Das Sprengel Museum in Hannover zeigt „Aggregatzustände“

Entwickelter Alltag

Material als Thema der Kunst: Daniel Spoerri: Fallenbild mit rotem Teller. Foto: herling/herling/werner, sprengel Museum

Hannover - Von Jörg Worat. Bronze, Ton oder Alabaster: Das sind Materialien, mit denen wir in der Kunst rechnen. Wie aber steht‘s mit Schwefel, Joghurt oder Rauch – die Ausstellung „Aggregatzustände“ im Sprengel Museum bindet jedenfalls auch ungewöhnliche Werkstoffe ein.

Die Schau umfasst mehr als 60 Arbeiten, darunter erstmals gezeigte, und beweist einmal mehr die Reichhaltigkeit der hauseigenen Sammlung. Die Auswahl macht sehr deutlich, wie das Material sich im Laufe des 20. Jahrhunderts gleichsam emanzipierte und selbst zum Thema der Kunst wurde.

Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Zeit um 1960, als man sich zunehmend von den abstrakt-expressiven Strömungen der Nachkriegszeit abzukoppeln suchte. Die Künstler des „Nouveau Réalisme“ verwendeten in mannigfacher Weise Alltagsmaterialien und sind entsprechend vielfältig in der Ausstellung vertreten. Es gibt die Decollagisten wie Jacques Villeglé oder Mimmo Rotella, die sich bei Plakatschichtungen an öffentlichen Wänden bedienten. Armand Pierre Fernandez alias Arman schuf unter anderem Kästen mit Anhäufungen von Gegenständen, die so, ihrer eigentlichen Funktion enthoben, eine fast surreale Wirkung entfalten konnten – das Exemplar im Sprengel Museum etwa enthält Motorkolben.

Auch Verpackungskünstler Christo stand der Gruppe nahe und ist hier mit einem eingewickelten Bürostuhl vertreten – der Reichstag lag damals für ihn noch nicht drin. Eine philosophisch geprägte Ausrichtung verfolgte Yves Klein, der schon mal mit Feuer über eine Papierarbeit ging.

Das leitet über zu den „Zero“-Künstlern wie Otto Piene, der auch in Celle seine Spuren hinterlassen hat. Sie setzten sich mit elementaren Themen wie Licht, Transformation und Bewegung auseinander – von Piene ist ein Rauchbild zu sehen, während der Kollege Günther Uecker mit einem hochdynamischen Nagel-Bild sein typisches Material präsentiert.

In der alten Kunst gab es die „Vanitas“-Gemälde, auf denen Totenschädel, Uhren oder angewelkte Blumen die Endlichkeit allen Seins symbolisierten. Der gebürtige Hannoveraner Dieter Roth (1930 bis 1998) setzte die Vergänglichkeit unmittelbarer in Szene, indem er organische Materialien wie Wurst oder Käse verwendete. Natürlich darf in einer solchen Ausstellung auch der Urvater der Materialkunst nicht fehlen, zumal er ebenfalls aus Hannover stammte: Ein kleiner Querschnitt durch das Werk von Kurt Schwitters zeigt, dass man unter anderem mit Abfall Bilder komponieren kann.

Wer das alles dann doch zu schräg findet, mag sich an einer organischen Marmorskulptur von Hans Arp erfreuen, Erich Hausers wuchtige Stahlplastik betrachten oder eine im wahrsten Sinne des Wortes brandneue Arbeit von Alice Musiol ins Visier nehmen – das an ein Mandala erinnernde Gebilde aus Streichhölzern ist bis dato noch nie gezeigt worden.

Sehen

Dienstag 10 bis 20 Uhr sowie Mittwoch bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr.

Quelle: kreiszeitung.de

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