Jugend ohne Tugend: Punk in der DDR

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Syke – Sechs junge Leute und ein Lenin, der sie steinern überragt, dahinter ein Hochhaus: Diese Szene ziert das Cover der Zusammenstellung „Too Much Future – Punk Rock GDR 1980-1989“. Zu viel Zukunft – das versteht sich ohne Weiteres als Kampfansage an einen Staat, der recht genaue Vorstellungen von seinem Fortgang hatte. Punk dagegen war stets ein Aufstand gegen jede Gängelung. Und das stieß in der DDR – wie im Westen – bei offiziellen Stellen auf wenig Gegenliebe.

Eher wenig darüber ist derweil im wiedervereinigten Deutschland 30 Jahre nach der Wende bekannt. Nicht einmal in der ansonsten durchaus geschichtsbewussten Punk-Szene. Immerhin: 2005 arbeitete die Wanderausstellung „Ostpunk – Too much future“ die Geschichte auf, 2007 erschien der Dokumentarfilm „Too Much Future“. Damals entstand auch die Idee, die Szene in Form eines Samplers zu spiegeln – 30 Jahre nach dem Mauerfall ist es soweit. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Bands, die, anders als beispielsweise die Rammstein-Vorläufer Feeling B, keine Genehmigung vom Staat hatten, sondern sozusagen im Untergrund des Untergrunds agierten. Was auch bedeutete, dass sie von den Behörden oft massiv drangsaliert wurden. So ist von der Leipziger Band Wutanfall bekannt, dass die Staatssicherheit gleich zwei ihrer Mitglieder rekrutierte, um den Rest der Band zu beschatten.

Die historischen Hintergründe beleuchtet ein umfangreiches Booklet, während die drei LPs Musik von 38 Bands enthalten, von denen außer vielleicht Schleim-Keim, H.A.U. oder L’Attentat die meisten wohl nur Spezialisten ein Begriff sind. Keine Überraschung, dass die marginalisierte Existenz von Bands wie Ernst F. All, Die ambulanten Musikanten auf dem Weg ins Hospital oder The Leistungsleichen auch auf die Produktionsbedingungen durchschlug. Ihre Musik nahmen sie mit technischen Mitteln auf, die auch im Westen manche Band im Proberaum vorfand. Und der Charme, lediglich ein paar Akkorde mehr schlecht als recht beherrschen zu müssen, übte auch bei Ostpunks eine große Anziehungskraft aus. Ein unabhängiges Netzwerk von Plattenlabels, Konzertveranstaltern und so weiter stand den DDR-Punks allerdings nicht zur Verfügung. Nur wer eine staatliche Spielerlaubnis bekam, wie Feeling B, Die Skeptiker oder Die Art, konnte relativ unbehelligt musizieren. Auch wenn sich ab Mitte der 80er-Jahre die Situation entspannte: Der Rest blieb im Untergrund. Dortselbst entstand übrigens keineswegs nur bolleriger Punkrock. Man höre Grabnocts „Töten und Fressen“ mit zerrender Wave-Hysterie oder das dada-nihilistische „Jugend ohne Tugend“ von Menschenschock, während Torpedo Mahlsdorf unter anderem mit Ska-Einflüssen spielte.

Hören

„Too Much Future – Punk Rock GDR 1980-1989“ (Major Label/Edition Iron Curtain Radio/Broken Silence).

Von Rolf Stein

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