...dann nehme ich Ermittlungen wieder auf“/ Für Staatsanwalt Selbsttötung / Familie (ver)zweifelt: Viele Ungereimtheiten

„Bringen Sie mir den Mörder Ihres Sohnes...“

Der 31-jährige Kfz-Mechaniker Marcel Riesmeier aus Ristedt bei Syke.

Niedersachsen - Von H.-J. Ziller · „Bringen Sie mir den Mörder Ihres Sohnes, dann nehme ich die Ermittlungen wieder auf.“ Mit dieser barschen Abwehrreaktion habe der seinerzeit federführende, offenbar bis ins Mark genervte Staatsanwalt in Verden alle bohrenden Fragen der Angehörigen abgebügelt. Fragen der traumatisierten Eltern, Lothar und Elke Riesmeier (54/53) aus Ristedt, und der immer noch fassungslosen Schwestern Susann (24) und Melanie (30).

Sie können nicht glauben, dass sich ihr Sohn und Bruder, der 31-jährige Marcel, am 9. Juni vergangenen Jahres auf einem Feld in Ristedt bei Syke (Kreis Diepholz) mit bis zu 30 Messerstichen und Schnittverletzungen selbst umgebracht haben soll. Zu viele Ungereimtheiten konnte oder wollte die Polizei gegenüber den Angehörigen bisher nicht aufklären. Für die Ermittler sprach offenbar bereits kurz nach Auffinden des Toten auf dem Ristedter Feldweg alles für eine „Selbsttötung“ als Todesursache, nachdem ein Arzt bei einer ersten Leichenschau vor Ort sogenannte „Probierschnitte“ an Handgelenk und Armbeuge festgestellt hatte.

Die in den folgenden Tagen und Wochen zusammengestellte Ermittlungsakte listet auf vielen Seiten auf, was für die von Anfang an verfolgte These der Polizei spricht. Sie setzt sich aber nicht mit jenen vielen Details und Auffälligkeiten auseinander, die gerade nicht in das vorgefertigte Bild passen, kritisiert die Familie. Von Woche zu Woche wuchsen daher ihre Zweifel, und die schürten immer massiver das Misstrauen an der Qualität der Ermittlungsarbeit. „Da liegt der Verdacht nahe, dass geschlampt wurde“, glaubt Lothar Riesmeier. Erst recht bestätigt fühlt sich der Vater in seiner Ansicht, als er im Abschlussbericht der ermittelnden Diepholzer Polizeibeamten vom 1. September 2009 liest: Bei Beendigung der Obduktion habe der Gerichtsmediziner erklärt, dass „zweifelsfrei Suizid vorliegen würde. Diese eindeutige Aussage fehlt im Obduktionsbericht vom 17. 6. 2009.“ – Nur ein Versehen? Eine Nachlässigkeit?

Nach Angaben der Eltern war der 31-jährige Marcel am Nachmittag des Tattages zu einem Spaziergang aus dem Haus gegangen. Er habe sich zuvor völlig normal verhalten, sei nicht etwa schlechter Stimmung gewesen, habe weder unter Alkohol noch unter Drogen gestanden. Der Rest scheint schier unglaublich: Mit einem Messer aus dem heimischen Küchenblock soll sich der Kfz-Mechaniker 400 Meter vom Elternhaus entfernt auf einem Feld zahlreiche Schnitte an Handgelenk und Armbeuge beigebracht, dabei eine Fin-gersehne an der linken Hand und eine Beugesehne am rechten Arm durchtrennt haben. Danach habe er sich in den Bauch gestochen und schließlich mehrfach in die Brust – mit solcher Wucht, so der Gerichtsmediziner, dass eine Rippe durchschnitten wurde und ein Lungenflügel zusammenfiel. Dabei blutete der Körper nahezu aus. Dennoch soll der Schwerstverletzte fast 14 Meter weit vom Feld auf einen Weg gerobbt sein. Denn Tatort (dort wurde erst in der Nacht zum folgenden Tag das Messer entdeckt) war nicht Fundort des Toten.

Riesmeier: „Als uns am 9. Juni gegen Mitternacht die Polizei die Todesnachricht überbrachte, hieß es noch, Fundort sei Tatort.“ Für den Vater Marcels, Lagerist einer Spedition im Bremer Umland, blieb dies nicht die einzige Ungereimtheit: „Warum weist das Messer keine Fingerspuren auf? Warum war die Kleidung nicht etwa 'runtergerutscht, sondern eher in den Nacken? Warum an den Händen und an der Hose Marcels keine Blutspuren? Woher stammt das geschwollene Jochbein?“ Die Liste quälender Fragen ist lang. Auch zu vermeintlichen, von der Polizei aufgelisteten Motiven des Sohnes: Tatsächlich hatte er Kontakt zum Bremer Drogenmilieu, nahm gelegentlich Rauschmittel. Aber ein toxikologisches Gutachten ergab: Kein Hinweis auf Alkohol oder Rauschgift, ja, über drei Monate kein Drogenkonsum feststellbar. Depressionen? „Davon kann ebenso wenig die Rede sein wie von familiären Problemen“, weist Lothar Riesmeier Mutmaßungen zurück. Allerdings habe er schon das Gefühl gehabt, dass sich sein Sohn gelegentlich bedroht gefühlt habe. Deshalb habe er auch regelmäßig ein Butterflymesser bei sich gehabt. Nur am Tattag nicht, es sei verschwunden. Nahm Marcel deshalb, zum eigenen Schutz, ein Messer aus der Küche mit? Eine schmerzhafte Selbsttötung auf diese Weise, obwohl Marcel „kein Blut sehen konnte, ja schon mehrfach beim Anblick von Blut ohnmächtig geworden war?“, wie die Eltern wissen.

Fragen über Fragen, deren Antworten die Familie Riesmeier herbeisehnt. Der 54-jährige Vater: „Wir müssen es wissen. Und wenn zum Schluss dann steht, ja, es war ein Suizid, dann müssen wir uns damit abfinden und können wirklich trauern. Dann finden wir irgendwann Ruhe. Denn ein Kind zu verlieren, ist der schlimmste Horror.“

Insgesamt dreimal fest zugesagte Klärungsgespräche, zweimal telefonisch und einmal schriftlich, hätten Polizei und Staatsanwaltschaft platzen lassen.

Auf Vermittlung dieser Zeitung hatte die Diepholzer Inspektion signalisiert, dass es noch im Dezember zu einem solchen Austausch mit der Familie kommen könnte.

Alle für die Angehörigen entscheidenden Fragen lagen schriftlich vor. Dann kam, nach Wochen, ein Rückzieher. Auf keinen Fall ein Gespräch im Beisein der Zeitung, also der Öffentlichkeit, und damit auch keine Antworten auf Fragen dieser Zeitung.

Diese Ausgrenzung der Medien lehnt Familie Riesmeier ab, sie hat die Ermittler ausdrücklich von allen Schweigepflichten entbunden.

Bleibt eine letzte Frage: Warum darf nichts ans Licht der Öffentlichkeit?

Quelle: kreiszeitung.de

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