Berliner Staatsoper zeigt spektakuläre „Zauberflöte“

Schnurstracks in die Einbauküche

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Kwangchul Youn (Sarastro) mit Tänzern.

Berlin - Von Michael Pitz-Grewenig. Was tun mit einer Oper, deren Neuinszenierung den Ernstfall einer Opernaufführung schlechthin bedeutet, weil es kaum ein anderes Werk gibt, das so tief in unserem kulturellen Bewusstsein verankert ist wie Mozarts „Zauberflöte“?

Man meine sie genau zu kennen und erhebe dadurch immer zur Wahrheit, was man als solche versteht, konstatierte einmal Ernst Bloch. Ähnlich formuliert es der renommierte Germanist Peter von Matt, wenn er feststellt, dass die Bedeutung der „Zauberflöte“ so rätselhaft sei, dass nicht einmal eindeutig zu sagen wäre, worin das Rätsel eigentlich bestehe.

Dabei ist im Prinzip schon der Titel irreführend, denn Mozarts Opus ultimo aus dem Jahre 1791, wenige Wochen vor seinem Tode uraufgeführt, ist eben mehr als eine krude Mischung aus Zaubermärchen, Maschinentheater und volkstümlicher Komödie angereichert mit Ideen aus den Mysterien der Freimaurer. Ein Blick in die Partitur genügt, um zu merken, dass diese Sichtweise trügerisch ist. Spätestens seit Jörg Assmanns grundlegender Untersuchung zu dieser Oper ist klar, dass es sich um ein stringentes komplexes Werk handelt, bei dem Mozart geschickt und intelligent mit den vielfältigen Formen der Oper gearbeitet hat.

„Wiedergefundene Naivität“: Serena Sáenz Molinero als Pamina und Florian Teichtmeister als Papageno an der Berliner Staatsoper.

Der Dirigent Wilhelm Furtwängler sprach einst davon, dass es zum richtigen Verständnis der Zauberflöte einer „zweiten wiedergefundenen Naivität“ bedürfe. Regisseur Yuval Sharon hat sich das wohl zu Herzen genommen und legt nun seine Sichtweise in der Berliner Staatsoper vor. Die Erwartungshaltung war groß. Er schert sich nicht um überkommene Konventionen und hat den Mut einen völlig neuen Blick auf die Oper zu werfen. Mit einer kindlichen Sicht dekonstruiert er das komplexe Werk auf ein kindliches Marionettenspiel. Die Bühne (Mimi Lien) erscheint als Augsburger Puppenkiste, alle Akteure hängen an Seilen und schweben tatsächlich von oben nach unten, eine stellenweise akrobatische Leistung des Gesangspersonals. Die Sprechtexte werden von Kindern wie bei einem Hörspiel gesprochen, teilweise mit witzigen Überlegungen zur veralteten Sprache oder mancher inhaltlicher Unklarheiten. Eben so, wie Kinder denken.

Die Kostüme (Walter Van Beirendonck) erinnern an Comicfiguren oder an Pinocchio. Es bleiben dabei viele Leerstellen, aber eben darum geht es Yuval Sharon, der nicht umsonst zu den wichtigen Impulsgebern des heutigen Theaters zählt. Er versteht sich als Geschichtenerzähler. Ihm gelingt hier eine kluge naive Sicht, die Raum schafft für neue Sichtweisen. Vor diesem Hintergrund ist es völlig gleichgültig, wie sich das Spiel auflöst. Wenn also am Ende Pamina und Tamino endlich von ihren Marionettenfäden befreit werden und schnurstracks in ihre Einbauküche ziehen, wo die Feuer- und Wasserprobe am Gasherd, Geschirrspüler und Küchentisch stattfindet, mag das eingefleischte Opernbesucher erzürnen, hat aber eine gewisse Konsequenz: Die beiden sind angepasst. Papageno und Papagena bleiben die Führungsfäden am Ende erhalten.

Es geht Yuval Sharon um das Spiel selbst, erst in dessen Widerschein kommen die Menschen zu ihrem wahren Sein. Wer da an Schiller denkt, liegt nicht ganz verkehrt. Indem diese Inszenierung auf die üblichen spektakulären Effekte verzichtet, bedrängt sie das Publikum auf eine andere Art.

Das gilt auch für die Auswahl des Gesangsensembles. Wer hier kulinarische Leckereien für Stimmbandfetischisten erwartet, wird herb enttäuscht. Hier ist genaues Zuhören gefordert, da die gesangliche Umsetzung in vieler Hinsicht nicht dem Üblichen entspricht. Besonders beeindruckend Serena Sáenz Molinero, die kurzfristig einsprang. Ihr Duett mit Tamino (Julian Prégardien) zählt zu den Höhepunkten des Abends. Das Verweilen oder Verstummen der drei Knaben wird von Solisten des Tölzer Knabenchores kongenial umgesetzt. Sie entwickeln durch langsame innere Tempi eine Weiträumigkeit, die eine imaginäre und stimmungshafte Entwicklung erschafft, die bei aller Unbestimmtheit ihres existentiellen Daseins nie in eine diffuse Unbestimmtheit mündet. Schauspieler Florian Teichmeister erweist sich als vortrefflicher Papageno. Großartig Kwangchul Youn als Sarastro. Gleiches gilt auch für Tuuli Takata als Königin der Nacht. Alondra de la Parra legt mit der glänzend aufgelegten Staatskapelle Berlin die musikalische Struktur sensibel und eher narrativ im Sinne der Inszenierung aus.

Sicherlich sind gegen diese Art der Inszenierung Einwände denkbar, aber Yuval Sharon hat erreicht, dass man in Zukunft bei diesem Werk wieder genauer hinhört. Leider wollte am Premierenabend der Großteil der Zuschauer dieser Sichtweise nicht folgen und überzog das Regieteam mit einem wahren Orkan mit Buhs. Ich bin jedoch sicher, dass diese mutige Inszenierung neben der seit 25 Jahren an der Berliner Staatsoper Unter den Linden erfolgreichen historisierenden Inszenierung von August Everding ihren Platz finden wird. Man muss dem neuen Staatsopern-Intendant Matthias Schulz danken, dass er den Mut hatte, diese Inszenierung auf die Bühne zu bringen und damit gleichzeitig, die stellenweise konservative Intendanz der Flimm-Ära gründlich entstaubt.

Quelle: kreiszeitung.de

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