In „Frühlingserwachen“ erzählen junge Bremer vom Erwachsenwerden

Gemeinschaft, Spiel und Konkurrenz

Es ist zum In-die-Luft-gehen: Junge Männer entdecken in „Frühlingserwachen“ ihre Sexualität. Fotos: Jörg Landsberg

Bremen - Von Rolf Stein. Immerhin bringt sich diesmal niemand um. Wie noch bei Frank Wedekind, der vor mehr als hundert Jahren mit seinem Stück „Frühlings Erwachen“ einen veritablen Theaterskandal entfachte. Wegen seiner „Obszönität“ einst zensiert, wurde das Stück, in dem eine Gruppe Teenager ihre Sexualität entdeckt und dabei kräftig mit den Moralvorstellungen der wilhelminischen Gesellschaft aneinander gerät, später Schullektüre – und unverwüstlicher Theaterstoff, zumindest in seinen Grundzügen. Dass Eltern ihren Kindern heute noch erzählen, zum Kinderkriegen bräuchte es Heirat und große Liebe wirkt freilich ein bisschen aus der Zeit gefallen. Häusliche Gewalt, Scham, Tabuisierung von Sexualität dagegen leider nicht.

Am Theater Bremen haben Hausregisseurin Alize Zandwijk und der Choreograf Tomas Bünger nun eine neue Version des Stücks auf die Bühne gebracht. Aus Wedekinds „Kindertragödie“ wurde in einem im August vergangenen Jahres begonnenen Probenprozess ein neues Stück zwischen Schauspiel und Tanztheater, in dem die zehn jugendlichen Darsteller eine ganze Menge von sich preisgeben. Dabei tauchen zentrale Motive aus Wedekinds Vorlage auf, vom gemeinsamen Onanieren auf einen Keks über das Märchen von der „Königin ohne Kopf“ bis immerhin zum Gedanken daran, dem eigenen Leben ein Ende zu setzen.

Das Bühnenbild von Thomas Rupert, eine Turnhalle, das aus der Produktion „Amour“ von Alize Zandwijk von 2018 übernommen wurde, bietet nicht nur Gelegenheit für einige spektakuläre akrobatische Einlagen, sondern setzt vor allem einen Rahmen, der gleichermaßen Gemeinschaft, Spiel und Konkurrenz impliziert. Vor allem Letztere entwickelt gelegentlich im wirklichen Leben äußerst gewalttätige Züge, die hier auch angespielt werden. Allerdings münden sie immer wieder in eher spielerische Bewegungen, sei es ein Basketballspiel, seien es Turnübungen an der Sprossenwand. Die Kostüme von Greta Bolzoni geben den Akteuren dazu ausreichend Bewegungsfreiheit.

Existenziell wird es allerdings durchaus. Was Wedekinds Jugendliche als Problem nicht hatten, betrifft heute bekanntlich viele junge Leute in unserer Gesellschaft: Erfahrungen von Bürgerkrieg und Flucht, die auch eine Jugend bestimmen. Andere, mit nach außen hin weniger dramatisch wirkenden Biografien, machen deutlich, dass auch eine Jugend im relativen Wohlstand alles andere als ein Idyll sein kann, Stichwort Essstörungen. Das Ensemble dieses „Frühlingserwachens“ ist in dieser Hinsicht jedenfalls ganz auf der Höhe der Zeit und damit nach Zandwijks „Mütter“ ein weiteres Argument für die Bürgerbühne, die das Theater Bremen bekommen soll.

Bemerkenswert ist in diesem Sinne auch, wie beherzt diese jungen Männer sich in Szenen begeben, in denen sie buchstäblich die Hosen herunterlassen müssen. Oder sich küssen. Einen Kuss zweier junger Männer so lange auszuspielen, wie hier zu sehen ist, dürfte schon einiges an Mut erfordern. Dabei werden kulturelle Unterschiede und unterschiedliche Moralvorstellungen durchaus angesprochen. Aber sie werden in geradezu utopisch wirkender Freundschaftlichkeit bewältigt.

Die nächsten Termine

Donnerstag, 30. Januar (ausverkauft, eventuell Restkarten an der Abendkasse), Freitag, 7. Februar, Samstag, 15. Februar, Mittwoch, 4. März (ausverkauft, eventuell Restkarten an der Abendkasse), Mittwoch, 11. März, jeweils 20 Uhr, Kleines Haus, Theater Bremen.

Quelle: kreiszeitung.de

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