Einst galt ein Leben ohne Krankheit als Utopie

Seuche oder Tyrannei

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Fabelhafte neue Welt: Das sagenumwobene Atlantis taugte immer gut als Schauplatz für allerlei gesellschaftliche Utopien.

Syke - In besseren Zeiten war dies nur eine Randnotiz: Die klassischen literarischen Entwürfe einer besseren Welt waren stets auch Träume vom Leben ohne Seuchen. Das gilt für Thomas Morus’ „Utopia“ und auch für „Neu-Atlantis“ von Francis Bacon. Beide sind fantastische Erzählungen, die neben ihrer verspielten Kritik am englischen Staatswesen eben auch Ausdruck der Pestangst der frühen Neuzeit sind.

Bei Bacon liest sich bereits die Anreise auf der fiktiven Südseeinsel Bensalem heute unfreiwillig komisch, oder doch wenigstens sonderbar aktuell. Der Leiter des Empfangskomitees kommt zunächst nicht an Bord. „Nicht aus Stolz oder Hochmut“, wie man beteuert, sondern weil „viele von euch sich schlecht befinden, wurde er von dem Hüter der Gesundheit in der Stadt gemahnt, die Unterredung aus einiger Entfernung zu führen.“

Vorbildliches Einhalten der Abstandsregel also, ganz ohne Polizei und Spitzel. Endlich an Land, geht es für die fremden Seefahrer dann erstmal in Quarantäne.

So wie über die Jahrhunderte immer wieder auch die totalitären Tendenzen in Morus’ Utopia kritisiert wurden, lohnt es wohl gerade heute, das Wissenschaftsideal in Bacons „Neu-Atlantis“ zu hinterfragen. Das 1627 auf Latein veröffentlichte Romanfragment hat in dieser Hinsicht nämlich tatsächlich Wellen geschlagen: Bacons Idee vom Experiment und der Empirie haben die modernen Naturwissenschaften maßgeblich geprägt, seine im Roman entwickelte Wissenschaftsakademie hat rund 30 Jahre später zur Gründung der realen englischen Royal Society geführt.

Bacons Wissenschaftler nennen sich „Das Haus Salomons“. Sie reisen als verschwiegene Bruderschaft von ihrer geheimen Insel durch die Welt, verschaffen sich heimlich Zugang zu Forschungsergebnissen aus Europa und entwickeln in ihren unterirdischen Werkstätten auch selbst allerlei praktisches: von künstlicher Nahrung über fortschrittliche Baustoffe bis hin zu sehr wirksamen und lange haltbaren Medikamenten. Was davon sie mit Staat und Gesellschaft teilen, entscheiden sie selbst. Über die Kriterien ist nichts zu erfahren, nur dass es eben durchaus Dinge gibt, die geheim bleiben.

Vor allem aber sagen die Wissenschaftler den Ausbruch ansteckender Krankheiten, Seuchen, und diverse Naturkatastrophen zuverlässig voraus: „Wir geben auch Ratschläge, die diese Ereignisse betreffen“, sagt einer, „was das Volk am besten tut, um vorzubeugen und gegen das Unheil einzuschreiten.“ Dass der Zuhörer daraufhin vor dem als religiöser Instanz dargestellten Wissenschaftler auf die Knie fällt und sich segnen lässt, liest sich wie eine vorweggenommene Karikatur auf den bisweilen arg überdrehten Ärztekult von heute. Nur ist es Bacon sehr ernst damit.

Die Beherrschung der Natur fällt in der Erzählung mit Macht über Menschen in eins. So herrschen auf der Insel etwa Zucht und Ordnung zwischen Mann und Frau, Prostitution und Homosexualität gibt es nicht, auch wenn dafür eine gewisse Fortschrittlichkeit bei der Partnerwahl herrscht.

Bemerkenswert ist auch, wie Bacon den christlichen Antisemitismus seiner Zeit in der Verneinung noch auf die Spitze treibt: Auf der Insel lebt ein jüdischer Kaufmann, wobei Bacon betont, dass „sich jene Juden von den Juden in den übrigens Teilen der Erde in ihrer Lebensweise stark unterscheiden.“ Mit einer heute erschütternden Unbekümmertheit erläutert er weiter, dass „die anderen Juden den Namen Christi hassen und gegen das Volk, unter dem sie leben, eine heimliche und tief eingewurzelte Abneigung hegen.“

Dass Bacons Antisemitismus in der Rezeptionsgeschichte des Klassikers keine große Rolle spielt, mag auch daran liegen, dass er für seine Zeit als „normal“ durchging – und dass er eine zwar krude, aber doch zumindest nicht mörderische Assimilationsgeschichte erzählt. Bemerkenswert ist es aus heutiger Warte allerdings trotzdem, dass jemand mit geradezu religiösem Eifer für Empirie und Fortschritt schwärmen kann, der sich trotzdem als bis ins Mark von Antisemitismus, Homophobie und vulgärem Elitismus durchdrungen zeigt.

Und dass er dennoch mehr oder weniger unwidersprochen als Säulenheiliger der modernen Wissenschaften gilt. In diesem Widerspruch steckt wohl der eigentlich lohnende Rat dieser bald 400 Jahre alten Geschichte aus Pestzeiten: Wahrscheinlich rettet ein medizinisch-technokratisches Regime in diesen Tagen gerade sehr viele Leben. Und es wird darum zwar schwer, aber doch bitter nötig sein, hinterher kritisch über seine Ideologie zu sprechen.

Quelle: kreiszeitung.de

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