Selbstversuch von zu Hause aus

Theaterabend vor dem Computer: Online beim dritten Gong

„The End. Eine Replikantenoper“ schafft den Sprung ins Internet. Foto: Philip frowein

Bremen - Theater im Internet klingt auch drei Wochen nach Schließung der Häuser noch sehr befremdlich. Klar machen die Homestorys und Darstellervideos, die beinahe jedes Stadttheater inzwischen auf Facebook und Co. ausstreut, ganz gute Laune und manchmal sogar ein bisschen Hoffnung. Aber so einen richtigen Theaterabend am Bildschirm durchziehen? Zeit für einen anfangs noch sehr skeptischen Selbstversuch.

Dass Theater eine hochgradig physische Kunstform ist, sagt sich so leicht dahin. Was das aber wirklich bedeutet, wird erst im Virtuellen klar. Da ist zum Beispiel Felix Rothenhäuslers „The End. Eine Replikantenoper“. Das Theater Bremen und der Onlinestream von Nachtkritik.de haben diese Adaption des Science-Fiction-Films „Blade Runner“ diese Woche im Internet gezeigt – eigentlich naheliegend bei dem Stoff, schwierig aber, weil doch sehr viel fehlt.

Wer im September vor Ort war, wird sich an den ununterbrochenen Nieselregen erinnern, der nach und nach die Schauspieler und Teile des Publikums durchnässt hat. Fühlbar kühl war‘s da am Goetheplatz, und der sich langsam in Matsch verwandelnde Vorhang im Hintergrund war tatsächlich mehr Erlebnis als bloßer Anblick. Überraschend schön ist der Stream trotzdem, und das nicht nur, weil er solche Erinnerungen weckt. Es liegt auch am sehr dezenten Einsatz der Kamera, die zwar hier mal überblendet und sich dort leicht bewegt, es einem in der Regel aber gestattet, sich anders als im Fernsehen tatsächlich umzugucken im Bühnenraum.

Onlineangebot der Theater bietet ungeahnte Erreichbarkeit

Der größte Vorteil des gigantischen und täglich wechselnden Onlineangebots ist aber natürlich die bis hierhin ungeahnte Erreichbarkeit interessanter, aber eben längst nicht fernsehverdächtiger Produktionen. Versuchen Sie das mal offline: Morgens noch mal kurz im Theater Bremen vorbeigucken, nachmittags im Plenum beim Festival „Hauptsache Frei“ abhängen, abends dann gemeinsam mit Regisseur Falk Richter im Berliner Maxim Gorki Theater über sein Stück „Small Town Boy“ diskutieren und hinterher noch ganz kurz in Stuttgart reingucken, wo Sibylle Bergs „How to Sell a Murder House“ als Rundgang unter freiem Himmel gegeben wird. Das ist schon ein ungewöhnlich dichtes Theaterprogramm für einen Mittwoch – auch ohne Kontaktverbot.

Ein echter Höhepunkt ist der Abend mit Falk Richter. „Small Town Boy“ ist eine berüchtigte Inszenierung aus seinem ersten Jahr am Maxim Gorki Theater: ein Stück über die Bindungsängste moderner Großstädter und vor allem über schwule Selbst- und Einanderfindung in Zeiten brutaler Homophobie. Damals wurde viel über „Small Town Boy“ gestritten, heute sitzt man ganz entspannt vorm Rechner und freut sich vor allem über die wunderschöne Musik. Wer Lust drauf hat, kann nebenher mit dem Regisseur chatten und Fragen stellen. Streckenweise machen das über 190 Leute: „Warum werden in der Szene Mikrofone verwendet? Wie lang habt ihr das geprobt? Und war es geplant, dass hier der Reißverschluss klemmt?“ Es ist tatsächlich interessant, dieses andere Sehen – die Fragen und Diskussionen nebenher. Übrigens auch für den Regisseur selbst, der sich plötzlich wundert: „Das wilde Küssen habe ich nicht inszeniert“, schreibt er im Chat, „das haben die Schauspieler irgendwann nach der Premiere gemacht ... stelle ich gerade fest ... haha ... wessen Idee war das?“

„Hauptsache Frei“, das Festival der freien Szene Hamburgs

Noch ausdrücklicher ist dieses Miteinander bei „Hauptsache Frei“, dem Festival der freien Szene Hamburgs, das dank der Coronakrise nun online auf dem Plan steht. Hier können sich die Zuschauer über das Konferenzprogramm „Zoom“ einwählen und bekommen neben diversen Inszenierungen auch die anderen Besucher zu Gesicht. Neben dramaturgischen und ästhetischen Fachfragen wird an diesem Nachmittag immer wieder auch das Format selbst diskutiert. Ist das vielleicht die Zukunft des Festivalwesens? Sicher nicht. Aber vielleicht lässt sich ja doch was mitnehmen für die Zeit nach Corona?

Da stellen sich auch Etikettefragen. Eine Teilnehmerin freut sich etwa darüber, dass viele Zuschauer sich für die Kamera zurechtgemacht hätten und die Situation so trotz aller Improvisation zu etwas Besonderem machen. Andere diskutieren im Schlafanzug auf dem Sofa mit.

Kostenlose Streaming-Angebote - aber die Technik schafft Hürden

Ein offenes Problem ist die Frage der Zugänglichkeit: Tatsächlich sind diese Streams bislang durchweg kostenlos und stehen theoretisch jedem offen. Das ist schon ein Argument, wo sich für den Preis einer Premierenkarte heute locker eine Monatsflatrate im Netz verdaddeln lässt. Ob ältere Menschen allerdings mit der Technik zurechtkommen und wie die Theater in Sachen Barrierefreiheit ihrer Internetseiten aufgestellt sind, steht auf einem anderen Blatt.

Gar nicht lösbar ist die Frage nach Theater als Experimentierfeld und auch Schutzraum für scheiternde Versuche oder intime Situationen. Einen Stream aufzuzeichnen und auf ewig zirkulieren zu lassen, ist ein Kinderspiel, auch wenn die Anbieter von sich aus keinen Download vorgesehen haben. Oder die allgegenwärtigen Nacktszenen, nach denen im Stadttheater auch deshalb kein Hahn mehr kräht, weil die Bühnenfotografen eben nicht draufhalten. Die Streamingkamera schon.

Und was ist mit der Verbindlichkeit? Selbst wenn nach der Pause mal jemand geht, ist Theater eine der letzten Kunstformen, die sich noch Zeit zum Denken nehmen dürfen. Gar nicht mal selten bringt‘s ja wirklich was, sich 20 Minuten quälen zu lassen, statt gleich wieder umzuschalten. Ehrlich gesagt hat es auch den Autor dieses Textes nicht ganz bis zum Ende des virtuellen Applauses in Berlin gehalten. Weil es doch spät geworden war – und Stuttgart im nächsten Browserfenster längst vorgeladen hatte.

Streams:

Einen allgemeinen Online-Spielplan und täglich eigene Streams gibt es auf www.nachtkritik.de.

Das Hamburger Festival „Hauptsache frei!“ läuft noch bis zum 4. April auf www.hauptsachefrei.de

Quelle: kreiszeitung.de

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