Sprengel-Museum in Hannover zeigt in „Ruhige Momente“ Interieurs und Stillleben

Zuhaus im Museum

Ikonisch: Andy Warhols „Campbell’s Soup I“.

Hannover - Von Jörg Worat. Bizarr ist das schon: Das Sprengel-Museum hat die Ausstellung „Ruhige Momente“ eröffnet, und der Untertitel „Interieurs und Stillleben aus der Grafischen Sammlung“ verrät, worum es hier geht. Nämlich in erster Linie um Motive, die man in den eigenen vier Wänden zu sehen bekommt – kaum nötig zu erwähnen, dass just dies viele Menschen zuletzt im richtigen Leben vielleicht ausführlicher studieren mussten, als es ihnen lieb war. Im gleichen Atemzug wäre allerdings zu betonen, dass die Schau, wie üblich, einigen Vorlauf hatte und keineswegs eine direkte Reaktion auf die Coronakrise ist.

Tatsächlich hat sich Kuratorin Karin Orchard schon lange Gedanken über dieses Thema gemacht: „Es gab ja zuletzt in der Gesellschaft eine ausgeprägte Tendenz zum Rückzug. Das kann man mit dem Wunsch nach so etwas wie Gemütlichkeit, nach Behaglichkeit in Verbindung bringen. Oder auch mit dem Bedürfnis, sich gleichsam einzuigeln – das so genannte Cocooning.“

Die Kuratorin hat die museumseigene Datenbank als Ausgangspunkt benutzt und schließlich rund 100 Exponate zusammengestellt, vorwiegend Grafiken sowie einige Gemälde und Objekte. Die Kuratorin kombiniert gern bekannte Künstlernamen mit Raritäten; diesmal finden sich neben Ernst Ludwig Kirchner, Max Beckmann oder Marc Chagall auch Helmut Brade, Vlado Kristl oder Helene Petraschek-Lange. „Mir war klar“, sagt Orchard, „dass unsere Sammlung bei einem solchen Thema viele Möglichkeiten eröffnet. Ich bin danach gegangen, was Qualität hat und zusammenpasst. Außerdem wollte ich die Ausstellung in verschiedene Rubriken unterteilen – dabei haben sich Zusammenhänge ergeben, an die ich vorher gar nicht gedacht hatte.“

Schon die erste dieser Rubriken ist ein gutes Beispiel für überraschende Ansätze. Sie heißt „Blau“ und beweist, dass die Kuratorin ihre Grundidee sehr weit ausgelegt hat. Zu sehen sind hier etwa die reduzierten Abstraktionen von Rupprecht Geiger oder Himmelsflexionen in einer Kristallkugel, die der Bauhauskünstler Joost Schmidt mit Blei- und Farbstiften geschaffen hat. „Blau ist eine ruhige und warme Farbe, die den Eindruck von Geborgenheit vermittelt“, erläutert Orchard, die keinen Hehl daraus macht, dass der in dieser Abteilung mit der sehr stillen Darstellung einer Schale vertretene Künstler Kazuo Katase auch für sie selbst eine Art Neuentdeckung war. Dass übrigens Blau vom Pantone-Institut zur „Farbe des Jahres 2020“ ernannt wurde, ist eine willkommene Dreingabe.

Dem Thema Haus nähert sich die Ausstellung quasi schrittweise aus der Distanz. Horst Antes ist mit einem seiner typisch abweisenden Gebäude ohne erkennbare Zugänge oder Ausblicke dabei, Werner Heldt hat in den Nachkriegsjahren gern Fensterbilder an der Schnittstelle zwischen Innen und Außen geschaffen. Und im heimischen Badezimmer befindet sich der Mann auf der umfangreichen „Shower“-Serie von Ilja Kabakow – der Wasserstrahl erreicht allerdings nie den Körper des Duschenden, was dem russischen Künstler als Kritik am real existierenden Sozialismus angekreidet wurde.

Eine Abteilung kreist um das Essen, es finden sich unter anderem die berühmte Suppendose von Andy Warhol und eine weniger berühmte, aber nicht zwangsläufig künstlerisch minderwertige Würstchenkonserve des Hannoveraners Erich Wegner. Und wenn wir schon von Berühmtheit sprechen: Auch Picasso präsentiert sich hier kulinarisch, wenn auch explizit mit einem „Kärglichen Mahl“, einer melancholischen Radierung aus der Zeit der „Blauen Periode“, noch bevor der Künstler mit kubistischen Arbeiten die Kunstwelt in Aufruhr versetzte.

„Ruhige Momente“ ist nicht nur der Ausstellungstitel, so heißt auch eine eigene Rubrik. Hier dreht sich mancherlei ums Lesen: Auf Thomas Bayrles Siebdruck studiert jemand die Zeitung, Picassos Jaqueline hat ein Buch in der Hand, und bei Oskar Schlemmer gibt es eine „Lesestunde“ – die vergleichsweise konventionelle Darstellung stammt aus dem Jahr 1935, als der Künstler sich durch die Zeitumstände genötigt sah, von gar zu avantgardistischen Experimenten Abstand zu nehmen.

Die klassische Rubrik „Stillleben“ ist auch vertreten, nur eben in einer modernen Variante. Dabei fällt die Häufung technischer Motive auf – Franz Belting stellt eine Steckdose dar, Edward Kienholz einen Volksempfänger, und Niki de Saint Phalle, die in einer Sprengel-Ausstellung niemals fehlen darf, ein Telefon. Von Grethe Jürgens, der bedeutenden hannoverschen Vertreterin der Neuen Sachlichkeit, gibt es eine eher ungewöhnliche Schneiderpuppen-Szenerie, während Giorgio Morandis Radierung mit einer Ansammlung von Dosen, Krügen und anderen Behältern gleichsam den Inbegriff des Stilllebens im 20. Jahrhundert verkörpert: „Das einzige Morandi-Gemälde aus unserer Sammlung“, so Orchard, „wird zur gleichen Zeit in der Dauerausstellung ,Elementarteile‘ gezeigt. Wenn es möglich ist, stelle ich gern solche Brückenschläge zwischen Grafik und Malerei her.“

Nicht zuletzt beweist die Kuratorin auch einigen Humor, wenn sie Bertrand Laviers leicht verfremdetes Feuerlöscher-Objekt in ihre Ausstellung hängt – eine Anspielung auf die mal mehr, mal weniger ernsthaft geführte Diskussion über Gewissheit beziehungsweise Zweifel, was in einem Museum für die Moderne nun bedeutende Kunst ist und was auch schlichtweg Ausstattungsgegenstand sein könnte.

Quelle: kreiszeitung.de

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