Wehe, wenn er warmgesungen 

Staatsoper Hannover eröffnet die Spielzeit mit „Die Jüdin“

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Wächst über sich selbst hinaus – Zoran Todorovich als Éléazar in „Die Jüdin“.

Hannover - Dass die große Oper eigentlich fast immer mit der großen Liebe ins Haus fällt, ist an sich schon einmal politisch gewesen. Der Durchbruch des Bürgertums auf der Weltbühne deklinierte auf der Theaterbühne immer auch als die Freiheit durch, zu lieben, wen man möchte.

„La Juive“ von von Jacques Fromental Halévy ist eine große Oper, pardon: eine Grand opéra, ganz offiziell, fünfaktig und eigentlich mit Ballett. Das fehlt in Hannover, aber groß ist ansonsten eigentlich alles. Eine große Mauer bildet den Hintergrund für Massenszenen, die von Regisseurin Lydia Steier in einem großen historischen Bogen angerichtet werden: vom Konstanzer Konzil 1414, das die Christenheit wieder einen sollte, die seit einigen Jahren vom Spaltpilz heimgesucht wird, über spanische Inquisition und Nazizeit bis in die USA der 50er-Jahre, die sich freiheitlich gaben, aber hysterisch nach kommunistischen Umtrieben fahndeten.

Steier schlägt diesen Bogen allerdings rückwärts. Fängt also in den 50er-Jahren an, um die Geschichte in jener Zeit enden zu lassen, in der der Komponist Fromental Halévy und sein Librettist Eugène Scribe das 1835 uraufgeführte Werk verortet hatten – um damit freilich etwas über ihre Gegenwart zu erzählen. „Was ist denn die Kunst, wenn nicht die Leidenschaft für das Schöne, das Große, das Wahre? Und auch zur Politik müssen wir uns äußern. Das ist unser Recht und unsere Pflicht“, zitiert das Programmheft des Abends den Komponisten.

Als Eröffnungsproduktion der neuen Opernintendanz in Hannover setzt das insofern einen unmissverständlichen Akzent. Die Oper erzählt die Geschichte des jüdischen Goldschmieds Éléazar und seiner Tochter Rachel. Sie liebt den jungen Juden Samuel, der in Wirklichkeit der junge Fürst Leopold ist, der gerade die Hussiten kaltgestellt hat. Der Konflikt verschränkt so das Urthema der Oper, die Liebe, mit Fragen der Toleranz und Religionsfreiheit – zuzeiten des Konstanzer Konzils eine ziemlich tödliche Mischung.

Steiers Zugriff dürfte dabei eher unter die etwas konservativeren Entwürfe gezählt werden können, die Intendantin Berman im Interview mit unserer Zeitung angekündigt hat. Überfordernd wirkt zwar die schiere Größe der Form: Dreieinhalb Stunden dauert der Abend, inklusive einer Pause nach dem dritten Akt. Im Großen und Ganzen ist das Regiekonzept aber eher solides Handwerk. In einer historischen Suchbewegung vorzuführen, dass Antisemitismus keine Erfindung des 20. Jahrhunderts ist, wirkt schon nicht irre spektakulär. Aber auch eine gewisse Altbackenheit in den Massenszenen lässt einen mehr Mut, mehr Biss wünschen.

Das lässt sich halbwegs verschmerzen, da musikalisch wirklich viel zu holen ist. Was keineswegs nur, aber eben nicht zuletzt Zoran Todorovichs wahrlich furioser Darstellung des Éléazar zu verdanken ist. Sein Tenor ist am Premierenabend nach kurzer Einsingphase von geradezu stählerner Härte, wo es um den Glauben und dessen Verteidigung geht. Er findet aber auch die zartesten Töne, wo es um die – vermeintliche – Tochter geht, die er – gegen ihren Willen – hätte retten können und der er in den Tod folgt. Hailey Clark singt diese Rachel mit solch lodernder Glut, dass Matthew Newlin als Leopold ganz blass aussieht. Mercedes Arcuri als dessen Gattin Eudoxie, Shavleg Armasi als Kardinal Brogni und Pavel Chervinsky als Bürgermeister besorgen ihre Aufgaben famos, und auch das Staatsorchester unter Constantin Trinks darf sich zu recht bejubeln lassen. Nur mehr Aufbruch, mehr Wagemut auf dem Regie-Stuhl wäre schön und angemessen gewesen.

Die nächsten Termine

Dienstag, 17. September, Dienstag, 24. September, Freitag, 27. September, jeweils 19.30 Uhr, Opernhaus, Hannover.

Quelle: kreiszeitung.de

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