Hannover überträgt Premiere im Internet / Täglicher Gruß vom Ensemble

Die Oper kommt jetzt frei Haus

Jede Inszenierung etwas anders: Die Premiere von „Zählen und Erzählen“ ist im Internet zu sehen. Foto: Clemes Heidrich

Hannover - Von Jörg Worat. Wenn die Menschen nicht zur hannoverschen Staatsoper kommen können, kommt die Staatsoper eben zu den Menschen. Sogar die jüngste Premiere hat stattgefunden – online. Und wer‘s bislang verpasst hat, kann „Zählen und Erzählen“ von Mauricio Kagel nach wie vor auf der Facebook-Seite der Oper erleben.

Ist das nicht Musiktheater für Kinder? Nein, „für Unerwachsene“, wie der Komponist verfügt hat, was einen kleinen, aber feinen Unterschied darstellt. Und wenn wir schon von Begrifflichkeiten sprechen: Die Tätigkeit eines Komponisten wird üblicherweise etwas anders verstanden, als Kagel sie praktizierte.

In seiner typisch unorthodoxen Manier hat er eine Versuchsanordnung vorgegeben: Festgelegt ist lediglich, dass die Story nach Vorgabe von Kindern entsteht und binnen einer Woche zur Inszenierung reifen soll. In Sachen Instrumentalisierung hat Kagel ein Klaviertrio vorgesehen, jedoch keine eigene Musik dafür geschrieben – die möge sich das Produktionsteam bitte selbst aussuchen, ebenso wie die Anzahl der Darsteller. Logische Folge: Jede Aufführung fällt komplett unterschiedlich aus.

Für Hannover haben sich jetzt Kinder aus der 1. und 3. Klasse der Grundschule Haste eine Geschichte ausgedacht, die dann von Regisseur Karsten Barthold und seiner Dramaturgie in ein verspieltes Bühnengeschehen mit leicht surrealen Zügen überführt wurde. Die Szenerie ist ein Klassenzimmer, in dem ein Mädchen beneidenswerterweise seinen Fantasien nachgehen darf. Da wird ein Lineal je nach Bedarf zum Degen oder zum Ruder, und zusammengeknüllte Papierfetzen mutieren zur Schafherde, die natürlich gehütet werden muss – die kleine Hirtin wird auch mit dem Wolf fertig, der ihre Schützlinge in den Papierkorb verfügen will. Angedeutete Bedrohungen gibt es auch sonst zuweilen – wer klopft da so beharrlich an die Tür? –, wirklich gruselig wird die Sache aber nie.

Weronika Rabek spielt das Mädchen schön selbstverständlich und trifft geschmackssicher die schwierig zu definierende Grenze zwischen kindlich und kindisch. Da es eine Oper ist, dürfen stimmliche Einlagen nicht fehlen. Dazu musiziert das „schelberg trio“ mit Flötistin Bernadette Schachschal, Lukas Helbig am Cello und Pianistin Tatiana Bergh; es erklingen Werke von George Crumb, Witold Lutoslawski, Astor Piazzolla und Carl Maria von Weber – durchaus anspruchsvoll, ohne dass die Gefahr von Überforderung bestehen würde. Einmal scheinen sich Schachschal und Helbig im Bühnenvordergrund gleichsam musikalisch in die Haare zu kriegen, aber das resolute Mädchen sorgt alsbald für Ordnung. Und ganz am Schluss senkt sich ein geheimnisvoll beleuchteter Wecker von der Decke herab.

Schon vom Ansatz her muss, wie gesagt, jede Inszenierung von „Zählen und Erzählen“ individuell ausfallen. Die Staatsoper hat das von vornherein ins Kalkül gezogen und plant eine zweite Version: „Für den Juni“, sagt Pressesprecherin Christiane Hein – dann soll es eine andere Hauptdarstellerin und mit Kindern von der Grundschule Am Lindener Markt auch andere „Librettisten“ geben.

Natürlich nur, soweit zurzeit überhaupt irgendetwas planbar ist. Das hannoversche Staatstheater hat den Spielbetrieb bis zum 19. April eingestellt, in der Oper finden aktuell auch keine Proben statt: „Vorerst bis zum 29. März, dann sehen wir weiter“, so Hein. Bemerkbar machen will sich das Haus indes weiterhin, und dass die Oper nicht einfach die Waffen streckt, sondern wenigstens online auf Sendung bleibt, wird dankbar zur Kenntnis genommen, wie man dem virtuellen Applaus für „Zählen und Erzählen“ entnehmen kann: „Vielen Dank, eine wunderschöne Idee“, lautet einer der mit Herzen und Rosen bebilderten Facebook-Kommentare, ein anderer „Mir tut es gerade extrem gut, diese Geste von ,Jetzt erst recht‘“.

Eine Ermutigung für weitere Aktivitäten im Netz, und die soll es dann auch geben: „Wir wollen jeden Tag einen Gruß auf Facebook und Instagram senden“, kündigt die Pressesprecherin an. „Musik, vielleicht auch mal etwas vom Ballett.“ Den Anfang machten Sopranistin Hailey Clark und Pianist Carlos Vázquez mit einer Arie aus John Adams‘ Oper „Nixon in China”, dann war Kollegin Mercedes Arcuri mit Klängen aus ihrer argentinischen Heimat an der Reihe. Was es heute geben wird? „Können wir noch nicht sagen“, lautet Heins Antwort – wir haben eben eine Zeit der Ungewissheiten. Klar ist allerdings dies: In die Web-Seite der Staatsoper hineinzuschnuppern, dürfte sich auch dieser Tage lohnen.

Online

Die Aufführung von „Zählen und Erzählen“ ist unter facebook.com/staatsoperhannover zu sehen. Dort meldet sich das Ensemble täglich mit einem Beitrag.

Quelle: kreiszeitung.de

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