„Table Top Theatre“ bei den Kunstfestspielen Herrenhausen

Wenn das Salzfass spricht

Shakespeare am Küchentisch. Foto: HUGO GLENDINNING

Hannover - Von Jörg Worat. Der Kartoffelstampfer und der hölzerne Fleischklopfer beraten sich. Mit einem grausigen Resultat: Die Schachtel mit den Heftklammern muss sterben. Das ist kein Shakespeare? Doch, bei „Forced Entertainment“ schon. Die britische Gruppe will allerdings bei den Kunstfestspielen Herrenhausen an neun Tagen sämtliche 36 Dramen des Dichters aufführen, und damit das nicht aus dem Ruder läuft, muss man halt ungewöhnliche Mittel wählen. Zum Beispiel das „Table Top Theatre“.

Die auf einen Tisch reduzierte Bühne befindet sich im Lindener Kulturzentrum „Faust“, eine Örtlichkeit von etwas ruppigem Charme und somit ein Gegenpol zum feinen Herrenhausen-Ambiente – Ingo Metzmacher, Intendant des Festivals, hat stets Wert darauf gelegt, die Veranstaltungen auch in die Stadt zu tragen. „Forced Entertainment“ spielen pro Tag vier Shakespeare-Stücke, die jeweils höchstens 60 Minuten dauern und von einem Ensemblemitglied aufgeführt werden. Mit Utensilien, die sich im Werkzeugkasten, im Büro und vor allem in der Küche finden.

Das ist spannend, faszinierend und in den besten Momenten genial, zum Auftakt der Bewertung seien jedoch zwei Nachteile genannt. So hat es seine Gründe, dass manche Shakespeare-Werke eher unbekannt sind: Die Handlung des Historiendramas „König Johann“ etwa, dessen Titelfigur in dieser Version vom eingangs erwähnten Stampfer verkörpert wird, ist außerordentlich verwickelt, aber nicht unbedingt in gleichem Maße interessant.

Zudem lässt sich angesichts einer derartigen Materialfülle kaum für jede Figur eine so treffende Umsetzung finden wie dies bei Kardinal Pandolf der Fall ist – eine Karaffe mit tiefrotem Glaskorken. Performerin Cathy Naden entfaltet viel Charme und muss herzlich lachen, als einer der Topfschwamm-Herolde partout nicht stehenbleiben will, aber so richtig kann sie das Publikum nicht packen.

Da hat Kollege Robin Arthur mit „Julius Caesar“ eine deutlich dankbarere Aufgabe erwischt: Der Stoff ist griffiger, die Charaktere sind klarer definiert. Caesar kommt hier als eine große Flasche feinsten Speiseöls daher, während die Verschwörer in Gestalt unterschiedlich abgefüllter Scharfgewürze erscheinen. Ein Stapel Plastikbecher wird je nach Situation zu Senatoren oder Soldaten umfunktioniert.

Arthur hat außerdem ein besonders feines Gespür für die Sprache, holt Shakespeare gleichsam auf den Teppich, aber ohne ihn dabei zu denunzieren. Wenn beispielsweise das Salzfass, pardon: Marcus Antonius seine berühmte Leichenrede mit dem vergifteten Lob für Brutus hält, ist nicht mehr vom „honorable man“ die Rede, sondern vom „decent kind of bloke“ – aus dem „ehrenwerten Mann“ ist ein „angenehmer Typ“ geworden. „Forced Entertainment“ waren schon immer gut darin, Theater von allzu dramatischem Pathos zu befreien und dabei auf die elementaren Grundzüge des Erzählens herunterzubrechen. Ach, unter dem Strich ist dieser Abend am Küchentisch doch ein höchst origineller Ansatz.

Quelle: kreiszeitung.de

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