katastrophe.

Reise in Zeiten des Coronavirus

Was können Sie als Reiseveranstalter tun, um den Tourismus wieder anzukurbeln – und die Leute vom Reisen zu überzeugen?
Vieles wird auch von anderen Stellen abhängen, zum Beispiel vom Umfang der angebotenen Flugkapazitäten. Wir als Veranstalter müssen nun verantwortungsvoll mit dieser Situation umgehen. Das haben wir gerade gezeigt, indem wir es unseren Kunden stärker und besser als andere Veranstalter ermöglicht haben, von ihrer Reise zurückzutreten. Jetzt, da wir noch nicht wissen, welche Leistungen in den Urlaubsdestinationen vor Ort erbracht werden, können wir leider nicht sagen: Alles wird wieder wie vorher. 
Wird das Urlaubsvergnügen bleiben?
Wir werden sicher weiterhin ein Urlaubserlebnis bekommen. Allerdings hat jeder Kunde ein eigenes Empfinden. Für jene, für die ein Partyurlaub im Vordergrund steht, wird es schwierig. Aber Urlaub ist viel mehr als das: Das Ambiente am Meer, an dem man spazieren gehen kann, und ein schönes Hotel gehören dazu. Ich kann nur jedem empfehlen, in diesem Sommer eine Urlaubsreise zu buchen. Die Zielgebiete sind deutlich leerer als sonst, und auch das Fliegen ist entspannt. 
Wie lange, glauben Sie, wird die Reisebranche noch mit „Corona“ beschäftigt sein?
Sie wird solange ernsthaft damit beschäftigt sein, bis es einen Impfstoff gibt. Hygiene- und Abstandsregeln werden aber auch noch in Zukunft eine große Rolle spielen. Ich glaube aber, dass ein unbeschwerter Urlaub 2021 wieder möglich sein wird. Die Leute wollen ja auch wieder Spaß haben. 
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Werden sich Urlaub und Reisen nachhaltig verändern müssen?
Ich glaube, dass die Menschen in Zukunft sowohl ihre Reiseziele als auch Urlaubsformen bewusster auswählen. Und dabei wird der Preis nicht immer im Vordergrund stehen. 

Wird der Preis für den Urlaub steigen?

Wird der Urlaub denn künftig teurer werden?
Die Frage muss eigentlich korrekt lauten: Wird der Urlaub teuer? Ich glaube, erst einmal nicht. Es ist davon auszugehen, dass es in diesem und nächstem Jahr keine Bettenknappheit geben wird. Wir werden daher einen gesunden Wettbewerb mit attraktiven Angeboten erleben. Und da ist sicher auch das eine oder andere Schnäppchen für Reisende dabei.
Die Unternehmensgruppe Schauinsland ist auch an der Fluggesellschaft Sundair beteiligt.
Der Reisekonzern TUI erhält eine milliardenschwere Staatshilfe. Wie geht es Schauinsland Reisen in der Coronakrise: Müssen Sie Staatshilfe beantragen?
Wir haben KfW-Kredite beantragt und mit Banken gesprochen. Immerhin mussten wir 100 Millionen Euro an unsere Kunden zurückzahlen – dabei waren die Gelder bereits unter anderem in unsere Airline investiert. Daher sind wir zwar zurzeit nicht liquide, aber Schauinsland Reisen ist ein kerngesundes Unternehmen
Sie blicken also optimistisch in die Zukunft?
Ich bin für Schauinsland Reisen recht optimistisch. Wir haben in der Krise einen besseren Service als andere angeboten. Wir haben Kundengelder relativ schnell zurückgezahlt, obwohl das natürlich auch nicht von heute auf morgen ging. Ich bin also optimistisch – aber man soll das Fell des Bären auch nicht verteilen, bevor er erlegt ist. 

Hintergrund: Das ist das Reiseunternehmen Schauinsland Reisen

Gegründet wurde Schauinsland Reisen 1918 in Duisburg von Erich Kassner – als Möbelspedition und Transportunternehmen. Nach der Weltwirtschaftskrise stieg der Betrieb 1932 in die Personenbeförderung ein – mit fünf Reisebussen für die Artistenfamilie Fratinelli

Ab den 50er Jahren konzentrierte sich die Familie auf den Transport von Gästen. Der Einstieg in die Touristik erfolgte 1959 mit der Eröffnung eines Reisebüros. Mit Erich Kassner junior und seiner Frau Doris kam die zweite Generation ans Ruder. In den 60er Jahren gelang der Einstieg ins Flugreisengeschäft. Immer mehr Zielgebiete wurden ins Programm aufgenommen. 1982 wurde Doris Kassner Geschäftsführerin der neu gegründeten Schauinsland Reisen GmbH. 

1997 stand der nächste Generationenwechsel an: Gerald Kassner führte die Geschäfte weiter. Das Unternehmen verzeichnete rasante Zuwächse. Im Touristikjahr 2018/2019 betrug der Umsatz 1,37 Milliarden Euro bei 1,64 Millionen Buchungsgästen. 

Zur Unternehmensgruppe mit eigenen Hotels, 28 Funexpress-Reisebüros und einer 50-Prozent-Beteiligung an der Fluggesellschaft Sundair gehören 1000 Mitarbeiter. Schauinsland Reisen ist Namenssponsor des Stadions vom MSV Duisburg.

Unsere Redakteurin Daniela Petersen war bereits kurz nach der Aufhebung der Reisewarnung auf Mallorca unterwegs*. Bevor nach weiteren Lockerungen die Zahl der Touristen stieg, herrschte auf der Ferieninsel zunächst gähnende Leere. Auch bei vielen Busunternehmen geht es nach der Coronavirus-Zwangspause erst langsam wieder los*, wie eine Umfrage in der Region Fulda zeigt. *fuldaerzeitung.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks

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