J. D. Vance begibt sich auf die Spuren der Wähler, die Donald Trump ins Netz gegangen sind

Die „Bedauerlichen“

Berlin - Von Steffen Trumpf. Am Morgen des 9. November 2016 hörten Millionen Deutsche kurz nach dem Aufwachen ungläubig die Nachricht der Nacht: Donald Trump hat soeben die US-Präsidentenwahl gewonnen. Kaum einer hatte hierzulande damit gerechnet. Die Fassungslosigkeit zeigt, für wie unwahrscheinlich ein solches Szenario gehalten wurde – und wie wenig wir Deutschen im Grunde über Amerika wissen. New York, San Francisco, Hollywood: Das kennen wir. Das sind aber nur die „halben Vereinigten“ Staaten von Amerika.

Es gibt noch einen ganz anderen Teil der USA, der vor der Wahl belächelt und danach verblüfft beäugt, analysiert und nicht selten verwünscht wurde: die weiße Arbeiterschicht. Manche nennen sie „White Trash“, andere Hillbillys. Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton bezeichnete sie im Wahlkampf als die „Bedauerlichen“. Ebendiese kosteten sie letztlich den Wahlsieg.

Überaus seltene Einblicke in diese Bevölkerungsschicht liefert der US-Autor J. D. Vance nun auch dem deutschen Leser. Im Ullstein-Verlag ist die deutschsprachige Fassung seines „New York Times“-Bestsellers „Hillbilly-Elegie“ erschienen. Passender Untertitel: „Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise“.

Wie nah Vance mit seinen Schilderungen am Zahn der Zeit ist, zeigt allein das Echo auf die Veröffentlichung des Originals in den USA im Sommer 2016: TV-Sendungen thematisierten das Buch, der „Economist“ sprach wie viele andere vom „wichtigsten Buch über Amerika in diesem Jahr“. Kurz nach Erscheinen kletterte es bei der „New York Times“ auf Platz eins der Bestsellerliste, was Vance später noch einmal gelang – im Januar 2017.

Dabei macht Vance eigentlich nicht viel mehr, als seinen eigenen Werdegang zu beschreiben. Seine Heimat sind Jackson im US-Staat Kentucky und Middletown in Ohio. Die Gegend zählt zum sogenannten Rust Belt, dem Rostgürtel, in dem die weißen Arbeiter einst ohne Ende malochten, ehe die Industrie der Region ihren Niedergang erlebte. Dort sind sie zu Hause, die Hillbillys von heute. Viele von ihnen sind laut Vance schottisch-irischer Abstammung, sie sind weiß, arm und rau. Viele sind gegen Abtreibung und Homosexualität und hegen einen Groll gegen die Elite in Washington.

Auf den Schulhöfen lernt der junge J. D., wie man Schläge austeilt. Zu Hause versucht seine Oma im Zorn, seinen Großvater anzuzünden. Seine Mutter hangelt sich von einem Ehemann zum nächsten, während ihre einzige feste Beziehung zu diversen Drogen besteht. Für die Leute in seiner Nachbarschaft ist Armut „Familientradition“, für Vance Normalität. „Amerikaner nennen sie Hillbillys, Rednecks oder White Trash. Ich nenne sie Nachbarn, Freunde und Verwandte.“

Dass der Leser heute überhaupt ein Buch des Autors in der Hand halten kann, ist vor allem Vances burschikoser Großmutter Mamaw zu verdanken. Mamaw ist ein Hillbilly aus dem Lehrbuch, liebt Waffen und markige Sprüche und hasst es, wenn jemand die Familienehre beleidigt. Nur einmal muss sie weinen als ihr Enkel fragt: „Mamaw, liebt Gott uns?“

Irgendwie schafft es Vance zu den Marines, dann aufs College und mit harter Arbeit zum Jurastudium nach Yale. Heute lebt er in San Francisco und arbeitet als Investor. Mit Anfang 30 hat er damit das geschafft, was vielen in seiner Heimat verwehrt bleibt. Was ihn in Middletown zu einem Fremden gemacht habe, sei sein Optimismus gewesen, schreibt Vance. Dort herrsche stattdessen Zynismus und Unwillen zur Selbstkritik. „Vermeidungsstrategien und Wunschdenken zur Bewältigung von Schwierigkeiten“ nennt er das, wenn sich die Hillbillys einreden, dass ihre Probleme Schuld der Obama-Regierung seien. Vance geht teils hart mit seinen Mitmenschen ins Gericht – und erklärt nebenbei, wie so viele Wähler anfällig für Trumps Wahlversprechen werden konnten. - dpa

J. D. Vance: Hillbilly-Elegie. Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise. Ullstein, Berlin, 304 Seiten, 22 Euro.

Quelle: kreiszeitung.de

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