INTERVIEW Christian Kötter-Lixfeld über die Bremer Philharmoniker in Corona-Zeiten

„Gesundheitsschutz steht über allem“

Wandeln auf schmalem Grat: Die Bremer Philharmoniker über den Dächern der Stadt.  
Fotos: Caspar Sessler
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Wandeln auf schmalem Grat: Die Bremer Philharmoniker über den Dächern der Stadt. Fotos: Caspar Sessler

Bremen – Auch die Bremer Philharmoniker wurden vom Lockdown überrumpelt. Was sie für die kommende Saison planen und wie sie auf die Coronakrise reagiert haben, hat uns ihr Intendant, Christian Kötter-Lixfeld, erzählt.

Herr Kötter-Lixfeld, wie fühlt es sich an, nach Wochen endlich wieder zum Proben zusammenzukommen?

Großartig, aber auch ungewohnt. Uns wurde mit dem Lockdown am 13. März sehr unvermittelt der Stecker gezogen. Plötzlich gab es in unserem Berufsalltag keine Bühne und kein Publikum mehr. Damit muss man erst mal klarkommen. In dieser Situation haben wir schmerzhaft deutlich gemerkt, wie sehr wir auf unser Publikum angewiesen sind. Ohne Publikum und Live-Effekt ist das alles nicht das, was wir uns auf die Fahnen geschrieben haben. Natürlich behilft man sich mit Videos und Pop-up-Konzerten, um so unsere Zuhörer zu erreichen. Aber dass für das Publikum kein Vorhang mehr aufgeht, ist schon bitter. So ist das jetzt das Schöne an diesen ersten Proben, die wir in den vergangenen Tagen durchgeführt haben: Nach drei Monaten Orchesterabstinenz öffnet sich zumindest wieder ein kleines Fenster. Ein Herunterfahren auf Null ist immer ganz schnell gemacht, das Wiederhochfahren benötigt dagegen mehr Zeit, vor allem bei Rahmenbedingungen, die ständig in Bewegung sind.

Und die Einfluss auf Ihre Arbeit haben?

Sicher. Wir können jetzt nicht aktionistisch vorgehen. Das muss Hand und Fuß haben, denn der Gesundheitsschutz steht über allem. Es fängt bei jedem Einzelnen und natürlich auch bei mir selbst an, sich jeden Tag aufs Neue zu sagen: Das Virus ist immer noch da. Wir müssen als Orchester jetzt zunächst einmal ausprobieren, wie wir musikalisch zum Beispiel damit umgehen, mit Abstandsflächen spielen zu müssen.

Gerade mit Blick auf Orchester haben sich die Informationen in den vergangenen Wochen ja fast täglich geändert.

Ja. Zuerst wussten wir wenig über Aerosole oder darüber, wie sie sich verbreiten. Da haben wir gefühlt jeden Tag neue Pläne entwickelt und diese an die jeweiligen Gutachten und Regelungen angepasst, nur um sie dann direkt wieder zu verwerfen, weil sich die Rahmenbedingungen erneut geändert hatten.

Wie war hierbei die Kommunikation seitens der Politik?

Ich fand mich gut informiert. Aber es ist ja immer die Frage, wie sehr man sich selbst darum kümmert. Ich kann nicht erwarten, dass alles fertig auf dem silbernen Tablett geliefert wird. Wir haben als eines der ersten Orchester sehr schnell auf die Situation reagiert und uns um das Thema Gesundheitsschutz unter diesen Rahmenbedingungen gekümmert. Dazu haben wir auch mit den Kollegen von Orchestern in Bamberg und Berlin Kontakt aufgenommen, die entsprechende Studien dazu in Auftrag gegeben hatten. Jetzt wissen wir ziemlich genau, worauf wir uns einlassen müssen.

Was bedeutet das für den Spielplan?

Das bedeutet, dass wir von großen Orchesterwerken für geraume Zeit Abstand nehmen müssen, weil wir sie räumlich nicht auf die Bühne bekommen. Der vorgeschriebene Abstand hat aber natürlich nicht nur Auswirkungen auf die Programmauswahl, sondern auch auf die Musiker selbst. Die Kollegen reagieren beim Spiel aufeinander, und wenn man dann plötzlich mindestens anderthalb Meter auseinander sitzen muss, dann ist das schwierig. Wir sind ein Gesamtorganismus, der von dem lebt, was um ihn herum passiert. Dazu gehört die Nähe zum Mitspieler genauso wie die zum Dirigenten. Wie genau das klappt und was wir unter diesen Bedingungen spielen können, haben wir in den vergangenen zwei Wochen in der Glocke geprobt. Das Ergebnis kann man übrigens von kommenden Dienstag bis nächsten Sonntag auf unserer Website ansehen.

Die Krise hat den Kulturbereich hart getroffen. Trotzdem hatte man in den vergangenen Monaten den Eindruck, dass Kultur am Ende des Tages doch nur das Sahnehäubchen ist. Wie gehen Sie damit um?

