Das „Trust“-Fanzine feiert am Samstag seinen 30. Geburtstag

„Abgrenzung ist schwieriger“

Schwarz und Weiß: Lucky Malice aus Norwegen gratulieren dem „Trust“. - Foto: pr

Bremen - Von Benjamin Moldenhauer. Es ist das einzige Magazin am Bahnhofskiosk ganz in Schwarz-Weiß: das „Trust“. Seit 30 Jahren erscheint es alle zwei Monate und informiert seine Leser über Musik mit Widerhaken: Als Nirvana noch eine kleine Garagen-Band war, berichtete das „Trust“ bereits ausführlich. In Augsburg gegründet, wird das Heft seit knapp 20 Jahren alle zwei Monate in Bremen herausgegeben. Dolf Hermannstädter war von Anfang an dabei.

Kreiszeitung: Herr Hermannstädter, die erste Ausgabe des „Trust“ erschien 1986. 30 Jahre sind eine lange Zeit für ein unkommerzielles Heft. Wie konnte gerade Punk zu einer so langlebigen Subkultur werden?

Dolf Hermannstädter: Punk ist interessant, weil es keine Regeln gibt. Dafür gibt es viel Raum zur Entfaltung und zur Identifikation: Man ist Punk, kann aber tun, was man will, und mit den obskursten Formen erfolgreich sein. In den meisten Fällen ist Punk-Sein nur eine Phase. Bei uns nicht.

Wie definieren Sie Punk? Reicht es, zu tun, was man will?

Hermannstädter: Wir haben das Trust 1986 auch als Auflehnung gegen den damaligen Punk gegründet. Der hat sich überwiegend durch Dummheit, gepaart mit Besoffensein, Drogenkonsum und Gewalt definiert. Ich kann verstehen, was Menschen an Drei-Akkorde-Punk geil finden. Ich verstehe auch, was Menschen an Volksmusik geil finden. Da hatten wir nur keinen Bock drauf. Die Idee von Punk fanden wir aber spannend: Das A und O in meinem Punk-Verständnis ist schlicht, das zu tun, was man sagt.

Sie sagen, dass Sie heute viel seltener auf Konzerte gehen. Ist Ihre regelmäßige politische Kolumne inzwischen wichtiger als Musik?

Hermannstädter: Ich habe schon länger keinen Spaß mehr daran, über Platten zu schreiben. Warum soll ich das dann machen? Da muss man ehrlich zu sich sein. Das hat mit Routine zu tun, das liegt nicht an der Musik. Vor ein paar Jahren hab ich das einmal überschlagen: Bis dahin hatte ich zwischen 13.000 und 15.000 Tonträger gehört. Es gibt genügend Leute, die an neuen Bands so viel Freude haben, dass sie drüber schreiben wollen. Insofern ist alles gut. Mir gefällt ja nach wie vor noch gute Musik, nur lass ich mich eben nicht mehr so einfach begeistern.

Wie sind Sie auf die Bands gekommen, die heute Abend zum 30-Jährigen spielen?

Hermannstädter: Ich hätte nichts gegen Fugazi, At The Drive-in und Black Flag gehabt, aber das geht halt nicht. Pascow hab ich vergangenes Jahr zum ersten Mal gesehen und fand die dermaßen gut. Die Musik ist, was sie ist, die ist nicht schlecht. Aber wie die Band live abgegangen ist, hat mir total gefallen. Bei Lucky Malice und Decibelles ist es genau so. Musikalisch erfinden die das Rad nicht neu, legen aber wahnsinnige Spielfreude an den Tag. Genauso soll es sein: Du gehst irgendwo hin, kennst nicht mal den Namen der Band, stehst da und bist begeistert. Und ich finde gut, dass bei uns mehr Musikerinnen als Musiker auftreten, auch wenn das nicht geplant war.

Dolf Hermannstädter - Foto: pr

Das „Trust“ erscheint bis heute in Schwarz-Weiß. Geht es um Abgrenzung?

Hermannstädter: Nicht primär, aber die Abgrenzung kommt uns ganz recht. Wir wollen nicht sein wie die kommerziell orientierten Musikzeitschriften; bei uns gibt es auch keine Kopplung von Story und Anzeige.

Viele Ideen, die im Punk wichtig waren, sind populär geworden: Veganismus oder die Problematisierung von Geschlechterverhältnissen. Eine positive Entwicklung?

Hermannstädter: Inzwischen ist vieles geläufig, was früher nur im Underground präsent war. Generell ist das eine positive Entwicklung, wenn Themen, für die man sich einsetzt, im „Spiegel“ stehen. Der Mainstream lässt die Ideen aber unverbindlich werden. Es wird heiß diskutiert, alle wissen, dass Massentierhaltung scheiße ist. Es passiert aber trotzdem nichts.

An Ihrem Buch „Got me?“ lobte „Spiegel Online“ die radikale Subjektivität. Geht man heute in der Vielfalt von Lebensentwürfen unter?

Hermannstädter: Abgrenzung ist schwieriger geworden. Bis vor Kurzem genügte es, sich zu tätowieren. Das ist problematisch für junge Leute, die neue Ausdrucksformen finden wollen – und dann ist alles schon belegt. Bald muss man sich den Arm amputieren und am Kopf wieder anschweißen lassen.

„Trust-Fest“: Samstag, 20 Uhr, Schlachthof, Bremen.

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