„Der Kohl mag mich nicht“

Kunstverleger Alexander Fils erinnert sich an den Verhüllungskünstler Christo

Im New Yorker Central Park realisierten Christo und Jeanne-Claude das Projekt „The Gates“.
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Im New Yorker Central Park realisierten Christo und Jeanne-Claude das Projekt „The Gates“.

Der Kunstverleger Alexander Fils hat mehr als drei Jahrzehnte mit dem Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude zusammengearbeitet. Er erinnert sich in einem Gastbeitrag für unsere Zeitung an besondere Stationen – und nächtliche Telefonate.

Düsseldorf – 1985 begann meine Zusammenarbeit und Freundschaft mit Christo und seiner Frau Jeanne-Claude, nachdem meine Eltern mich gefragt hatten, ob ich mich nur für Stadtplanung interessieren würde oder auch die Edition-Fils weiter fortführen würde. Ich sagte zu, das inzwischen 150 Jahre alte Familienunternehmen zu übernehmen, wenn ich erst einmal Zeit bekäme, für einige Monate in den USA Künstler, Museen und Galerien zu besuchen. So kam es, dass ich neben Rauschenberg und Sam Francis einen Termin bei Christo und Jeanne-Claude in New York erhielt. Obwohl ich der junge, noch völlig unbekannte, erst zukünftige Kunstverleger war, durfte ich sie in ihrem Atelierwohnhaus in Soho in ihren Privaträumen besuchen.

Die beiden klopften mich geistig ab, und als ich wiederholt fragte, ob ich etwas von ihnen verlegen dürfte, kanzelten sie mich ab mit der Bemerkung: „Wir machen alles selbst und sind unser eigener Galerist.“ Dann sagten sie: „Da liegt ein Stapel mit Drucken vom Projekt ,Verhüllter Reichstag‘, das wir in Berlin realisieren wollen. Sie können das mitnehmen und sich melden, wenn Sie etwas verkauft haben.“ Nach drei Monaten hatte ich die 100 Blatt verkauft und fragte, ob ich nun etwas verlegen könnte.

Nach diesem Erfolg und der braven Rückmeldung gab es die erste Vorlage für einen Druck. Wir benötigten mehr als 20 Andrucke, die hin- und hergeschickt wurden oder bei meinen Aufenthalten in New York und Christos regelmäßigen Besuchen in Düsseldorf begutachtet wurden, wo damals auch Wolfgang Volz, der einzige zugelassene Christo-Fotograf, lebte. Die Änderungswünsche waren rechte Balgereien wie: „More sunshine, please.“ Dann gab es das finale Okay, und danach war auf beiden Seiten das Verständnis so groß, dass es bei den nächsten Editionen nur noch wenige Korrekturen gab. Beim letzten Druck zum Projekt Arc de Triomphe in Paris erlaubte ich mir, nach dem ersten Andruck erst nach ein paar Wochen zu schreiben: Ich glaube, es ist perfekt. Und nachdem Christo es gesehen hatte, kam postwendend kurz vor seinem Tod die Antwort: „It‘s excellent, Alexander!“

Jeanne-Claude und Christo

Über die 35 Jahre war das Vertrauen so groß geworden, dass jeder wusste, was der andere erwartete, und in der ganzen Zeit gab es nie Verträge. Christo und Jeanne-Claude mussten nur anrufen und durchgeben, was sie wollten. Selbst als E-Mails selbstverständlich wurden, lief die Kommunikation über Telefon und Fax, aber es war erst nach 10 Uhr Ortszeit New York erlaubt, sich zu melden, also ab 16 Uhr bei uns. Umgekehrt war es selbstverständlich, mitten in der Nacht von Christo angerufen zu werden.

Obgleich ich schon die Chance gehabt hatte, 1985 über die verhüllte Pont Neuf in Paris zu laufen, war das Umbrella-Projekt, das 1991 in Japan und in Kalifornien zeitgleich realisiert wurde, das erste Werk, welches ich im Vorlauf miterleben konnte. Da die Schirme in einem Tal bei Tokio mit einem Durchmesser von circa neun Metern die Dimension von japanischen Häusern haben sollten, beschwerte sich Christo, dass er für jeden Schirm, insgesamt waren es mehr als 3 000, einen Hausbauantrag stellen musste.

Süssmuth hätte allein entscheiden können

Die positive Stimmung führte dazu, dass Rita Süssmuth auf Christo und Jeanne-Claude aufmerksam wurde. Sie schrieb dann den bemerkenswerten Brief an das Künstlerpaar mit der Frage, ob sie noch an dem Projekt für Berlin interessiert seien, und dass sie helfen könnte bei der Genehmigung. Nach fast 20 Jahren Arbeit an der Idee, den Reichstag zu verhüllen, glaubten die Künstler zunächst nicht, dass es jetzt ernsthaft eine Möglichkeit gäbe, das Kunstwerk zu realisieren. Christo selbst hatte mir jahrelang erzählt: „Der Kohl mag mich nicht.“ Es mag stimmen, dass Helmut Kohl kein besonderes Interesse an Kunst hatte, aber der Kanzler war gar nicht die entscheidende Figur. Hausherr des Reichstagsgebäudes war immer der jeweilige Bundestagspräsident, und die hatten bis dahin immer die Verhüllung abgelehnt, um keinen diplomatischen Konflikt in der Viermächtestadt Berlin und mit einem direkt an der Mauer stehenden Gebäude auszulösen.

