SERIE: RÜBERGEMACHT Frank Sonnemann, Technischer Direktor

„Sie hatten meine Kinder als Pfand“

Wurde nie agitiert: Frank Sonnemann lebt seit zehn Jahren in Bremen.
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Wurde nie agitiert: Frank Sonnemann lebt seit zehn Jahren in Bremen.

Wenn Frank Sonnemann auf seine Zeit in der DDR zurückblickt, dann schaut er ganz genau hin. Er ist dann sehr ruhig, scheint in Gedanken versunken, ehe er doch zu erzählen beginnt. Und es gibt viel zu erzählen. Denn der heute 59-jährige weiß, dass er Geschichte hautnah erlebt hat.

Bremen – Frank Sonnemann weiß, dass er der Welt der Bühne sehr viel verdankt. „Im Theater war in der DDR vieles ein bisschen einfacher“, sagt Frank Sonnemann.

Seit 2010 lebt er in Bremen, wo er als Technischer Direktor am Theater Bremen beschäftigt ist, und auch in den Jahrzehnten davor spielte die Beschäftigung mit der Kunst – und wie man sie am besten auf die Bühne bekommt – die herausragende Rolle in seinem Leben. Geboren wurde er in Halle an der Saale, seine Kindheit und Jugend verbrachte er überwiegend in Dresden, wo er auch seine ersten Theatererfahrungen machte. Er lernte sein Handwerk zunächst am Staatsschauspiel Dresden und dann an der Semperoper, bei der er zehn Jahre blieb, ehe er 1992 nach Saarbrücken wechselte – dann bereits als stellvertretender Technischer Leiter.

Als die wiederaufgebaute Semperoper 1985 eröffnet wurde, habe er sich aussuchen können, ob er am Schauspiel bleibe oder an die Oper gehe, erzählt Sonnemann: „Ich habe mich für die Oper entschieden, weil ich wusste, dass ich dann viel reisen würde – wir hatten ja Gastspiele in der ganzen Welt.“ Zwar sei er ohnehin immer schon sehr musiktheateraffin gewesen, aber dieser Punkt habe eben auch eine große Rolle gespielt. Er habe zu diesem Zeitpunkt zwei kleine Kinder gehabt, sagt Sonnemann. „Sie hatten meine Kinder als Pfand, deshalb durfte ich reisen“, sagt er trocken.

Er weiß, dass er durch diese Reisemöglichkeit privilegiert war – auch deshalb habe er diese Zeit in guter Erinnerung. Er sei ein glücklicher Mensch, sagt Sonnemann – da er in einer Zeit geboren sei, in der es keinen Krieg gab; auch sei er dankbar darüber, dass er den Versuch des gelebten Sozialismus miterleben durfte, und auch sein Scheitern. Dass die Mauer eingerissen wurde, die den Stacheldraht nach innen hat zeigen lassen, wie Sonnemann es ausdrückt.

Er selbst sei nie agitiert worden, sagt Sonnemann, auch habe in seinen Stasi-Akten, die er gleich nach der Wende angefordert hatte, nichts Besorgniserregendes gestanden. Repression hat er aber durchaus erlebt – zwar nicht am eigenen Leib, aber doch im Umfeld. „Ich erinnere mich heute noch an einen Schulkameraden, der das Deutschlandlandlied gepfiffen hat – ganz unbedarft, ganz harmlos, aus Jux. Der wurde sofort aus der Lehrlingsschulklasse entfernt, war plötzlich weg. Ich habe ihn nie wieder gesehen.“ Und ein anderer Fall: Ein Kollege aus der Technik habe einmal in der Kneipe gesagt, „wir sind doch alle russische Gefangene – in betrunkenem Zustand“. Er wurde inhaftiert und war ein Jahr im Gefängnis. „Er kam dann zu uns zurück, hat nie wieder was gesagt.“ Bei den Fahrten ins Ausland seien auch immer Leute im Westen geblieben – zum Teil wusste Sonnemann davon. So habe ihn sein bester Freund gefragt, ob er nicht mitkommen wollte; er wollte nicht, wegen seiner Familie, half aber dem Freund. „Wir haben seine Papiere heimlich in der Deko vom ‚Freischütz‘ deponiert“, erzählt Sonnemann, das habe dann auch gut geklappt.

Natürlich sei nicht alles schlecht gewesen in der DDR, sagt Sonnemann. Was das Theater betrifft, habe der Osten die Kräfte gemessen mit dem Westen, nach dem Motto: „Wer kann es besser, und wer gibt wie viel Geld aus?“ Aus seiner Sicht, so Sonnemann, seien beide Seiten bei der Finanzierung von Kultur sehr großzügig gewesen – um sich gegenseitig zu überbieten: „Man hat sich in der DDR Theater geleistet. Im Osten ist man besonders günstig an Karten gekommen.“ In der Nische Theater waren die Unterschiede im Westen und Osten gar nicht so groß, sagt Sonnemann. Natürlich habe es beim Material Unterschiede gegeben, aber das habe man im Osten mit großem Improvisationstalent ausgeglichen.

Deutliche Vorteile für den Osten macht er in Sachen Ausbildung aus: Der Unterricht sei wesentlich vielschichtiger gewesen als im Westen. „Damals haben wir noch Kunsterziehung genossen, die Grundlagen der Epochen gelernt, Fragen erörtert, wie etwa die alten Griechen spielten – das gibt es im Westen nicht.“ Was es ebenfalls im Westen nicht gibt: „Ich bin nicht nur gefragt worden, ob ich nicht meinen Meister machen wollte, man hat ihn mir sogar finanziert“, sagt Sonnemann.

Das ist zugleich das Stichwort für seine ganz persönliche Wendegeschichte: Als die Mauer geöffnet wurde, war Sonnemann mit anderen Meister-Anwärtern in einem Tagungsort bei Potsdam und büffelte Grundlagen der Statik. „Wir saßen dann abends vor dem Fernseher und haben das verfolgt“, erzählt Sonnemann, sowohl im West- als auch im Ost-Fernsehen: „Man schaut erst die einen und dann die anderen, wie man das so macht in der typischen DDR-Manier“, sagt Sonnemann mit einem Schmunzeln. Dann war klar, dass Außerordentliches im Gange ist. Am nächsten Morgen stand trotz allem die Prüfung in Statik an – und es fehlten vier Leute. „Der Dozent wusste auch nicht, wo sie waren“, erzählt Sonnemann, „und plötzlich kamen sie – mit großem Hallo und vollen Plastiktüten aus dem Westen.“ Als der berühmte Schabowski-Satz im Radio kam, gab es kein Halten mehr. „Das war der reinste Taumel – wir sind dann mit unseren wenigen Autos die 100 Kilometer zur Glienicker Brücke gefahren und dort tatsächlich über die Grenze gegangen. Abends habe ich meine Schwester in Schöneberg besucht, die war völlig aus dem Häuschen – so wie wir alle.“ Die Prüfung wurde nachgeholt, der Tag ist ihm bis heute unvergesslich.

Von Frank Schümann

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