„Das Dynamische Archiv“

Labyrinth der Dinge

+
Bügeleisen und Ballon sind nur zwei Dinge in diesem besonderen Archiv.

Die Bremer Hochschule für Künste arbeitet an einem „Dynamischen Archiv“ für künstlerische und technische Arbeitsweisen. Performance-Künstlerin Eva Meyer-Keller entwickelte nun einen Beitrag, der das ganze Ding noch einmal auf den Kopf stellen könnte

Bremen – Da sitzen sie tagelang auf einem kargen Fußboden, um zwischen Fotos, Klebezetteln und allerlei Listen an den Details eines ausgesprochen komplizierten Witzes zu feilen. Und der ist wirklich lustig – um das gleich vorweg zu nehmen – auch wenn die Sache erst einmal ziemlich dröge klingt. Es geht um „Das Dynamische Archiv“ der Bremer Hochschule für Künste (HfK): ein Internetprojekt, das gerade Stück für Stück mit künstlerischen und technischen Arbeitsweisen gefüttert wird. Also weniger um das Was der teilnehmenden Institutionen geht es, sondern um das Wie ihrer Arbeit. Softwareentwickler machen da mit, so wie auch Museen, das Oldenburger Edith-Russ-Haus für Medienkunst – und aus dem Theaterbereich auch die Bremer Schwankhalle.

Die hat nun Performancekünstlerin Eva Meyer-Keller aus Berlin eingeladen, eine Arbeit für dieses Archiv zu entwickeln und sie dort einzuspeisen. „Scores of Matters“ heißt der Beitrag, der noch längst nicht fertig ist, der aber schon jetzt schon damit droht, die ganze Geschichte gewaltig auf den Kopf zu stellen.

Der Arbeitsauftrag ist einigermaßen vage – und verlangt den Teilnehmern ab, sich auch kritisch zur eigenen Arbeit zu verhalten. Wie weit geht zum Beispiel open source in der Kunst? Oder: Wer soll mit so einem Eintrag wie arbeiten können? Gerade für die freie Performance-Szene ist das hochinteressant. Nur wenige können auf das gebündelte Wissen nur sehr weniger großer Produktionshäuser zurückgreifen. Würde es tatsächlich gelingen, das oft eher praktische Denken hinter einer Performance abrufbar zu archivieren, könnte es zu einem sehr wertvollen Werkzeug für die Künste werden. Nur weiß eben niemand, wie genau sowas gehen könnte.

„Ich will das gar nicht auf die richtige Weise machen“, sagt Eva Meyer-Keller, der Beitrag sei ein Spiel mit dem Archiv und eines über das Archivieren. Was nicht heißt, dass es kein ernstes wäre. Meyer-Keller arbeitet seit vielen Jahren vor allem mit Objekten, beziehungsweise mit dem Rattenschwanz, der an scheinbar schnöden Sachen so dranhängt, wenn man fragt: Was für Emotionen sind damit verbunden? Welche Geschichten? Ja, und wenn man es ganz dicke will, auch: Wie viel Blut klebt dran? Weil ja doch erstaunliche viele Alltagsgenstände bis heute die Spuren kolonialistischer Raubzüge tagen.

Für das Archiv haben Meyer-Keller und ihre Mitarbeiterinnen Ilya Noé und Emilia Schlosser nun erst einmal lange Listen aufgesetzt darüber, womit sie in der Vergangenheit so alles gearbeitet haben: „Schere“ steht drauf, „Aquarium“, „Rumflasche“ oder „Tampon“. Ungefähr 100 sind es bislang, ob es dabei bleibt, ist noch offen. Jedenfalls soll am Ende eine Website entstehen, auf der diese Dinge als Schattenfotos aus verschiedenen Perspektiven auftauchen und verwaltet werden.

Der besagte Witz liegt nun darin, dass diese Dinge nicht einfach in ein starres System gepresst werden – sondern zeitgleich in mehrere. Nach Gewicht sortiert kann die Website sie etwa ausgeben, entlang ihrer Formen und Farben, oder aber auf den Grundriss einer Wohnung verteilt. Und spätestens dann wird die Absurdität klar: denn natürlich lässt sich ein Tampon aus je guten Gründen nicht nur dem Badezimmer zuordnen, sondern auch dem Schlafzimmer, der Küche, dem Wohnzimmer – er kann und wird eben überall eine Rolle spielen, wenn man nur danach fragt.

Um kurz bei diesem Tampon zu bleiben: Für die Anwendung ist die Kategorie „Gewicht“ einigermaßen egal, die „Form“ wiederum total entscheidend. Umgekehrt verhält es sich beim Zucker: In heißem Tee kommt es nur auf die Menge, während man spätestens beim Umrühren getrost vergessen kann, ob diese drei Gramm früher mal ein kantiger Würfel waren, oder ein Häufchen klitzekleiner Krümel. Erstaunlicherweise werfen aber gerade die abstrakten Kategorien auch die größten Verunsicherungen auf. Für den Markt ist die Zuckerform zum Beispiel überhaupt nicht egal, erinnert Eva Meyer-Keller, weil sich Würfel eben so schön stapeln und dosieren lassen. Andererseits verweist das Gewicht des Tampons am stärksten auf seinen Rohstoff und den Warencharakter: Baumwolle, ein klassisches Beutegut aus den Kolonien. Man kann beim Herumtreiben in Eva Meyer-Kellers Archiv auf diesen Gedanken kommen – es muss aber auch nicht passieren.

