Karin Beier inszeniert Cechovs „Ivanov“ mit prominenter Besetzung

Saufen oder Selbstmord

Die Party muss weitergehen, auch wenn sich die Figuren in Cechovs „Ivanov“ wenig zu sagen haben – oder genau deswegen? Fotos: Arno Declair

Hamburg - Von Rolf Stein. Gleich zwei „Ivanovs“ feierten am vergangenen Samstag Premiere, eine in Bochum mit Iffland-Ring-Träger Jens Harzer in der Hauptrolle, eine in Hamburg mit Devid Striesow als Mann in der Krise. Anton Cechovs 1887 in Moskau erstmals aufgeführtes Bühnendebüt scheint auch nach mehr als 130 Jahren noch etwas zu erzählen zu haben.

Und im Grunde macht Karin Beiers Inszenierung sehr schnell klar warum: Dieser Ivanov ist doch ein sehr zeitgenössischer Charakter. Irgendwo zwischen Burnout und Depression, zwischen Zynismus und Verzweiflung ist ihm seine Mitte abhanden gekommen, sein Antrieb, sich aus seiner Lage zu befreien, die scheinbar unentwirrbar ökonomisches und emotionales Elend miteinander verbindet.

Seine Frau ist todkrank, und Geld, sie zur Erholung auf die Krim zu schicken, wie es der Arzt Evgenij Lvov empfiehlt hat, er auch nicht. Dem häuslichen Elend versucht er zu entfliehen, in dem er zu den Lebedevs fährt, deren Tochter Sasa in ihn verliebt ist. Sie zu heiraten, wäre in doppelter Hinsicht ein Ausweg aus seiner Misere: Ihren Eltern schuldet er eine Menge Geld. Und die junge Frau hat sich offenbar in den Kopf gesetzt, Ivanov von seiner Trübsal zu heilen. Spoiler: Klappt nicht – natürlich. Am Ende erschießt sich Ivanov. Während m ihn herum gefeiert wird. Sein Tod setzt dem kein Ende. Dabei ist diese Feier an Trübsal kaum zu überbieten – auch vorher nicht.

Beier setzt dabei ganz auf ihr prachtvoll besetztes Ensemble: Neben Striesow als Ivanov stehen immerhin Kaliber wie Eva Mattes (als Sasas Mutter), Ernst Stötzner als Graf Sabelskij, Lina Beckmann (als Marfa Babakina) und Aenne Schwarz als Sasa auf der Besetzungsliste. Während ein Bühnebilder nicht ausgewiesen ist. Gespielt wird in einem schwarzen Kubus, wo sich eine Handvoll Partyaccessoires so verloren ausnimmt wie die Menschlein, die die Verzweiflung Ivanovs teilen, aber andere Konsequenzen daraus ziehen. Zum Beispiel Saufen.

Gleich nach der Pause dürfen Stötzner, Michael Wittenborn (als Nachbar Lebedev) und Bastian Reiber (als Verwalter Borkin) ein Kabinettstück liefern, als grandios Volltrunkene, die über die Wahl der richtigen Häppchen zum Wodka philosophieren.

Zwar ist „Ivanov“ eine Tragödie, aber in seiner ersten Fassung hatte Cechov noch eine Komödie im Sinn. Beier hat mit Rita Thiele eine Stückfassung geschrieben, die sich aus den verschiedenen Versionen des Dramas bedient. Weshalb es zwar durchaus einiges zu lachen gibt. Am Ende geht es aber dann doch bös aus für den Titelhelden, während der Rest der Gesellschaft, in der wir, das versteht sich, unsere hiesige, heutige, stets am Rande des Burnout rasende erkennen sollen.

Wo Sasa noch zu träumen wagt und ihr Vater sich aufs Durchwursteln beschränkt, kapituliert Ivanov. Vor der Pleite – aber auch vor dem emotionalen und dem moralischen Bankrott. „Menschen wie Ivanov lösen keine Fragen, sie brechen unter der Last zusammen“ sagte Cechov einst über seinen Helden. Striesow dabei zuzusehen, wie er seine Figur über gut drei Stunden Richtung Abgrund um sich selbst kreiseln lässt, fahrig, aufbrausend, kollabierend, ist ein auch ein wenig peinvoller Genuss. Striesow ist dabei allerdings ein „primus inter pares“ – Karin Beier lässt auch dem übrigen Ensemble ausreichend Raum, um zu glänzen.

Die nächsten Termine

Freitag, 24. Januar, 19.30 Uhr; Samstag, 1. Februar, 20 Uhr, Donnerstag, 6. Februar, 20 Uhr, Sonntag, 23. Februar, 16 Uhr, Deutsches Schauspielhaus, Hamburg.

Quelle: kreiszeitung.de

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