Raus aus dem Alltag

Mikroabenteuer im Sommerurlaub: Mit einfachen Mitteln Neues in Corona-Krise erleben

Ein Urlaub in Corona-Zeiten ist anders als sonst üblich. Nicht mit dem Flieger in die Ferne, sondern zu Fuß sowie Bus und Bahn innerhalb Deutschlands - das hat auch seinen Reiz: zum Beispiel beim sogenannten Mikroabenteuer mit einfachen Mitteln.

  • Mikroabenteuer erlauben Urlaub in der Corona-Krise.
  • Trend beschreibt Kurzausflüge mit einfachen Mitteln.
  • Kleine Reisen erlauben einen Ausbruch aus dem Alltag.

Bremen/Hamburg - Eigentlich ist das Aufbauen schon ein kleines Abenteuer. Wenn Ingo Kobza und Norma de Joncheere die Einzelteile des handgetischlerten Gerüstes ihres Faltboot-Zweiers auf der Wiese neben dem Fluss ausbreiten, kratzen sich Beobachter verwundert am Kopf. Das soll ein Paddelboot sein? Doch mit geübten Griffen verbindet das Paar ganz ohne Werkzeug und Schrauben die Spanten aus mehrfach verleimtem Birkensperrholz mit den Bordwänden aus Esche, steckt alles in die Bootshaut, füllt die Kenterschläuche mit Luft, installiert die Ruderanlage - fertig. Das Mikroabenteuer auf dem Wasser kann losgehen.

Mikroabenteuer - das bedeutet, ohne festes Ziel einfach loszufahren

Rausholen, Aufbauen, Losfahren: Diesmal haben sich die beiden Bremer die Aller unweit von ihrem Wohnort ausgesucht, um mit ihrem Boot für ein paar Stunden in eine andere Welt einzutauchen, den Alltag hinter sich zu lassen - und dem Trend zum Mikroabenteuer zu folgen, der nicht nur in Deutschland immer mehr Menschen begeistert. Gerade in Corona-Zeiten sind das Aktionen, die sich leicht umsetzen lassen, ohne große Urlaubsplanung, ohne Flugticket. „Einfach raus und machen“, rät Deutschlands Vordenker Christo Foerster (42).

„Für mich dauert ein Mikroabenteuer mindestens 8, maximal 72 Stunden, ohne Auto oder Flugzeug und ohne ein Zelt zum Schlafen, falls ich über Nacht unterwegs bin“, beschreibt der Hamburger Motivationstrainer und Buchautor, schränkt aber auch gleich ein: „Das ist meine individuelle Abgrenzung gegenüber anderen Draußen-Aktivitäten.“ Und was das Abenteuer angeht, da nennt Foerster ebenfalls drei Kriterien: „Ich verlasse meine Komfortzone und stelle mich einer persönlichen Herausforderung, beschreite mir unbekannte Wege und akzeptiere einen ungewissen Verlauf.“

Hinter jeder Kurve wartet womöglich ein kleines Abenteuer

Die Psychologin Norma de Joncheere (54) und der Erzieher Ingo Kobza (53) haben sich diesmal einen Tag freigeschaufelt - für Genusspaddeln. Obwohl: Schon hinter der nächsten Kurve kann ein kleines Abenteuer warten: Hindernisse im Wasser, eine herausfordernde Strömung, eine überraschende Begegnung mit einem fauchenden Schwan, der sein Revier verteidigt. „Mit jedem Paddelschlag entferne ich mich mehr von meinem Alltag, schärfe meine Sinne, genieße die Stille, das Dahingleiten, in Augenhöhe mit dem Ufer, nur durch eine dünne Haut vom Wasser entfernt. Das ist Auszeit pur“, schwärmt Norma de Joncheere.

Mikroabenteuer bedeuten bestenfalls einen gelungenen Ausstieg aus dem Alltag.

Der Brite Alastair Humphreys gehört zu den Begründern der Szene und hat 2014 „Microadventures“ als Abenteuer beschrieben, die jeder im Alltag erleben kann - vor der eigenen Haustür. Dabei gehe es nicht zwingend um höher, schneller, weiter, betont Foerster. „Eine viel größere Herausforderung als in möglichst kurzer Zeit von A nach B zu gelangen, kann es sein, sich achtsam fortzubewegen oder an einem einsamen Ort tagelang zu verweilen.“

Mikroabenteuer sollten nicht zu überladen geplant werden

Möglichst viel in einen begrenzten Zeitraum zu pressen, dieser Versuchung sollten Mikroabenteurer aber unbedingt widerstehen, meint Foerster, der es auch liebt, die eigenen körperlichen Grenzen auszutesten. Ähnlich sieht es Ingo Kobza. „Auf dem Wasser volles Pfund abknüppeln, mal sehen was geht, nur mit kurzen Pausen zum Essen und Trinken - das ist Kopfhygiene“, betont er. Entspannung stellt sich bei ihm aber auch ein, wenn er ruhig in die Natur eintaucht: „Das Wasser ganz für mich allein - da kann ich alles von mir abfallen lassen.“

Ihre Faszination entfaltet die Idee des Mikroabenteuers Foerster zufolge vor allem, weil sie einerseits so einfach ist und gleichzeitig doch ein Querdenken erfordert, nämlich: es einfach zu machen. Das kennt auch Ingo Kobza, der selbst bei Eisgang - selten genug in Norddeutschland - mit dem Faltboot unterwegs ist. „Wenn ich müde bin, wenn das Sofa mehr ruft als das Boot, muss ich den inneren Schweinehund überwinden. Das ist eine Herausforderung.“

Mikroabenteuer sollen Alltag durchbrechen - nicht nur in der Corona-Krise

Beim Mikroabenteuer gehe es vor allem darum, den Alltag zu durchbrechen, verdeutlicht Foerster: Mit einer Nacht im Wald, zwischen Büroschluss und Arbeitsanfang am nächsten Tag, mit Entdeckungstouren zu Fuß, per Rad oder Boot zu den nächsten Landmarken vor der Haustür, egal, ob das nun ein Strand, ein Gipfelkreuz, ein See, ein Fluss oder ein mächtiger Baum ist. Foersters Einstieg in die Mikroabenteuer war übrigens eine Fahrradtour - über Nacht von Hamburg zum Frühstück mit einem Kumpel nach Berlin.

Die Aktion sollte sein Leben auf den Kopf stellen. „Die Abenteuer, die oft so weit weg schienen, lagen auf einmal überall herum. Ich musste sie nur machen.“ Auch das Paddel-Paar aus Bremen möchte auf seine Mikroabenteuer, auf seine Auszeiten vom Alltag nicht mehr verzichten. „Der Effekt ist gewaltig“, schwärmt Ingo Kobza, „wie eine Woche Urlaub“. (epd)

Rubriklistenbild: © Klaus-Dietmar Gabbert/dpa-tmn

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