Oldenburgisches Staatstheater zeigt „Le Sacre du Printemps“ und „Am Ende unser Schatten“

Ikone in neuem Gewand

„Le Sacre du Printemps“ von Antoine Jully entführt in Oldenburg in eine geheimnisvolle Welt. Fotos: Stephan Walzl

Oldenburg - Von Rolf Stein. Mary Wigman, Pina Bausch, John Neumeier, Sasha Waltz und viele mehr – sie alle haben es getan. In Bremen gab es zuletzt Laurent Chetouanes choreografische Reflexionen auf „Le Sacre du printemps“ – angeblich schufen Choreografen in den vergangenen rund 100 Jahren mehr als 200 Bühnenfassungen des „Frühlingsopfers“ zur ikonischen Musik Igor Strawinskys, die – mit Choreografie wie ohne – ein Schlüsselwerk der Moderne ist.

Während der Uraufführung im Théâtre des Champs-Élysées in Paris musste laut einem Bericht der „New York Times“ der Intendant das Licht anschalten, „um die feindseligen Proteste zu beenden, während der Tanz weitergeht“. Derlei, oft recht wilde, Anekdoten gibt es reichlich zu jener Premiere, die nicht übertönen sollten, dass damals tatsächlich neuer künstlerischer Grund erschlossen wurde, musikalisch wie tänzerisch.

In Oldenburg hat sich jetzt Ballettchef Antoine Jully an das ikonische Werk gewagt, und kein Intendant muss das Licht im Saal anschalten. Am Ende gibt es begeisterten Beifall, auch und ganz besonders übrigens für das Oldenburgische Staatsorchester, das für den Schlussapplaus auf die Bühne kommt.

Unter Vito Cristofaro führen die Musiker an diesem Abend immerhin gleich zwei Werke der klassischen Moderne auf, vor „Le Sacre du Printemps“ steht nämlich noch „Am Ende unser Schatten“ auf dem Programm, das von Arnold Schönbergs sinfonischer Dichtung „Pelleas und Melisande“ begleitet wird. Die beiden durchaus komplexen Werke dirigiert Cristofaro mit Feuer, sodass sich schon dafür die Fahrt nach Oldenburg lohnt.

Szene aus „Am Ende unser Schatten“.

Aber natürlich geht es an diesem Abend nicht zuletzt um Tanz. Und ohne unnötig um den heißen Brei herumzureden: Der Doppelabend ist unbedingt sehenswert, auch wenn er bei der Premiere nicht bis in letzte Detail makellos ausgeführt sein mag. Luca Veggettis Uraufführung „Am Ende unser Schatten“ arbeitet mit Verweisen auf andere Disziplinen wie die Bildende Kunst, aber auch auf das Schattentheater und Oskar Schlemmers für die Bauhaus-Bühne entstandenen „Stäbetanz“. Die Geschichte von Maeterlincks Drama „Pelleas und Melisande“, das Schönberg in seiner Musik bearbeitete, greift er in Motiven auf, ohne sie nachzuerzählen. Lichtdesigner Vincenzo Raponi legt ins vorherrschende Halbdunkel ein leuchtendes Raster, in dem die sechs Tänzer agieren.

Wo Veggetti mit beinahe schon naturwissenschaftlicher Strenge arbeitet, greift Jullys „Le Sacre du Printemps“, auch wenn es in ähnliches Halbdunkel getaucht ist, die radikale Tanzsprache Nijinskys auf, die das Publikum vor mehr als 100 Jahren nachhaltig verstörte. Statt nach außen strebt Bewegung nach innen, statt um Kontrolle geht es um Ekstase, das Moderne drückt sich in einer stilisierten Archaik aus: Wo Strawinsky in seiner Musik Volkslieder verarbeitet, zeigt Nijinsky ein blutrünstiges Ritual, an dessen Ende ein Opfer steht.

Jully hat sich allerdings für einen anderen, beglückenden Schluss entschieden, von dem nur so viel verraten sei: Mit diesem Ende krönt Jully seine geschichtsbewusste, aber klar in die Gegenwart weisende, mitreißende Auseinandersetzung mit diesem Klassiker des Tanztheaters eine emanzipatorische Pointe: ein Signal der Ermächtigung.

Mehr sehen:

Im Seitenfoyer des Großen Hauses zeigt das Staatstheater die Ausstellung „Arnold Schönberg und ,Pelleas und Melisande‘“.

Die nächsten Vorstellungen: Samstag, 20. und 27. April, 19.30 Uhr, Oldenburgisches Staatstheater.

Quelle: kreiszeitung.de

Das könnte Sie auch interessieren

Fußball

Erster Bayern-Sieg dank Lewandowski - Leverkusen gewinnt

Erster Bayern-Sieg dank Lewandowski - Leverkusen gewinnt
Politik

Schwieriger G7-Gipfel erwartet: Krisen und Konflikte

Schwieriger G7-Gipfel erwartet: Krisen und Konflikte
Politik

Das Ende einer Irrfahrt: Migranten von „Ocean Viking“ in Malta angekommen

Das Ende einer Irrfahrt: Migranten von „Ocean Viking“ in Malta angekommen
Politik

Europa macht wegen Amazonas-Bränden Druck auf Bolsonaro

Europa macht wegen Amazonas-Bränden Druck auf Bolsonaro

Meistgelesene Artikel

Steine mit Flügeln

Steine mit Flügeln

Jens Laloire vom Literaturkontor über Bremen als Literaturstadt und was fehlt

Jens Laloire vom Literaturkontor über Bremen als Literaturstadt und was fehlt

Thomas Albert über Netrebko, 30 Jahre Musikfest und das Wetter

Thomas Albert über Netrebko, 30 Jahre Musikfest und das Wetter

Schwankhalle bezieht Stellung gegen Rassismus und Diskriminierung

Schwankhalle bezieht Stellung gegen Rassismus und Diskriminierung

Kommentare