Ohne Prosecco

Eine Sängerin, vier Martins, ein Florian und ein Passagier: Annett Louisan in Bremen

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Zwar ohne Album, aber dafür mit neuen Songs tourt Annett Louisan durch die Republik.

Bremen - Von Mareike Bannasch. Eigentlich wollte sie in Bremen ihr neues Album vorstellen. Eigentlich, denn es kam ein „kleiner Passagier“ dazwischen, der sämtliche Pläne durcheinanderwirbelte. Für Annett Louisan aber kein Grund, traurig zu sein – ganz im Gegenteil.

Am Samstagabend steht die Hamburgerin im Congress Centrum auf der Bühne, mit unübersehbarem Babybauch und etlichen neuen Songs.

Kaum ein Genre wird ausgespart

Sicher, ein gewisses Risiko ist immer dabei, wenn ein Künstler seinem Publikum neue Kompositionen zumutet. Besonders, wenn die Fans nicht die Chance hatten, sich vorab bereits in die Songs einzuhören. In Bremen allerdings funktioniert dieser Spagat zwischen bekannten und unbekannten Stücken fabelhaft. Wohl auch, weil es durchaus eine musikalische und in allen Facetten umgesetzte Weiterentwicklung gibt, Louisan dennoch ihrem gewohnten Stil treu geblieben ist.

Trotz einer komplett neuen Band, vier Martins aus Argentinien, Deutschland, Kanada und Schottland sowie ein Florian aus Österreich, gibt es noch immer die für die Sängerin so charakteristische Mischung aus aussagekräftigen Texten und Kompositionen, die sich von Pop über Country und leichtem Swing bis hin zu Blues durch fast alle Genres hangeln. Da ihre fünf Mitstreiter auf der in einer gemütlichen Wohnzimmeroptik eingerichteten Bühne zumeist musikalisch zurückhaltend am Werk sind, bleibt genügend Raum für die samtig weiche und fast schon feenhafte Stimme Louisans.

Eine Ode an das Schöne, welches als selbstverständlich angenommen wird

Dreh- und Angelpunkt des Abends ist aber die Schwangerschaft der Sängerin. Wenig überraschend, ist ihr Babybauch doch mittlerweile unübersehbar. Doch nicht nur bei ihr, angesichts der Schwangerschaftsdichte im Publikum stellt sich durchaus die Frage, ob Annett Louisans Musik mittlerweile in Geburtsvorbereitungskursen empfohlen wird. Wie dem auch sei, das bevorstehende Familienglück macht sich auch in den neuen Texten breit, sie handeln weniger von gescheiterter Liebe und dem Schmerz verlassener Seelen, setzen sich stattdessen mit Glück und Familie auseinander. Und sagen laut und deutlich: Hier ist jemand angekommen und zufrieden. Eine Lebenslage, die auch Bilanzen und Blicke zurück zulässt.

So wie in dem sehr nachdenklichen Lied „Zweites erstes Mal“. Eine Ode an all die Dinge, die wir schon lange nicht mehr sehen und viel zu verständlich nehmen: Schmetterlinge etwa oder ein strahlend blaue Himmel. Ein Song als unverhohlener Aufruf, auch einmal innezuhalten und sich Zeit zu nehmen, die Dinge wieder wie zum ersten Mal zu betrachten.

Empfehlung der Sängerin: Häufiger Umwege wagen

So unverstellt wie der erste Blick auf einen Schmetterling sind auch Annett Louisans Interpretationen verschiedener Lieder deutscher Kollegen, die sie im vergangenen Jahr auf „Berlin, Kapstadt, Prag“ veröffentlicht hat. Nach einer Teilnahme an dem kuscheligen Sängertreffen „Sing meinen Song“ und auch, weil sie sich selbst auf den Keks gegangen sei, nahm die Hamburgerin in Prag zehn Stücke in zehn Tagen auf, zwei davon präsentiert sie in Bremen. Und beschert ihrem Publikum einen seltenen Moment: eine Coverversion, die sehr viel besser ist, als das Original. So wird „Engel“ von Rammstein zur verträumten, eben engelsgleichen Nummer, die sehr viel besser zum Text passt als das krachende Original, während Stark von „Ich + Ich“ mit einer ausdrucksstarken klar weiblichen Perspektive daherkommt.

Doch zwischen neueren Songs bleibt auch immer noch Zeit für alte Hits aus der Anfangsphase der Künstlerin, wie „Eve“, „Drück die 1“ oder „Das Spiel“. Da ist das stimmgewaltige Publikum dann vollends überzeugend und erjubelt sich mehre Zugaben, von denen „Die schönsten Wege sind aus Holz“ aus dem Repertoire des fabelhaften Abends ganz ohne Prosecco deutlich herausragt. Ist das Stück doch ein nur vom Klavier begleitetes wunderbar melancholisches Plädoyer dafür, dass Umwege oftmals zu einem sehr viel schöneren Ziel führen als man es anfangs noch dachte und man sie deshalb viel öfter wagen sollte. Symbolträchtiger kann ein Konzert nun wirklich nicht enden.

Quelle: kreiszeitung.de

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