Schwankhallen-Chefin Pirkko Husemann im Interview

„Das hat ein riesiges Potenzial“

Pirkko Husemann ist seit 2015 künstlerische Leiterin der Schwankhalle. 
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Pirkko Husemann ist seit 2015 künstlerische Leiterin der Schwankhalle. Foto:

Bremen – Auch wenn ihr Vertrag auslief – ein bisschen überraschend kam es schon, dass Pirkko Husemann, seit fünf Jahren künstlerische Leiterin der Schwankhalle in Bremen, ihren Abschied verkündete. Dabei lief es seit einer Weile sehr gut, das Haus hatte sein Publikum gefunden, die Vorstellungen waren in aller Regel ausverkauft, auch wenn – oder weil – das Programm durchaus anspruchsvoll war. Über die Gründe für ihren Abschied von Bremen, ihre Erfahrungen und ihre Pläne für die Zukunft hat Pirkko Husemann mit unserer Zeitung gesprochen.

Warum verlassen Sie Bremen?

Ich verlasse Bremen, weil ich nach insgesamt sechs Jahren einschließlich der Vorbereitungszeit den Spagat zwischen Familie in Berlin und Arbeit in Bremen nicht mehr hinkriege. Dafür ist der Preis, den alle Beteiligten zahlen, zu hoch.

Schauen wir fünf Jahre zurück. Ihr Anfang verlief nicht ohne Konflikte – Stichwort: „Theater-Gau“, wie eine Zeitung schrieb. Was war da los?

Wir hatten, was gar nicht ungewöhnlich ist, anfangs nicht so wahnsinnig viele Besucher und haben das auch ganz selbstkritisch nach der ersten Spielzeit thematisiert, haben aber nicht damit gerechnet, dass uns dann so stark auf die Mütze gehauen wird. Das hatte aber nicht wirklich gravierende Auswirkungen, weil unser Publikum sowieso nicht über die Printmedien kommt. Wir haben bei einer Umfrage herausgefunden, dass das nur etwa zehn Prozent sind. Insofern war das erst einmal irritierend, hatte aber keine Auswirkungen auf die Auslastung. Wir hatten dann konstant steigende Besucherzahlen, da war dann alles gut.

Bei Intendantenwechseln wartet das Publikum erst einmal ab.

Und die Schwankhalle hatte auch kein Stammpublikum. Die Leute kamen, weil sie eine Verbindung zu den jeweiligen Künstlern hatten. Und auch jetzt haben wir verschiedene Publika, die sich für bestimmte Themen interessieren oder natürlich zu bestimmten Gruppen kommen. Aber es ist vor allem deutlich mehr als in unserer ersten Spielzeit.

Wie haben Sie das Publikum dann in die Schwankhalle gelockt, sodass Sie bei Ihrer zweiten Spielzeitpressekonferenz verkünden konnten: „Der Laden läuft“?

Nach der ersten Spielzeit, die uns überhaupt erst einmal die Möglichkeit gegeben hat zu sehen, was angenommen wird und was nicht, haben wir ein paar Weichenstellungen verändert. Wir haben darauf geachtet, dass wir mehr lokale Gruppen auf dem Spielplan haben und stärker über Kooperationen Programm mit Institutionen in der Stadt wie der Hochschule für Künste machen. Darüber haben wir das lokale Netzwerk verbreitert. Wir haben dann auch verstanden, welche Themen in der Stadt gerade diskutiert werden, wo wir mit unserem Programm andocken können. Das ist eigentlich logisch. Das erste Jahr bereitest du quasi blind vor, ohne die Stadt zu kennen. Im zweiten Jahr bist du ein Jahr dagewesen und hast genau die Erfahrungswerte, die du brauchst, um passgenau zu programmieren.

Was sind denn die Themen, die in Bremen diskutiert werden?

Ich werde das manchmal von Bewerbern auf meine Nachfolge gefragt. Was groß geschrieben wird, ist Antidiskriminierung, insbesondere Inklusion, und sozialpolitische und identitätspolitische Themen. Das ist für mich der Inbegriff von Bremen.

Das sind Dinge, die auch anderswo diskutiert werden, gerade heute, aber auch schon länger. Wie unterscheidet sich Bremen denn von Berlin, wo Sie sich sehr gut auskennen?

Gerade, was Inklusion angeht, ist Bremen weiter als Berlin. Dort sind natürlich ganz andere Mittel im Spiel, mit denen die Kultureinrichtungen große Programme auflegen können, um Barrierefreiheit im weitesten Sinne durchzusetzen. Aber die Sensibilität ist in Bremen viel stärker ausgeprägt als in Berlin. Dort ist man wiederum in Sachen Diversität viel weiter, vor allem, was die personelle Besetzung der Einrichtungen angeht. Angesichts der starken Präsenz von antirassistischen Initiativen in Bremen verwundert es, dass es in Bremen noch keinen Ort gibt, der aus einer Schwarzen oder People-of-Colour-Perspektive entstanden ist oder daraus besetzt wurde – wie das Ballhaus Naunynstrasse oder das Maxim-Gorki-Theater in Berlin.

Wenn die Schwankhalle etwas mit der Schwarzen Community gemacht hat, gab es da ein Aufatmen im Sinne von: Endlich gibt es auch etwas für uns?

