Felix Rothenhäusler inszeniert Eugène Labiches „Trüffel Trüffel Trüffel“

Immer auf die Kleinen

Ein paar Nummern zu groß: Tochters Gebiss und Vaters Anzug (Deniz Orta, vorne, v.l. und Nadine Geyersbach). Rechtes Bild: Siegfried W. Maschek will die Verhältnisse zum Tanzen bringen.
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Ein paar Nummern zu groß: Tochters Gebiss und Vaters Anzug (Deniz Orta, vorne, v.l. und Nadine Geyersbach). Rechtes Bild: Siegfried W. Maschek will die Verhältnisse zum Tanzen bringen.

Bremen – So richtig neu ist es wirklich nicht – nicht nur, weil „La Poudre aux yeux“ von Eugène Labiche aus dem Jahr 1861 stammt. Und auch nicht nur, weil der Regisseur Felix Rothenhäusler das Stück in einer Neuübersetzung von Tobias Haberkorn mit dem Titel „Trüffel Trüffel Trüffel“ bereits vor ziemlich genau drei Jahren an den Münchner Kammerspielen auf die Bühne brachte. Gut, die Schauspieler sind in der Bremer Adaption andere, auch das Bühnenbild (Katharina Pia Schütz) entstand neu. Aber sonst: alles typisch Rothenhäusler.

In Reih und Glied stehen die Akteure in pointierten Kostümen (Elke von Sivers); dass sich mal jemand bewegt, auch wenn er laut Text den Ort des Geschehens verlässt – nicht vorgesehen. Wobei: Einmal darf Siegfried W. Maschek, der mit toller Tolle diverse Diener darstellt, ein Tänzchen wagen. Und Fania Sorel als schlicht gestrickter, aber wohlhabender Onkel Robert darf auch mal kurz weg sein. Aber sonst? Findet die Action im Text statt.

Auch keine Überraschung bei Rothenhäusler: Die Sache ist schnell vorbei. Gerade mal eine Stunde braucht der Regisseur, um die Geschichte zweier Familien zu erzählen, die ihre Kinder gewinnbringend verheiraten wollen.

Das Tolle ist nun: Rothenhäusler gelingt es bereits seit einer Weile seinen auf den ersten Blick spröde wirkenden Regieansatz so präzise auf seine Stoffe anzusetzen, dass sie zumindest scheinbar umstandslos ihre Essenz preisgeben. Im Falle Labiches ist es der durchaus garstige Spott über den unbedingten und so gut wie zum Scheitern verurteilten Aufstiegswillen des bürgerlichen Subjekts. Indem es sich für den gesellschaftlichen Wettbewerb zurichtet, der stets überwältigend mehr Verlierer als Gewinner produziert, strebt es danach, Funktion zu sein.

Und so überbieten sich die Familien Malingear und Ratinois für die Aussicht auf Erfolg in Selbstverleugnung. Wobei man nicht nur ökonomisches Kapital vortäuscht, sondern auch kulturelles: Die Familie Ratinois schafft sich gar ein Abo für die italienische Oper an, auch wenn es zu ihrem Leidwesen dort jeden Abend „Rigoletto“ gibt. Und um die leider nur vermeintlich erfolgreicheren Malingears zu beeindrucken, soll es zum gemeinsamen Festmahl Trüffel, Trüffel, Trüffel regnen.

Der rasante Abend geht aber nicht einfach im Spott über das Scheitern auf. Wenn Emmeline (Deniz Orta), Tochter der Malingears, Adeles „Someone Like You“ singt – um die Eltern ihres Schwarms zu beeindrucken, wird es gar anrührend: Ihr Gebiss, das direkt aus einem Loriot-Sketch zu stammen scheint, ist in etwa um so viel zu groß wie der Pop-Song im Verhältnis zu den Gefühlen der jungen Frau. Nicht ohne Inbrunst ringt sie mit der romantischen Bedingungslosigkeit des Songs, ohne den langen Atem für dessen Spannungsbögen zu haben, ohne genau zu wissen, warum wann genau eigentlich was passiert. Das ist große darstellerische Kunst. Von der gibt es in „Trüffel Trüffel Trüffel“ auch sonst eine Menge. Herausragend neben Deniz Orta Nadine Geyersbach als erfolgloser Arzt und Emil Borgeest als dessen vor Ehrgeiz platzende Gattin, toll auch Irene Kleinschmidt und Ensemble-Neuzugang Shirin Lilly Eissa als Ehepaar Ratinois, durchaus ebenbürtig agieren Matthieu Svetchine als deren zu verheiratender Sohn, Siegfried W. Maschek und Fania Sorel.

Sehen

Sonntag, 20. September und Sonntag, 4. Oktober, 15.30 Uhr, Samstag, 10. Oktober, 18 Uhr & 20 Uhr, Theater am Goetheplatz, Bremen.

Von Rolf Stein

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