„Dann macht es kling, klong“

Thomas Albert über Netrebko, 30 Jahre Musikfest und das Wetter

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Musikfest-Intendant Thomas Albert in der Glocke, dem Saal, den die Sänger lieben.

Bremen - Am Samstag beginnt das Musikfest Bremen ganz traditionell mit der „Großen Nachtmusik“ rund um den Marktplatz. Etwas Besonderes ist die diesjährige Edition dann aber doch.

Das Musikfest feiert nämlich sein 30-jähriges Bestehen. Entsprechend prominent sind dann auch die Gratulanten. Kurz vor Beginn der Feiern zum runden Geburtstag haben wir mit dem Musikfest-Intendanten Thomas Albert gesprochen.

Können Sie zurzeit eigentlich ruhig schlafen?

Ja, ganz ruhig.

Aber Sie wissen, warum ich danach frage?

Ich kann mir das schon vorstellen.

Anna Netrebko hat in den vergangenen Monaten Auftritte bei den Salzburger und den Bayreuther Festspielen abgesagt.

Sie ist das Sahnehäubchen auf unserem Programm, und wir haben sie schon lange auf der Wunschliste. Wenn mal eine Vorstellung ausfällt, weil sie erkältet ist, dann ist das eben so. Das ist ganz normal. Wir sind da, ehrlich gesagt, sehr entspannt. Und wenn es so kommen sollte, dann muss sich darauf einstellen, aber immer auch Respekt vor der Entscheidung des Künstlers haben.

Haben Sie in den vergangenen 30 Jahren schon mit solchen Absagen umgehen müssen?

Der Knüller war die Saison 2004. Erst hat Jessye Norman abgesagt, zwei oder drei Tage vor ihrem Konzert. Sie hatte gesundheitliche Probleme und konnte nicht fliegen. Als wir das verdaut hatten, kam die nächste Hiobsbotschaft: Thomas Hampson hatte eine Augenerkrankung und bat darum, nicht kommen zu müssen. Das waren zwei Klopper innerhalb kürzester Zeit, die wir aber gut weggesteckt haben. Statt Hampson hat Vesselina Kasarova gesungen – ein genialer Abend. Jessye Norman haben wir ersatzlos ausfallen lassen. Wir sind ein bisschen nachdenklich geworden, mehr auch nicht.

Haben Sie jetzt, wo Sie sich diesen langgehegten Wunsch erfüllen können, schon den nächsten Star im Visier?

Wir haben diesen Schatz, diesen tollen Saal der Glocke, den lieben die Sänger. Und wer den einmal besungen hat, sagt: Kann ich den mitnehmen? Das hören wir wirklich oft. Ich denke, wenn Netrebko hier gewesen ist, dass das auch eine Rolle spielen wird. So ist das auch mit Rolando Villazon gewesen. Das schönste Beispiel ist Cecilia Bartoli, die seit der Renovierung regelmäßig kommt und bei ihrer Tourplanung Bremen immer dabeihaben will. Wegen des Saals. Insofern warten wir mal ab. Wir sind im Gespräch.

Sie haben das Musikfest vor 30 Jahren gegründet. Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, was aus dem Musikfest wird, wenn Sie eines Tages keine Lust mehr haben?

Nein. Das weiß ich nicht. Das Musikfest ist ein Gebäude aus ganz vielen Bestandteilen. Das eine sind die künstlerischen Verbindungen. Der zweite Baustein ist die Struktur, und dazu gehört die finanzielle Ausstattung. Und auch da hat sich über die Jahre sehr viel entwickelt. Wir haben Sponsoren unterschiedlichster Ausrichtung, in der ganzen Region. Die kommen – ebenso wie die Landräte – auch mit inhaltlichen Ideen. Daraus ergeben sich immer wieder Synergien, und das macht einen Heidenspaß.

Viele Kultureinrichtungen haben das Problem, dass ihr Publikum älter wird und nicht im gleichen Maße neues nachwächst. Wie sehen Sie das Musikfest in diesem Zusammenhang?

Unsere jüngste Umfrage haben wir vor etwa fünf Jahren gemacht, da lag das Durchschnittsalter bei etwa 49 Jahren. Man kann klar sagen, dass manche Dinge eine gewisse Lebenssituation brauchen. Wenn ich mir junge Familien anschaue, wollen Väter nicht mehr unbedingt von acht bis acht Karriere machen, weil auch die Frauen arbeiten, und dann teilt man sich die Kindererziehung. Man kümmert sich um den Freundeskreis. Und wenn man etwas macht, dann gemeinsam. Wir haben zum Beispiel ein Familienkonzert und das Programm „Open up“, wo Kinder und Jugendliche bei fast allen Konzerten in Begleitung Erwachsener sechs Euro zahlen. Am Geld darf es nicht scheitern, aber das reicht nicht. Da ist die Politik in der Verantwortung zu sagen, wie man einen entsprechenden Bildungshorizont schaffen kann. Ich sage zu den Mitgliedern unserer Freundeskreisen: Bringt eure Kinder mit oder eure Enkel! An anderer Stelle klagen die Älteren darüber, dass keine jungen Leute da sind. Da sage ich: Soll ich einen Spiegel rausholen?

Bremens Ex-Bürgermeister Carsten Sieling hat auf der Musikfest-Pressekonferenz im März gesagt, für die Eröffnung sei das gute Wetter schon gebucht. Gilt das auch nach der Wahl?

Das gute Wetter soll noch ein bisschen anhalten. Da gibt es klare Signale. Es geht ja nicht nur ums Musikfest, sondern um eine Haltung. Wie können wir vermitteln, was für eine Gesellschaft wertvoll ist? Was sind die tragenden Säulen? Unser Nordwesten im Kontext der europäischen Geschichte der vergangenen 300 Jahre zum Beispiel – das können Sie spüren, das können Sie atmen. Da braucht es ein paar Informationen und dann macht es kling, klong. Das kann jeder verstehen. Aber ich muss es anregen. Das Festival ist eigentlich nichts anderes als eine Spielfläche des Versuchs, diese Dinge in Gang zu bringen. So würde ich es kulturpolitisch sehen. Und natürlich geht es um Qualität. Jeder Mensch will am Guten teilhaben. Und wenn uns in 30 Jahren gelungen ist, hier und da Maßstäbe setzende Dinge zu vermitteln, ist der Prozess bis hierher ganz gut gelaufen.

Musikfest Bremen

24. August bis 14. September in Bremen und dem Nordwesten; www.musikfest-bremen.de

Quelle: kreiszeitung.de

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