Bibliotheken sind mehr als „Romanleihstellen“

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Rang fünf hat die Stadtbibliothek in Melle auf dem Bibliotheksindex für Niedersachsen belegt.

Melle (dpa) - Der große Raum ist hell und freundlich, Tageslicht fällt durch große Lichtkuppeln auf Sitzgruppen, die zwischen den übersichtlichen Regalen aufgestellt sind. Am Eingang hat Bibliothekschefin Ulrike Koop die jüngsten Neuerwerbungen aufgestellt.

Da steht der Lateintrainer neben der Einführung in das Computerbetriebssystem Linux, und direkt darunter finden sich die „Fragen an die Hebamme“. „Die thematische Spannbreite der Medien ist enorm groß bei uns“, sagt die 40-Jährige. Eines ist diese Bücherei nicht: verstaubt.

Eine Stadtbücherei müsse mehr bieten als die Klassiker der Literatur, betont die Diplom-Bibliothekarin. „Bei uns muss der Kunde das Buch über Kinderkrankheiten ebenso finden wie den Ratgeber für Gehaltsverhandlungen oder einen Dokumentarfilm zum Klimawandel“, sagt sie. In ihrer Masterarbeit an der Fachhochschule Osnabrück versuchte Koop, den Mehrwert, den die Bibliothek den Meller Bürgern bietet, in Euro umzurechnen. Das Ergebnis: Der theoretische Gewinn der Stadtbücherei liegt bei drei Millionen Euro.

Leseratte Ann-Christin zieht ein Buch aus einer Bücherkiste in der Stadtbibliothek in Melle.

Für die Studie befragte Koop die Büchereikunden, wie intensiv sie die ausgeliehenen Medien nutzten. Außerdem stellte sie die Frage: „Was wären sie bereit, für dieses Medium zu zahlen, für den Fall, dass es nicht kostenlos auszuleihen wäre?“ Anschließend verglich Koop diese hypothetischen Einnahmen mit den tatsächlichen Kosten der Stadtbücherei. Daraus resultiert der Gewinn von drei Millionen Euro, oder anders ausgedrückt: Jeder in die Meller Stadtbücherei investierte Euro zieht einen theoretischen Gewinn von 7,60 Euro nach sich.

Der Wert der Bibliothek sei aber nicht allein in Geld auszudrücken, betont Koop und verweist auf viele Serviceangebote, von Führungen für Schüler und Kindergartenkinder bis hin zu Märchenerzählungen. „Eine Stadtbücherei ist mehr als nur eine Romanleihstelle“, betont sie. Neben Büchern bietet die Bibliothek auch CDs, DVDs, und elektronische Medien wie eBooks oder DVD-Roms. Registrierte Kunden der Bibliothek können sich sogar von zu Hause aus übers Internet Hörbücher als Audiodateien herunterladen.

Den großen Wert einer Stadtbibliothek kann Barbara Schleihagen, Geschäftsführerin beim Deutschen Bibliotheksverband, nur unterstreichen. Hauptsächlich Kinder und Jugendliche nutzen ihren Worten zufolge die Büchereien. „Die Bibliothek erreicht alle Bevölkerungsschichten“, sagt sie. Menschen mit Migrationshuntergrund gehörten sogar häufiger zu den regelmäßigen Büchereinutzern als der Durchschnittsdeutsche.

Ein Mann liest in einem Raum der Stadtbibliothek in Melle.

Dennoch müssen viele Kommunen in Zeiten großer Haushaltslöcher sparen - und davon sind auch die städtischen Büchereien betroffen. „Das, was auf uns zukommt, wird fürchterlich, und natürlich trifft es die Bibliotheken besonders hart“, sagt Schleihagen. Anders als Kindergärten oder Schulen seien Bibliotheken keine Pflichtaufgaben der öffentlichen Hand, sondern freiwillige Dienstleistungen der Städte und Gemeinden, erläutert sie. Dabei sei die Nachfrage immens. „Im Jahr besuchen 200 Millionen Menschen die Bibliothek“, erläutert sie. “Überhaupt keine andere Bildungseinrichtung hat so viele Besucher. Zu uns kommen wesentlich mehr Leute als zu den Fußballbundesligaspielen.“ Gerade für Kinder und Jugendliche seien Büchereien wichtige Einrichtungen.

Die Lage der Bibliotheken sei bundesweit betrachtet sehr unterschiedlich. „Wir sehen ein Nord-Süd-Gefälle“, sagt Schleihagen. In Baden-Württemberg beispielsweise seien die Bibliotheken noch vergleichsweise gut aufgestellt. Das drücke sich einem Ranking aus, dem „BIX“ genannten Bibliotheksindex, bei dem das süddeutsche Land die vorderen Plätze belege. „Es droht aber die Gefahr, dass sich die Lage auch dort verschlechtert, wo es noch gut aussieht“, sagt Schleihagen.

In Melle ist Büchereichefin Koop stolz auf das gute Abschneiden ihres Hauses beim Bibliotheksindex: Rang fünf belegten die Niedersachsen, und in der Größenordnung von Städten zwischen 15.000 und 30.000 Einwohner gehört die Stadtbücherei damit zu den besten Bibliotheken Deutschlands. Im Meller Rathaus ist man sich der Bedeutung der Bibliothek offenbar bewusst. Trotz 40 Prozent Einbußen bei den Gewerbesteuereinnahmen solle am Bibliotheksetat nicht gespart werden, sagte der 1. Stadtrat von Melle, Stefan Junkermann.

Quelle: kreiszeitung.de

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