Cross-Over zwischen Pub und Ascot beim Sommer in Lesmona

Star-Geiger Nigel Kennedy begeistert mit Beethoven-Hommage als Weltpremiere

Ein Hauch von Ascot liegt im Knopps Park in der Luft: Dort spielt Nigel Kennedy beim Sommer in Lesmona.
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Lange hat das Bremer Publikum auf ihn gewartet: Nigel Kennedy beim Sommer in Lesmona.

Nach der Zwangspause im vergangenen Jahr stand nun endlich wieder Sommer in Lesmona auf dem Programm - mit einer Weltpremiere. Star-Geiger Nigel Kennedy spielte vor einem kleineren, aber nicht weniger begeisterten Publikum seine Komposition „Für Ludwig van...“ mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen.

Bremen – Endlich wieder Sommer in Lesmona – wenn auch nur mit 1 800 statt 3000 Zuschauern, mit Kreide markierten Abständen zwischen den Klappstühlen und Picknickdecken sowie abgespecktem Programm. Dem Wegfall von Formaten wie „Tee in Lesmona“ trägt der diesjährige Titel „Ein Hauch von Lesmona“ Rechnung – die ehrliche Freude seitens der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen und den Zuschauern, die am Freitagabend durch den Knoops Park weht, ist jedoch viel mehr als ein Hauch.

Ascot oder Bremen? Eine häufige Frage beim Sommer in Lesmona.

Eher als ausgewachsener Sturm, der die landläufigen Grenzen zwischen Klassik und anderen Stilen ordentlich durcheinanderwirbelt, nimmt sich der Auftritt von Nigel Kennedys aus. Dafür steht der Star-Violinist seit vielen Jahrzehnten: Einer, der Cross-Over schon auf der Bühne lebte, als der Begriff noch nicht erfunden, geschweige denn zum arg strapazierten Prädikat verkommen war. Und einer, der – in der öffentlichen Wahrnehmung vom Klassik-Punk zur „schillernden“ Persönlichkeit gereift – Bühne, Orchester und Publikum im Sturm für sich einnimmt.

Viel war im Vorfeld nicht über die Welturaufführung, des von Kennedy ursprünglich zum Beethoven-Jahr komponierten viersätzigen Violinkonzert „Für Ludwig van“ zu erfahren – der Meister hatte schlichtweg keine Lust auf Interviews. Auch auf der Bühne in der grandiosen Kulisse des Knoops Park schert er sich nicht um Konventionen: Corona war gestern, heute wird geherzt, was das Zeug hält; den letzten Satz bricht er ab, um noch einmal neu zu starten. Dirigent Tomasz Tokarczyk nimmt’s mit stoischer Ruhe, ebenso wie Kennedys temporäres Doppeldirigat, mit dem er die Philharmoniker immer wieder zu mehr Tempo antreibt. Der Maestro weiß um seine Meriten, er sonnt sich im lang vermissten Applaus.

Endlich wieder Publikum: Die Freude ist Nigel Kennedy und seinen Zuhörern anzusehen.

Aber wer so über den Dingen steht, kann auch gönnen: Mostafa Saad, den Komponisten der Kadenz, die Kennedy in den ersten Beethoven-Satz aus dem Violinkonzert D-Dur hat einbauen lassen und die dem Stück zeit- und raumübergreifende Modernität verlieh, lässt er anschließend im Duett an der Geige glänzen, während er sich in seinem ursprünglich für Stéphane Grappelli geschriebenen „Melody in the Wind“ für eine Improvisation ans Klavier verzieht. Mit Konzertmeister Glenn Christensen liefert er sich im Laufe seines einstündigen Werks mehr als einmal furiose Duette. Mit dem Duktus eines Fußball-Coaches – das entsprechende Shirt trägt er unter dem zerfransten Blazer – fordert er seine Mitspieler, feuert sie an und quittiert gelungene Einsätze mit geballter Faust. Da fühlt so mancher Gast, der sich angesichts der von eingefleischten Lesmona-Gängern mitgebrachten Kandelaber, Etageren voller Köstlichkeiten und extravaganter Strohhüte mit floralem Dekor beinahe in Ascot wähnte, doch eher in den englischen Pub um die Ecke versetzt.

Ghetto-Faust für den Konzertmeister: Orchester und Solist bilden an diesem Abend die perfekte Symbiose.

Auch die Musiker danken die Wertschätzung: sie strahlen um die Wette, und nach dem schon ziemlich formidablen Einstand mit Beethovens Ouvertüre zum Trauerspiel „Colorian“ überzeugen sie bei Beethovens erstem Satz des Violinkonzerts in D-Dur mit transparentem, dynamisch wunderbar ausgefeilten Sound, der Kennedy das Hineinfinden in klassische Live-Gefilde nach zwei Jahren Pause erleichtert.

Kennedy, bei den Organisatoren seit Langem ein Gast ganz oben auf der Wunschliste, und Lesmona, Inbegriff klassischer Grenzgänge: das passt. Aber auch Beethoven. Beides bewunderte Enfants terribles, unangepasst, mit Ecken und Kanten, mit Attitüde und Leidenschaft – Seelenverwandte eben. Tutor Yehudi Menuhin, bei dem Kennedy als Siebenjähriger den Geigenunterricht aufnahm, brachte ihm die Musik Beethovens nahe; vor allem schätzt der 58-Jährige dessen Großzügigkeit: „Er gab mehr als er nahm“ – auch darin sind die beiden wohl „spiritual brothers“.

Ohne festlichen Tisch geht beim Sommer in Lesmona nichts.

Als Dritten im Bunde sieht Kennedy übrigens Hendrix, dessen „Little Wing“ später zum Wunderkerzenfinale für Gänsehautmomente sorgen soll. Zuvor greift er in seiner viersätzigen Hommage nicht nur die ein oder andere Kompositionstechnik des alten Meisters auf, sondern auch die Lust am Bombast, am Kantigen – um zwischendurch wunderbar zarte, fast sphärisch gezirpte Melodien solo unter den Halbmond hinter der Bühne zu hauchen. Der erste Satz lässt viel Raum für Improvisation. Und gerade, wenn die dafür obligate Festlegung des Orchesters auf repetitive Begleitung anfängt zu ermüden, setzt Kennedy einen Wumms dagegen und jagt im Parforceritt durch unterschiedlichste Stilistiken, vom Bossa-Nova über Klezmer-Anklänge bis zum irischen Jig. Kontrastierend dazu kommt der dritte Satz so schwelgerisch-schön daher, dass so mancher an seinen Zuckerspiegel denkt, im vierten treibt er den pulsierenden Rhythmus der Streicher Bolero-gleich mit irrwitziger Virtuosität bis zum fulminanten Finale immer weiter voran. Schon bei den Proben hatte sich Kennedy begeistert von der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen gezeigt, geht es dem aufmerksamen, proaktiven Orchester doch genau wie ihm um die Musik. Am Ende lobt der Coach die „wunderbaren Motherfuckers“ – welch eine Weltpremiere!

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