Und das ist genau der Punkt: Assoziationsketten entrollen sich hier- oder dorthin. Sind nie zwingend und widersprechen sich auch gerne mal. „Scores of Matters“ versucht nun gerade, dieses Nichtlineare aufzugreifen und die Gleichzeitigkeit verschiedener Wege und Gedanken zu dokumentieren.

Das heißt: Für den Erklärtext neben dem Tamponfoto, macht es einen großen Unterschied, auf welchem Pfad durchs Archiv die Leserin hierher gefunden hat. Es wird verschiedene Texte geben, die ihren Weg jeweils mitnehmen. Auch im Archiv gilt also eine Grundregel der Performancekünste: Objektives Überblickswissen gibt es nicht, was zählt, ist die subjektive Erfahrung. Für ein Archiv ist das eine Zumutung, auch für ein dynamisches.

Ilya Noé legt eine Reihe von Gegenständen auf den Boden, ein Muster nach beinahe zufälligen Verknüpfungen: Der Tampon baumelt am Faden wie ein Teebeutel, der zum Teeei führt, das wiederum einer Schere ähnelt. Und da bricht die Reihe kurz ab, weil Emilia Schlosser sich fragt, warum die Metapher von der „Schere zwischen arm und reich“ so unzureichend ist. Weil eben keine Symmetrie in der Gesellschaft steckt, sondern sehr, sehr viele gegen sehr, sehr wenige stehen. Ein Gedanke im Labyrinth, der vielleicht hängen bleibt, und vielleicht auch nicht.

„Wie sind wir denn darauf jetzt nochmal gekommen?“, fragt Eva Meyer-Keller und jeder kennt das Problem. Dass die Frage im Gespräch über „Scores of Matters“ allerdings gleich viermal fällt, ist auch kein Wunder. Genau darum geht es ja eben: Wie ist wichtiger als Was.

Gerade für die Performances von Eva Meyer-Keller ist wichtig, was passiert, wenn man Dinge ein bisschen anders benutzt als üblich. Zu sehen war das in Bremen etwa in „Death is certain“, wie sie Obst zerstört und in organisch-monströse Brocken zerlegt hat. Oder in „Things on a table“, wo ein und dieselben auf einem Tisch liegende Gegenstände dank Sound, Licht und Kontext mal als symbolisch überladenes Stillleben daherkommen – dann wieder als plumpes Werbeplakat.

Noch komplexer ist Meyer-Kellers jüngste Arbeit, „Living Matters“, die gerade in Essen Premiere gefeiert hat. Dort erzählen Laborabläufe an verschiedenen Geräten und Präparaten eine Idee naturwissenschaftlichen Arbeitens, hinter der irgendwo versteckt die Geschichte von Henrietta Lacks schlummert: einer schwarzen US-Amerikanerin, der in den 50ern ohne ihr Wissen Zellen entnommen und kultiviert wurden, die bis heute in der medizinischen Forschung verwendet werden. Auch das sind Geschichten, die zwischen den Dingen spielen. „Living Matters“ spricht nie direkt von Henrietta Lacks und diesem Fall.

So etwas wird auch das dynamische Archiv nicht sichtbar machen. Aber vielleicht wird beim Verirren zwischen den Datensätzen doch fühl- und begreifbar, dass irgendetwas jenseits unserer Kontrolle passiert, oder bereits passiert ist. Und dann wird aus all diese Zetteln und Daten am Ende vielleicht doch so etwas wie eine Performance im digitalen Raum. Es ist jedenfalls ausgesprochen aufregend, was da passiert, wenn Eva Meyer-Keller, Ilya Noé und Emilia Schlosser so viel Aufwand treiben, obwohl sie ihren Job ja eigentlich gar nicht „richtig“ machen wollten.

Vortrag zum Thema

Heute um 19 Uhr, Schwankhalle

Infos

www.thedynamicarchive.net

Quelle: kreiszeitung.de

Das könnte Sie auch interessieren

Auto

Der Mercedes GLB ist ein Familienauto in cool

Der Mercedes GLB ist ein Familienauto in cool
Genuss

Vorsicht: Diese Lebensmittel sollten Sie auf keinen Fall aufwärmen

Vorsicht: Diese Lebensmittel sollten Sie auf keinen Fall aufwärmen
Welt

"Bibersee" sogar auf Google Maps

"Bibersee" sogar auf Google Maps
Karriere

Welche Benefits sich für Berufstätige lohnen

Welche Benefits sich für Berufstätige lohnen

Meistgelesene Artikel

Max Mutzke ohne Schlagzeug und Klavier

Max Mutzke ohne Schlagzeug und Klavier

Mehr Metal für Bremen: Vier neue Bands für Hellseatic-Festival bestätigt

Mehr Metal für Bremen: Vier neue Bands für Hellseatic-Festival bestätigt

Oldenburgisches Staatstheater zeigt Uraufführung „Mission Mars“

Oldenburgisches Staatstheater zeigt Uraufführung „Mission Mars“

Keine Furcht vor Furien

Keine Furcht vor Furien

Kommentare