Städtische Galerie zeigt Förderpreisausstellung

Der Rhythmus des Regens

Ausgeflaggt: Ausschnitt aus der Installation „Niemandsländer“ von André Sassenroth in der Förderpreisausstellung in der Städtischen Galerie in Bremen. 
Foto: Bernadette Haffke
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Ausgeflaggt: Ausschnitt aus der Installation „Niemandsländer“ von André Sassenroth in der Förderpreisausstellung in der Städtischen Galerie in Bremen. Foto: Bernadette Haffke

Bremen – Es klingt ein bisschen wie Eulen nach Athen tragen, wenn die – obendrein noch griechischstämmige – Künstlerin Effrosyni Kontogeorgou es in Bremen regnen lässt. Aber es ist weder ein Versehen noch ein Witz, dass sie dafür nun mit dem Bremer Förderpreis für Bildende Künste 2019 gewürdigt wird.

Die mit 6 000 Euro sowie einer Einzelausstellung und einem Katalog dotierte Auszeichnung ehrt seit 1977 alljährlich junge Künstler aus der Region. Wegen der Coronapandemie wurde die Ausstellung aus dem April in den Sommer verschoben, aus dem gleichen Grund gibt es keine öffentliche Preisverleihung – diese nahm Kulturstaatsrätin Carmen Emigholz gestern im Anschluss der Pressevorbesichtigung vor.

13 Künstler waren von einer Fachjury aus rund 35 Bewerbungen ausgewählt worden und sind von Sonntag bis zum 13. September in der Städtischen Galerie zu besichtigen. Ein Schwerpunkt liegt diesmal auf installativen Arbeiten, also Kunst, die sich nicht damit begnügt, an der Wand zu hängen, sondern sich im Raum positioniert.

Dabei sind einige Arbeiten recht offensichtlich ganz speziell auf die Ausstellungsräume am Buntentorsteinweg zugeschnitten. Und im Falle der Preisträgerin sogar mit Blick aus ihnen heraus. Den Notausgang des großen Galerieraums hin zum Deich hat sie geöffnet – und lässt es dort regnen. Der Titel der preisgekrönten Arbeit – „Höhere Gewalt oder wie der Flügelschlag eines Rohrsängers einen Platzregen auslöst“ – deutet schon an, dass es kein vermeintlich typisch bremischer Dauerregen ist. Und es ist tatsächlich der per Bewegungsprotokoll fixierte Flügelschlag eines Vogels, der den Rhythmus des Regens bestimmt.

Das bedeutet, dass man durchaus nass werden kann, betritt man von der Deichseite aus die Ausstellung. Was, wie Kurator Ingmar Lähnemann bemerkt, die Institution der Städtischen Galerie vor Herausforderungen stellt. Architektonisch, weil dabei immer wieder Wasser in die Räume dringt, aber auch administrativ, weil der Einlass in die Galerie in Coronazeiten freilich auch geregelt sein muss.

Dabei besticht Kontogeorgous Werk weniger wegen dieser Irritationen als durch seine ganz sinnliche Kraft, die in die Ausstellung hineinwirkt wie auf ganz andere Weise die prominent die Eingangshalle bestimmende Rauminstallation „Real Estate 2020“.

Daniel von Bothmer hat hier eine knallbunte Fantasiewelt erschaffen, die sich scharf abgrenzt vom Rest der Welt: Glasscherben und Taubenabwehrstacheln besetzen die umgebende Mauer. Und auf den Stacheln aufgespießt, verbreiten WC-Steine ihren markanten Geruch, der sich von den Mauern des kunstvoll ausstaffierten Anwesens unbehelligt im Raum ausbreitet.

Auch sonst gibt es viel zu entdecken. Amina Brotz, Sarah Lüdemann, André Sassenroth, Kate Andrews, Esther Adam, Pia Pollmanns, Ghaku Okazaki, Paula Hurtado Otero, Irene Strese, Hannes Middelberg und Lisa Sinan Mrozinski haben es zu Recht in die Auswahl geschafft. Sie erkunden am besten selbst, warum. Guter Jahrgang!

Sehen

Ab Sonntag, bis 13. September, Städtische Galerie, Bremen.

Von Rolf Stein

Typisch bremisch? „Höhere Gewalt oder wie der Flügelschlag eines Rohrsängers einen Platzregen auslöst“ von Preisträgerin Effrosyni Kontogeorgou. Foto: Franziska von den Driesch

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