Nach rund einem Jahr nahmen Christo und Jeanne-Claude Kontakt mit der Bundestagspräsidentin auf und lernten schnell die Zuverlässigkeit von Rita Süssmuth kennen. Sie hätte alleine die Entscheidung fällen können, aber dazu war ihr das Thema zu umstritten, sodass wir nach vielen internen Diskussionen Süssmuths Vorschlag gerne aufgriffen, dass sie auf die Tagesordnung des Bundestages eine Aussprache und Abstimmung über die Reichstagsverhüllung setzen könne. Das Paar nahm sich nun fast ein Jahr Zeit, um – zwischen Düsseldorf und Bonn pendelnd – mit beinahe jedem Bundestagsabgeordneten ein Einzelgespräch zu führen. Am Abend vor der Debatte im Bundestag saßen wir beim Abendessen zusammen, und ich fragte Christo: „Wirst du sehr enttäuscht sein, wenn morgen der Bundestag das Projekt ablehnen wird?“ Die Antwort war: „Nein, überhaupt nicht. Wir hatten das Glück, mit so vielen Menschen zu sprechen, die sonst nie über Kunst geredet hätten. Aber wenn es möglich ist, ist es vor allem ein Geschenk für uns und eine Möglichkeit zu sehen, ob unsere Vision richtig war. Und außerdem wird es ein Geschenk für alle interessierten Menschen.“

Alle Projekte von Christo und Jeanne-Claude außerhalb von Museen sind ohne Eintritt zu besichtigen, und die beiden haben nie öffentliche Gelder oder Sponsorengelder in Anspruch genommen. Es gehörte zu meinen Pflichten, dies in jeder Ausstellung und bei jedem Bilderverkauf deutlich zu machen, denn die Projekte wurden tatsächlich nur durch den Verkauf der Vorzeichnungen und der Grafiken finanziert. Allerdings mussten für die Realisierung immer hohe Kredite aufgenommen werden, die dann langsam und mit Mühe abgezahlt werden konnten. Erst 2005, beim Gates-Projekt in New York, rief mich nachts Jeanne-Claude an, um mir zu erzählen, dass sie gerade das letzte Bild zu diesem Projekt verkauft hatten und nun keine Collage oder Zeichnung mehr da sei. Sie fragte mich sofort: „Alexander, weißt du, was das bedeutet?“ Aber bevor ich etwas sagen konnte, rief sie ins Telefon: „Das bedeutet, wir sind das erste Mal schuldenfrei, nach 40 Jahren Arbeit.“

In Berlin 1995 wie auch in New York 2005 gehörte es zu meinen Aufgaben, illegale Reproduktionen, Fotos und Postkarten zu entdecken und sie vom Markt zu nehmen. Das funktionierte in Berlin ganz gut, auch wenn anfangs einige Menschen behaupteten, dass auf dem Gebäude „Dem Deutschen Volke“ stünde, aber fast alle begriffen nach ein paar Minuten ruhiger Gespräche, dass es ein Copyright auf Kunst gibt und ohne Genehmigung durch die Künstler bis weit nach ihrem Tod keine Abbildungen und Verkaufartikel angefertigt werden dürfen. In den USA gestaltete sich das Rechtsproblem etwas schwieriger, denn nachdem ich dort einigen wilden Händlern am Rande des Central Parks erklärte, dass sie ihre illegalen Produkte in den Müll werfen sollten oder ich die Polizei rufen würde, kam wenige Stunden später ein aufgeregter Anruf von Christo und Jeanne-Claude. Wir trafen uns sofort, sie waren in großer Sorge um ihren Ruf, denn die Presse in New York war von den einflussreichen Händlern angerufen worden, und es drohten nun Artikel mit dem Tenor, ein bulgarischer Künstler mit seiner französischen Frau und ihrem deutschen Kunstverleger würden die Freiheitsrechte der USA angreifen. Anders als in Deutschland darf in den USA alles (auch alles Falsche oder Beleidigende) gesagt werden, das heißt, es gibt absolute Meinungsfreiheit, die nun auch auf das Bildrecht bezogen wurde. Formalrechtlich wäre diese Position zwar angreifbar gewesen, aber um kein böses Blut zu erzeugen, war klar, dass ich nichts mehr gegen die „Raubritter“ unternehmen sollte.

Ansonsten war es eine äußerst glückliche Zeit. Mein gerade ein Jahr alter Sohn zupfte an den orangenen Stoffen der Gates-Installation von Christo und Jeanne-Claude, wenn er auf meiner Schulter saß und nicht von meiner Frau durch den Central Park geschoben wurde. Zwischen den beiden großen Projekten (verhüllter Reichstag in Berlin und The Gates in New York) hat es sehr spannende kleinere Installationen gegeben, wie die verhüllten Bäume 1997/98 im Schweizer Riehen, bei denen Jeanne-Claude und Christo jeweils andere Gruppen mit den Verhüllungen beauftragten beziehungsweise Anweisungen gaben, aber ein Gemeinschaftswerk realisierten. Ästhetisch war es auch mit den unterschiedlichen Wetterbedingungen bis hin zum Schnee ein Meisterwerk.

