„Der Beginn einer neuen Welt“ in Hannover

Online-Uraufführung im Schauspiel

Ein Mann steht auf einem blau beleuchteten Podest, eine Frau beobachtet ihn von der Seite.
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Auf dem Olymp? Eine Szene aus der Inszenierung „Der Beginn einer Welt“.

Was tun, wenn das Theater schließen muss und eine Premiere geplant ist? In Hannover heißt die Antwort: Online-Uraufführung. Eine Kritik von Jörg Worat.

  • Corokrise dient der Inszenierung als Katalysator.
  • „Der Beginn einer neuen Welt“ stellt Utopie ins Zentrum.
  • Ungebremste Sinnlichkeit als Gegenmittel.

Hannover – „Der Beginn einer neuen Welt“: Klingt das nicht verheißungsvoll, gerade in dieser Zeit? Theresa Henning war mutig genug, einen aktuellen Text mit diesem Titel zu versehen, und hat die Inszenierung beim Schauspiel Hannover selbst zur Uraufführung gebracht.

Eine Produktion mit Vorgeschichte. Ursprünglich hatte Henning Regie bei „Every Heart is Built Around a Memory“ von Markolf Naujoks führen sollen, disponierte jedoch nach Rücksprache mit dem Schauspiel Hannover kurzfristig um. Ihr neues, eigenes Stück sollte zunächst am 20. November im Ballhof Zwei uraufgeführt werden und war angesichts der erneuten Zwangspause nun als Live-Stream zu erleben, in einer eigens für dieses Medium entwickelten Fassung.

„Atemlos durch die Nacht“

Ein Trio verkörpert dabei nicht wirklich konkrete Figuren: Sabrina Ceesay, Tabitha Frehner und Nils Rovira-Muñoz bringen vielmehr einen einzigen großen Gedankenstrom zum Ausdruck, in aller Sprunghaftigkeit und Widersprüchlichkeit, mit der Assoziationen nun einmal aufeinander folgen können. Die Coronakrise dient dabei als Katalysator: Das Luftholen ist eine Art Leitmotiv, wird mal mit „I can‘t breathe“, mal mit „Atemlos durch die Nacht, atemlos durch den Tag“ thematisiert, ist aber letztlich in übertragenem Sinn zu verstehen – der Text suggeriert, durchaus zu Recht, dass auch schon vor dem Virus etwas Beklemmendes in der Gesellschaft kursiert hat.

Im Prinzip dreht sich alles um das Überkommene und die Hoffnung, letztlich um die Möglichkeiten, eine Krise auch als Chance zu begreifen. „Ich spüre das Verschieben der Erdspalten“, heißt es an einer Stelle, und vielleicht entwickeln diese Faltungen ja tatsächlich zunächst Chaos und dann etwas Besseres. Ob im ersten Lockdown trotz manch beachtlicher Anzeichen von Hilfsbereitschaft tatsächlich ein großes Umdenken stattgefunden hat, sei dahingestellt und ist hier auch nicht elementar entscheidend – Es ist ja das gute Recht der Kunst, Utopien in den Raum und zur Diskussion zu stellen.

Ein Leben jenseits von Netflix und Smartphone

Etwas konkreter dürften die allerdings schon sein. Ja, es ist wünschenswert, ein Leben jenseits von Netflix und Smartphone zu entwickeln, doch so einfach, wie es der Text andeutet, lässt sich die Sache nicht beheben. Regelmäßig ist da vom hinderlichen Verstand und vom bösen Ego die Rede. Natürlich darf auch die Erwähnung der „alten weißen Männer“ nicht fehlen, und stets schimmert das doch arg schlichte Motto durch, dass es nach der Überwindung all dieser Beschwernisse irgendwie schon super laufen werde. Zudem neigt der Text zum Pathos, und immer wieder kommt das Gefühl auf, Sätze wie „Mein Mund formt sich zu einem endlosen Schrei“ irgendwo schon einmal gehört zu haben.

Ist vielleicht nicht so wild, schließlich heißt es gegen Ende „Schluss mit der Sprache“. Und worin besteht nun das Gegenmittel? Offenbar in ungebremster Sinnlichkeit, wobei jedoch offen bleibt, was genau das sein soll. Jedenfalls gibt es viel Musik von Ludovico Einaudi bis „Feine Sahne Fischfilet“, und das Darstellertrio ist ständig in Bewegung. Das kann durchaus angenehm herüberkommen – insbesondere Nils Rovira-Muñoz ist ein ausgezeichneter Tänzer. Dennoch bleibt das publikumsfreie Geschehen im Stream, wie eigentlich auch zu erwarten war, sehr distanziert, zumal die Kameraleute zuweilen, offenbar geplant, im Bildhintergrund zu erkennen sind. Da schaffen auch die Perspektivwechsel nur bedingt Abhilfe, die teilweise tatsächlich nur mit filmischen Mitteln möglich sind, etwa die Sicht direkt von oben. Von daher wäre es interessant, wie sich die Inszenierung präsentiert, wenn sie irgendwann live auf der Bühne zu sehen sein sollte.

Ohne Publikum bleibt das Geschehen auf der Bühne durchaus distanziert.

Vielleicht kann man bis dahin den Text noch einmal überarbeiten, denn akut hapert es inhaltlich wie formal gleichermaßen. Dass die Inszenierung im „Jungen Schauspiel“ läuft, kann nicht als Grund für eine gewisse, nun ja, Simplifizierung herhalten und dürfte/sollte vom hannoverschen Schauspiel auch nicht so gemeint sein – das Haus legt ja lobenswerterweise großen Wert darauf, diesbezüglich keine starren Grenzen zu ziehen. Wobei es schon seine Gründe haben dürfte, dass die Produktion explizit „für Jugendliche ab 14 Jahren und Erwachsene“ angekündigt ist.

Genau 4 156 Zuschauer, welchen Alters auch immer, haben laut Auskunft des Schauspiels den Uraufführungs-Stream verfolgt. Wie viele von ihnen sind jetzt wohl tatsächlich vom Gefühl beseelt, Rezepte für den Beginn einer neuen Welt kennengelernt zu haben?

Theater im Stream

Während der Aussetzung des Spielbetriebs will das Schauspiel Hannover jeden Samstag um 19.30 Uhr eine aktuelle Inszenierung im Stream zeigen. Heute steht „Dance Nation“ von Clare Barron auf dem Programm.

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