Verneigung vor der Musikalität: Lennon-Abend im Theater Bremen

Mit John und Yoko im Bett

Raffinesse, vor der auch Kritiker kapitulieren, bringt Bremens Musikdirektor Yoel Gamzou im Großen Haus auf die Bühne.
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Raffinesse, vor der auch Kritiker kapitulieren, bringt Bremens Musikdirektor Yoel Gamzou im Großen Haus auf die Bühne.

Bremen – Manchmal ist Ehrlichkeit auch nur blamabel. Wer könnte sich etwa die Einschätzung erlauben, dass John Lennon als Musiker brutalst überschätzt und sein Œuvre wenig konsequent entwickelt, beziehungsweise völlig austauschbar sei? Aber lügen soll man ja auch nicht und außerdem hat es pop-geschichtlich ganz eigene Qualitäten, wenn sich widersprüchliches Schaffen so nahtlos an eine Sängernatur schmiegt: an die sich mal verletzlich, mal aggressiv zeichnende und von außen bis zum Zusammenbruch mit Heilserwartungen überfrachtete Figur. All das gibt zwar nicht unbedingt logisch, dafür aber unwiderlegbar jenen Menschen recht, die John Lennons Musik mögen. Oder sie sogar lieben.

Yoel Gamzou ist so ein Liebhaber. Und auch wenn so was heute nun keine Empörungswellen mehr lostritt, lässt es doch aufmerken, wenn der Generalmusikdirektor am Bremer Theater, immerhin ein preisgekrönter Dirigent und ausgewiesener Mahler-Experte, sagt, niemand habe ihn so stark beeinflusst wie eben Popstar John Lennon, der dieser Tage seinen 80. Geburtstag gefeiert hätte.

Mit einem szenisch angereicherten Abend widmen Gamzou und Regisseur Tom Ryser dem vor 40 Jahren ermordeten Künstler ein opulentes Konzert im großen Haus – oder wie sie selbst in etwas schräger Bescheidenheit sagen: einen „Liederabend“. „Imagine“ heißt das Programm, das einen Großteil seiner Songs der gleichnamigen Platte aus dem Jahr 1971 verdankt: Lennons zweitem Studioalbum nach der Beatles-Auflösung. 20 Stücke hat Gamzou für Band, Philharmoniker und Opernchor neu arrangiert und dazu gleich fünf Solisten als Lennon eingesetzt.

Musikalisch ist der Aufschlag schon deshalb interessant, weil Lennon wie gesagt gar kein Genre- oder Gattungsmusiker war, sondern sich aus einer ganzen Bandbreite mehr oder weniger populärer Musiken bedient hat. Das sind Unterschiede in der Binnengliederung des Pop, für die Gamzou ein beachtliches Gespür beweist. „I don’t Wanna Be a Soldier Mama“ wabert etwa mit deutlich psychedelischerem Druck und weit mehr Hall als das Original, während die Rockabilly-Nummer „Crippled Inside“ etwas mehr swingt, oder das bei Lennon schon ruppige „Gimme Some Truth“ sich einen Tacken mehr zum Punk hinwendet. Und wenn Komponist und Band aus „Power to the People“ schließlich den Rock herauskitzeln, beschert einem Gitarrist Thorsten Drücker beim unvermeidlichen Solo sogar so was wie einen kleinen Led-Zeppelin-Moment.

Hier gerät auch Tom Rysers Bühnengeschehen in Bewegung. Das Orchester verschwindet im Dunklen und räumt den Platz für ein Massenspektakel – mindestens gefühlt rennen hier mehr Menschen über die Bühne, als davor sitzen dürfen. Möglich ist das wegen der gekonnt verschachtelten Bühnenmaschinerie und weil Alice Meregaglias zuckersüßer Chor meist unsichtbar durch die Gänge schleicht, bis die Sänger die Türen aufreißen und einen von der Seite her zur Revolution anstacheln.

Doch das ist eins von insgesamt zwei oder höchstens drei Spektakeln, die am grundsätzlichen Motto nichts ändern, dass weniger manchmal eben mehr (und nicht nur Corona-konform) ist. Und so entsteht tatsächlich ein hübsch verträumtes Auf und Ab der Lampions und Musikanten.