Auf den ersten Blick mag das so sein, aber unter dem Strich ist das nicht richtig. Natürlich hat man nach solch einem einschneidenden Erlebnis wie einem Lockdown zunächst alltägliche Dinge wie Homeoffice, Einkaufen oder Kinderbetreuung im Kopf, das hat erst einmal eine absolut nachvollziehbare Priorität. Das habe ich ja auch selbst zu Hause und bei unseren Mitarbeitern im Büro erlebt. Trotzdem wurde hier in der Stadt sehr schnell die Frage diskutiert, wie man den Kulturschaffenden und besonders den freien Akteuren helfen kann. Das Spannende ist dabei aber auch, zu sehen, ob und wie Kultur in unseren Köpfen verankert ist und wie wir Kultur wieder sichtbar machen können. Da hoffe ich nun auf das, was uns durch diese letzten Wochen getragen hat.

Was war das?

Die unglaubliche Solidarität unserer Abonnenten und Zuhörer, die uns zum Beispiel Briefe geschrieben haben. Wir haben aber auch Telefonaktionen mit unseren Musikern organisiert. Selbst unser Generalmusikdirektor Marko Letonja hat dabei zum Hörer gegriffen, um im Gespräch mit unserem Publikum zu bleiben. Dies alles hat dazu geführt, dass wir unser Publikum von einer neuen Seite wahrgenommen und kennengelernt haben. Plötzlich hat der Mensch auf Platz 13 in Reihe 8 einen Namen, eine Stimme und eine Haltung. Dennoch wird es noch eine geraume Zeit brauchen, bis wir im Konzertbetrieb wieder zu einer Art Normalität finden. Das hängt natürlich auch davon ab, ob und wann ein Impfstoff kommt und ob das Publikum dann wieder unbeschwert in ein Konzert kommen kann.

Wann wird es denn wieder mit Konzerten losgehen?

Wir gehen davon aus, dass wir ab Herbst, wenn auch in einem kleineren Rahmen, wieder spielen werden. Dabei blicken wir zunächst auf den Abschnitt von September bis Dezember. Unser Saisonbuch, das wir nun veröffentlicht haben, ist damit natürlich in einigen Teilen überholt. Wir haben uns aber bewusst für eine Veröffentlichung entschieden, weil ein Saisonbuch mehr ist als ein reines Abdrucken des Programms. Es ist ein Statement. Was wir von diesem Programm genau realisieren können, müssen wir nun sehen. Es kann durchaus sein, dass das eine oder andere Werk ausgetauscht werden muss. Und natürlich wissen wir nicht, ob alle Solisten und Dirigenten aus dem Ausland nach Deutschland einreisen dürfen.

Sie sprechen von einem kleineren Rahmen, wie sieht der denn aus?

Dass wir nicht wie sonst üblich mit 80, 90 oder 100 Musikern auf die Bühne kommen dürfen, ist klar. Das stellt uns als großes philharmonisches Orchester vor eine besondere Herausforderung. Wir müssen unter den gegebenen Bedingungen ein Programm zusammenstellen, dass mehr bietet als nur Auftritte mit Streichquartetten. Glücklicherweise gibt es aber ganz viel Musik, die unglaublich reizvoll und gut ist und für die wir nicht eine volle Besetzung brauchen. Auch wenn wir in der Glocke natürlich den Vorteil haben, dass die Bühne sehr groß ist, werden trotzdem nicht alle Bläser spielen können. Wir wollen aber keinen Strich durch unsere Vor-Corona-Planungen machen. Wir werden uns daran orientieren und grundsätzlich an den Komponisten und den Solisten festhalten. Was wir dann aber tatsächlich genau spielen können, müssen wir schauen.

Damit kauft der Zuhörer eine Art Wundertüte. Eigentlich eine charmante Idee.

Ja, in der Tat. Wir werden uns alle auf die eine oder andere Überraschung einlassen müssen. Es gibt so viele Unwägbarkeiten wie Flüge, Einreisebestimmungen oder neue Hotspots – da sind Änderungen quasi vorprogrammiert. Das ist zwar arbeitsintensiv, aber vielleicht trägt es letztlich auch dazu bei, dass Klassik als das wahrgenommen wird, was sie ist: abwechslungsreich, wandelbar, aktuell.

Wie wirkt sich diese Wundertüte auf die Abonnements aus?

Wir müssen Abonnements für diese Spielzeit leider aussetzen. Anders ist es organisatorisch nicht machbar. Wir haben nahezu 3 000 Abonnenten, dürfen aber nach derzeitigem Stand nur rund 300 Plätze im großen Saal der Glocke anbieten. Aus diesem Grund haben wir uns für den freien Kartenverkauf entschieden. Das tut uns wirtschaftlich natürlich sehr, sehr weh. Deshalb ist es das oberste Ziel unserer Überlegungen und Planungen, möglichst allen, die es wünschen, den Besuch unserer Konzerte zu ermöglichen, etwa durch Doppelkonzerte oder zusätzliche Termine. Die Wirtschaftlichkeit dürfen wir dabei natürlich auch nicht aus dem Auge verlieren. Letztendlich ist es ein schmaler Grat, auf dem wir in den kommenden Monaten wandeln werden.

Von Mareike Bannasch

Christian Kötter-Lixfeld

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