Nach vielen Jahren Teil der Christo-Familie

Bei einem Motiv, das ich vor der Verhüllung drucken sollte, war mir aufgefallen, dass die Wiesen vor den Bäumen eine gelbliche Färbung hatten und das bei uns im Winter in den Voralpen selten so vorkommt. Ich hatte also meine Zweifel, ob Christo eventuell zu sehr an die Rocky Mountains gedacht hatte, wo es die gelben Wiesen gibt. Also fragte ich vorsichtig Jeanne-Claude, ob ich die Farbe ändern solle. Sie war auch erstaunt, aber verwies mich an Christo. Der wurde zwar nicht grantig, als ich seine künstlerische Interpretation infrage stellte, aber mit klarer deutlicher Stimme kam die Antwort: „I am the artist and you have to print it in yellow.“ Eine Erklärung gab es nicht. Umso größer die Überraschung, als wir im frühen Winter in Riehen bei Basel vor Ort waren und der Boden gelblich schimmerte. Nur war es nicht der Rasen, sondern die heruntergefallenen Blätter, die sich gelb gefärbt hatten. Der Künstler hatte es richtig vorhergesehen, nur nicht erklären können oder wollen.

Auch die Ölfässermauer in Oberhausen ein Jahr später 1999 war spektakulär mit der Fahrt im gläsernen Lift daran vorbei und der Kombination von Land-Art, Pop-Art, Konzeptkunst bis hin zur Op-Art durch die Irritation der Farbanordnungen der Fässer. Es konnten immer nur wenige Hundert Fässer pro Tag produziert werden, die dann alle im festgelegten Prozentsatz lackiert angeliefert wurden. Doch die Mitarbeiter durften die Fässer so vom Lastwagen nehmen, wie sie gerade zugreifen konnten. Das Ergebnis war eine Mauer, die einem System zu folgen schien, aber dies immer nur in Bezug auf ein paar Hundert Fässer der Tageslieferung – und nicht in Bezug auf die 13 000 Ölfässer im Gasometer.

Über viele Jahre wurde ebenfalls am Projekt „Over the River“ gearbeitet. 1996 durfte ich Christo und Jeanne-Claude mehrere Wochen mit Wolfi, wie Wolfgang Volz genannt wurde, sowie einigen Freunden und Ingenieuren auf einer spannenden Reise durch die Rocky Mountains begleiten. Wir fuhren von der mexikanischen Grenze und dem Rio Grande bis Idaho kurz vor der kanadischen Grenze. Auf Anweisung von Christo wurden Seile über sechs verschiedene Flüsse gezogen, um dann mithilfe von Fotos im Atelier Studien zu machen, wie die Idee von Stoffbahnen über einem Wildwasserfluss mit Raftingbooten am besten zu realisieren sei. Ich hatte nicht nur die Ehre, später als Figur auf ein paar Studien von Christo aufzutauchen, sondern wurde nun als Teil der Christo-Family bezeichnet.

2009 starb Jeanne-Claude in Folge eines Sturzes und eines Aneurysmas. Als sie schon im Koma lag, kam nachts von Christo der Anruf, dass sie im Begriff sei zu sterben. Doch typisch für positiv eingestellte Menschen gab es keine Trauerfeier. Sie hatte ihren Körper der Wissenschaft vermacht und sich eine fröhliche Feier im nächsten Frühjahr zu ihrer Erinnerung gewünscht. Christo bereitete dieses Fest monatelang vor, das dann im April 2010 als einzigartige Veranstaltung im ansonsten geschlossenen Metropolitan Museum gefeiert wurde. Wunschgemäß wurden nur die fröhlichsten Bilder und Filme gezeigt.

Christo hat nach einer kleinen Pause weitere wunderbare Projekte realisiert: zunächst mit einem riesigen Ballon, erneut im Gasometer in Oberhausen, dann das vollkommen überrannte Werk am Lago d‘Iseo in Italien mit Stegen im See, die von orangenem Stoff ummantelt waren, und schließlich noch die Mastaba (nach dem Vorbild eines antiken ägyptischen Grabbaus) im Hyde Park als Vorbild für eine noch größere Mastaba in Abu Dhabi.

Nun werden Christos Neffen und sein Sohn das letzte fertig geplante und vorproduzierte Werk umsetzen: die Verhüllung des Arc de Triomphe in Paris im September 2021. Die beiden Künstler und die großen Projekte sind vergangen, aber sie leben in der Erinnerung der Besucher, in Filmen, Fotografien und Zeichnungen weiter.

Sehen

Die Kleine Kunsthalle in Ehrenburg-Öftinghausen zeigt ab Sonntag die Ausstellung „Stadt, Land, Fluss“, in der auch Werke von Christo zu sehen sind.

Von Alexander Fils

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