Das war sehr unterschiedlich. Wichtig ist es, dass die Initiative von der Community ausgeht, damit sie sagen kann, dass ist von uns für uns. Und dann kommen die Menschen auch. Wenn wir Veranstaltungen dazu im regulären Programm hatten, war das nicht automatisch der Fall. Dann sind andere Leute gekommen, aber nicht unbedingt aus der Community. „Banana Island“ von den Apokalyptischen Tänzer*innen war ein Projekt, das die Brücke ziemlich gut geschlagen hat, weil es sehr viele Kooperationen über das Stück hinaus beinhaltet hat, sodass es akzeptiert wurde, obwohl es aus einer teilweise weißen Perspektive entwickelt war.

Die Pandemie hat Ihnen den Abschied gründlich verhagelt.

Im März war der Schreck groß. Wir hatten uns sehr gefreut auf die letzten Monate, wo wir ganz bewusst nur das machen wollten, was wir am wichtigsten fanden.

Es ging unter anderem um Sex.

Ja, es ging auch um Porno, aber das war im Rahmen eines feministischen Schwerpunkts. Und wir wollten die besten Stücke und unsere liebsten Künstler noch einmal dahaben. Die sind nun leider nicht gekommen, sondern wurden auf die nächste Spielzeit verschoben. Aber nachdem der erste Schreck vorbei war, habe ich es, wie wohl alle, akzeptiert, hab auch mein großes öffentliches Abschiedsfest abgesagt und gehe nun eher klammheimlich, aber auch mit Blick auf eine neue Aufgabe.

Was werden Sie nun tun?

Wir haben ja hier 2017 ein Projekt gemacht, wo wir in der Straße Sorgenfrei ein leerstehendes Wohnhaus bespielt haben. Ich habe damals gesagt: Wenn ich beruflich nur das machen könnte, wäre ich total glücklich. Und jetzt werde ich Vorstand der Stiftung Stadtkultur in Berlin, die von einem landeseigenen Wohnungsunternehmen gegründet wurde. Die Aufgabe der Stiftung ist, die Räume des Unternehmens, vor allem in Berlin-Lichtenberg, kulturell zu nutzen. Dazu gehören leerstehende Ladengeschäfte ebenso wie ein altes Sowjettheater mit 600 Plätzen, das seit 2007 leersteht. Das hat noch russische Ausgangsschilder.

Nehmen Sie aus der Schwankhalle etwas mit nach Berlin?

Oh ja. Die Tatsache, dass ich diesen neuen Job mache, ist erwachsen aus der Erfahrung hier. Erstens habe ich dort nicht mit einem Fachpublikum zu tun. Natürlich hat Berlin wahnsinnig viel Fachpublikum, aber nach Lichtenberg verschlägt es kaum jemanden davon. Das heißt: Keiner hat da nach Kultur gerufen. Das habe ich hier auch erfahren, aber gelernt zu nutzen. Und dann ist es tatsächlich die Erfahrung, in einer Stadt zu landen und zu schauen, was man für diese Stadt entwickeln kann. Ich kenne zwar Berlin sehr gut, aber Lichtenberg kenne ich überhaupt nicht. Das heißt, ich muss dort passgenau etwas für die Nachbarschaft entwickeln, das zugleich über den Bezirk hinausstrahlt. Und dann tatsächlich auch diese Sorgenfrei-Erfahrung, dass man mit Wohnungsbauunternehmen, Anwohnern und einem Gebäude zu tun hat. Alles muss vom Gebäude ausgehen, aber auch für den Rest der Stadt interessant sein. Das sind Sachen, die ich mitnehme und hoffentlich gebrauchen kann.

Was ziehen Sie kulturpolitisch für ein Fazit aus Ihrer Zeit in Bremen?

Visionen zu entwickeln unter Haushaltsnotlage ist irsinnig schwer, das musste ich auch leidvoll erfahren. Dennoch hat sich natürlich sehr viel getan in den letzten Jahren, was auch dazu geführt hat, dass jetzt ein großer Zuwachs im Kulturhaushalt vorhanden ist, inbesondere für die Freie Szene. Das finde ich auch schade, dass ich es nicht mehr mitkriege, wie sich das auf die Gruppen auswirkt, deren Produktionen besser ausgestattet sind. Ich glaube, dass sowohl die Gründung das Landesverbands Freie Darstellende Künste sowie die Dialoge mit der Kulturbehörde dazu geführt haben, dass man weiß, was da ist, was fehlt und was zu tun ist, wobei immer noch die Frage bleibt, wie es umgesetzt wird. Es wird den jeweiligen Künstlerverbänden viel Mitsprache eingeräumt, was sehr gut ist. Aber trotzdem geht es am Ende ja darum, Nägel mit Köpfen zu machen und zu sagen: Da ist jetzt der Fokus. Das passiert bei Schwerpunkten wie der Musikstadt Bremen oder den Bibliotheken. Aber bei der Freien Szene fiel sozusagen ein Zentrum für Freie Künste vom Himmel, wo ich dachte, da muss man jetzt sehr sorgfältig überlegen, wie das ausgestattet sein muss und wer es nutzt, damit sich das auch tragen kann. Da waren trotz der langen Gespräche auch die Verbände überrascht, dass das nun in greifbarer Nähe scheint. Das hat ein riesiges Potenzial, aber das muss auch ausgeschöpft werden. Dazu braucht es ein Team, das sich um das Nutzungskonzept kümmert. Da bin ich sehr gespannt, und das werde ich aus der Ferne aufmerksam beobachten. Ansonsten fühle ich mich bei Kultursenator Andreas Bovenschulte gut aufgehoben, was seine Wahrnehmung und sein Verständnis von Kultur angeht.

Von Rolf Stein

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