Lehrjahre des Gefühls

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Rund um einen Raumtrenner aus hängenden Linsen spielt sich die Handlung ab.

Alexander Riemenschneider verankert Horváths Roman „Jugend ohne Gott“ elegant auf der Bühne des Bremer Brauhauses. Und lässt uns mit der Gegenwart ein bisschen im Regen stehen.

VON TIM SCHOMACKER

Bremen – Ödön von Horváths Roman „Jugend ohne Gott“ erschien 1938. Eine Coming-of-age-Geschichte, wie man heute sagen würde. Nur eben die eines Erwachsenen. Eines Lehrers. Dem eine nationalsozialistische Gesellschaftsstruktur, die sich in vielen Lebensbereichen längst breit gemacht hat, den Boden unter den Füßen seiner gewohnten Existenz wegzieht.

Still, tragisch, mit reichlich Gespür für die Balance von äußerer Trägheit und innerer Unruhe bringt der Schauspieler Alexander Swoboda diesen (im mehrfachen wörtlichen Sinne) Lehr-Körper auf die weitgehend leere Bühne im Brauhaus des Theater Bremen. Stößt ihn mit der Nase beständig auf seine Widersprüche, auf sein Eingezwängtsein zwischen der Sicherheit des Pensionsanspruchs und den immer weniger bequem verfügbaren humanistischen Idealen, die die Grundlage seiner Erziehung wie seines Erziehens bilden.

Die Verhältnisse verlangen ihm Entscheidungen ab, zwingen zum Aussprechen und Ausagieren einer Haltung. Regisseur Alexander Riemenschneider macht daraus ein angenehm durchzuschauendes (manchmal auch zu durchschaubares) Kopf-Kino. David Hohmann hat ihm dafür ein Sofa auf die Bühne gestellt. Dezent geblümt ist es. Wirkt ein wenig zu arg in die Jahre gekommen. Bild für die Existenz des Lehrers selbst, der aus Gewohnheit älter scheint als er ist. Zweites Kopf-Kino-Element: Ein beeindruckend schlichtes, dabei äußerst wirkungsvolles (zwischenzeitlich sogar richtig schön lichtbrechendes) deckenhohes Mobile aus halb frei hängenden großen optischen Linsen. Auf die kann projiziert werden (ohne dass ein klares Bild entsteht), durch die kann man schauen (was die schauenden Gesichter verzerrspiegelt), durch die Linsen kann man auch gehen. Dann sind sie bewegliche Raumtrenner mit etwas magischem Eigenleben.

Das dritte – nun eher abstrakte – Element des Kopf-Kinos sind vier Figuren, die Swobodas Horváthschen Ich-Erzähler stützen. Uniform in schwarzzottelige Oberteile, englederne Hosen und hochschwarze Stiefel gewandet, ergänzen die vier – immer wieder durchsetzt von lauten Krähenrufen – den sich an den Lehrer schmiegenden Erzähltext um Exkurse: Erinnerungsbilder; Dialoge mit Schülern, Eltern, Kollegen; angstvoll grüblerische innere Monologe und so weiter. Riemenschneider fächert die chronologisch wie personal ziemlich geradlinige Ich-Prosa des Romans ebenso behutsam wie geschickt auf. Gibt so den Bedrängnissen (Kann ich unter diesen Verhältnissen noch ein guter Lehrer sein?) und Geschehnissen (Wer erschlug den Schüler N. beim paramilitärischen Zeltlager mit einem Stein?) Raum.

Das ist ganz schön anzusehen. Ein älterer Text ruht in sich selbst. Und ein Regisseur lässt ihn dabei auch in Ruhe. Das führt zu einem beeindruckenden Grundbild und -ton. Über bald zwei Spielstunden aber auch zu einer gewissen Monotonie. Denn anders als viele von Horváths Theaterstücken, die dramaturgisch, sprachlich und szenisch ein lebendiges Maß an Polyphonie mit sich bringen, ist „Jugend ohne Gott“ (ja nicht zufällig Roman und nicht Stück) in seiner Struktur derart Chronologie der – äußeren wie inneren – Ereignisse, dass ein, zwei beherzte Risse gut getan hätten.

Passiert ist dies aber nur einmal. Als Swobodas Lehrer erzählt, wie er in eine Bar geht und die Animierdame wegschickt, weil er allein sein will. Und Fabian Eyer dann aus dem Text heraustritt, um das japanische Intro des folgenden Technopop-Stücks lippensynchron mitzusprechen. Plötzlich ist die Bühne disko-rot durchzuckt, hört man heutige Tanzmusik, sieht man heutigen Tanz – bevor das Ganze wieder in den Text zurückgleitet. Eine tolle Szene, in der der Lehrer seinem Ex-Kollegen „Julius Caeser“ (sprachlich sehr beweglich: Philipp Kronenberg) begegnet, einem über das Verhältnis zu einer Schülerin gestolperten Altphilologen. Und die beiden taumeln in eine berauschte Nacht voller analytischer Überlegungen zur „Jugend von heute“ (in ungefährem Fahrwasser wilhelmreichscher Massenpsychologie).

Apropos Masse: Selbstredend sind es die in so vieler Hinsicht verschieden gelagerten Verhältnismäßigkeiten von Individuum, Staat, Ökonomie, Masse, Medien und Biografien, die unsere Gegenwart von der erzählten Gegenwart in Horváths Roman trennen. Was eine gehörige Transferleistung nötig macht. Die verzerrten Videobilder (HJ-Propaganda-Filme), die verzerrte Stimme vom Band (Hitler? Goebbels? Man kann’s kaum unterscheiden) zeigen an, dass sich die Inszenierung nicht in voreilige Parallelen verstricken will. Das ist gut. Und gut gemacht.

Was aber bleibt dann? Warum heute genau dieser Horváth? Der, wie gesagt, so bei sich ist. Zur Lösung dieses Rätsels bietet uns Riemenschneiders Fassung wenig Hinweise. Bei aller Eleganz, mit der sie des Lehrers inneres wie äußeres Detektivspiel um Haltungen, Positionen, Ideologien auf der Bühne verankert, bleibt der Gesamteindruck, bleiben die Verwerfungen der Bildungsfragen auch seltsam hölzern.

Sehen

Dienstag und Donnerstag, 10.30 Uhr sowie am 18. Januar um 19 Uhr, Brauhaus, Theater Bremen.

Quelle: kreiszeitung.de

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