Und die Lennons? Wenn sie nicht gerade singen, hocken sie in weißen Drehstühlen am Bühnenrand und zitieren aus den berüchtigten Interviewmarathons des Künstlers. Endlose Gespräche, in denen Lennon und Yoko Ono auf der Bettkante selbst mit ihrer Bescheidenheit noch angeben, oder allerlei selbst provozierte Zuschreibungen entrüstet von sich weisen. Diese Rahmenhandlung ist eine Momentaufnahme und keine Biografie – auch keine metaphorisch vermystelte wie Gamzou und Rysers es vor zwei Jahren mit dem David-Bowie-Musical „Lazarus“ vorgemacht hatten.

Stattdessen zelebrieren sie hier die Nüchternheit des Pressezitats und lassen Lennon als einen Megastar zu Wort kommen, dem eine Weile nicht mehr viel eingefallen war, der aber gerade wieder zu sich findet, politischer wird und noch viel vor hat im Leben. Es stiftet eine greifbare Spannung, jemandem zuzuhören, der partout kein Held sein will, schon gar kein toter, und kurz darauf erschossen wird. Das ist traurig, ja, und der Song „Grow old with Me“ tut gar ein bisschen weh. Schlimmer wäre höchstens Lennons ebenfalls posthum veröffentlichte Country-Ulknummer „Life Begins At 40“ gewesen, die aber dankenswerterweise nicht vorkommt. Womit wir schon wieder bei der Musik angelangt wären, weil der Textteil wirklich eher andeutet als erklärt – einen Habitus erinnert, statt viel zu sagen. Hier steht nun stellvertretend die Musik für einen Menschen, der selbst stets für ganz andere Sachen herhalten musste als nur für Musik.

Besonders schön: „(Just like) Starting Over“, wo Band und Philharmoniker ihre über weite Strecken gewahrte Trennung aufgeben und harmonisch zueinanderfinden, während die beiden Lennons Christoph Heinrich und Marysol Schalit eines der wenigen Duette des Abends zum Besten geben. Das folgt im Übrigen einer kunstvoll erdachten Arbeitsteilung dieser fünf Solisten: Marysol Schalit und Christoph Heinrich stehen gesanglich präzise und in Höchstform Garant für die Komplexität des Arrangements. Bernd Hölscher und Annemaaike Bakker singen nicht weniger hingebungsvoll, zeigen sich aber vor allem für die szenische Interpretation zuständig. Er poltert dann mit wunderbarer Wut den Sprechgesang der Krawallnummern heraus, während sie in „Watching the Wheels“ zur lustvoll verspielten Musik der Philharmoniker im Drehsessel lümmelt und ausgesprochen ausdrucksstark tatsächlich nichts tut.

Und das wäre nun fast schon unangenehm technisch, stünde da zum Fünften nicht noch Martin Baum, der rundum überzeugend den Lennon unter den Lennons gibt, die emotionale Distanz nahezu auf null runterfährt und so etwa den Beatles-Song „Girl“ über die wirklich schönen Streicher hinweg singt, oder zum Höhepunkt ganz allein mit Gamzou am Flügel rührend zerbrechlich den Titelsong anstimmt: „You may say I’m a dreamer / But I’m not the only one / I hope someday you’ll join us / And the world will live as one“.

Mit weit mehr Dopplung als Deutung vollführt der „Liederabend“ eine Verneigung vor der Musikalität und ringt ihr eine Raffinesse ab, die auch den Beatles-agnostischen Kritiker zuletzt kapitulieren lässt: Sie verbirgt ja doch ganz wundervolle Momente, diese Musik, nur braucht es eben manchmal einen Stupser von wem, der sich nicht nur besser auskennt, sondern das auch vorzuführen weiß. Zur Entschuldigung bleibt nur noch nachzureichen, dass etwas so Erhellendes wie dieser Gamzou-Abend nun weiß Gott nicht alle Tage vorkommt.

Sehen

Die Termine am 22. und 23.   Oktober sowie 20., 26. und 27. November sind bereits ausverkauft. Eventuell gibt es Restkarten an der Abendkasse. Weitere Infos unter theaterbremen.de.

Von Jan-paul Koopmann

Einer der Lennons: Annemaaike Bakker.

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