Verständigung über Töpfen und Pfannen

Afghanisch kochen in Rehburg-Loccum

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Der Star des Abends ist Masoma, die perfekt in alle Richtungen übersetzt und sich schnell mit allen Teilnehmern anfreundet

Rehburg-Loccum - Gemeinsam afghanisch kochen – dazu haben der Loccumer „Treff International“, das Rehburg-Loccumer Familien-Servicebüro und drei Frauen aus Afghanistan in die Schulküche der Oberschule Loccum eingeladen.

Einmal einiges von dem zurückgeben können, was sie hier bekommen haben, und das in einer Sprache, die sie beherrschen, wollten die Frauen – und hatten schnell mehr Anmeldungen für ihren Kochkurs als Plätze vorhanden waren.

Alexandra weint so sehr, dass ihr die Wimperntusche von den Augen fließt. Kein Wunder, denn eben hat sie einen großen Berg Zwiebeln geschnitten. Währenddessen üben sich Erika, Heinz, Lena und Fabian in den Tugenden von Aschenbrödels Tauben und trennen sauber Rosinen von ihren Stielen. Eine dichte Menschentraube drängt sich um Yalda, als sie damit beginnt, hauchdünne Teigfladen zu füllen. Wie sie es bloß schafft, den Teig nicht reißen zu lassen mit der komplizierten Faltung, dem „Kleber“ aus Mehl und Wasser, den sie auf die Kanten aufträgt, und dann auch noch die Füllung aus Kichererbsen, Kartoffeln und Koriander einzufüllen! Etliche Handys werden gezückt, um das zu Filmen. Zum Aufschreiben ist es viel zu kompliziert.

Die Kunst, afghanische Teigtaschen zu füllen beherrscht Yalda perfekt.

Natürlich wird an diesem Abend ein „Küchen-Du“ gepflegt. Eine der ersten Aufgaben des Abends ist es gewesen, Klebestreifen mit den Vornamen an Schürzen und Shirts zu befestigen - schließlich ist gemeinsames Kochen eine sehr persönliche Angelegenheit. Wilburg freut sich schon auf die Rezepte, die es später geben soll und diktiert Valerie, wie Yalda die Teigtaschen-Füllung gemacht hat. Valerie Grill vom „Treff International“ ist eine der Frauen, die zu diesem Kochkurs eingeladen haben – sie hat den Plan mit den Frauen aus Afghanistan ausgetüftelt, hat mit ihnen eingekauft, Küchenzubehör in die OBS-Schulküche geschleppt und springt nun überall dort ein, wo Verständigungsprobleme auftauchen.

Für gute Verständigung mit Deutsch und Farsi sorgt allerdings auch Masoma. Sie ist die jüngste Teilnehmerin, ihre Mutter Kandi hat sie mitgebracht. Auch wenn Masoma erst in die erste Klasse geht, versteht sie von allen Beteiligten doch am allermeisten - so, wie sie in beiden Sprachen reichlich perfekt unterwegs ist. Das nutzen alle Seiten gerne und das Mädchen sonnt sich durchaus ein wenig in der Aufmerksamkeit, die ihm entgegengebracht wird.

In erster Linie hält sich Masoma in der Kochzeile von Narjes auf, die eine komplizierte Creme aus Aubergine vorbereitet. Narjes sei ihre Tante und erst wenige Wochen in Deutschland, erzählt das Mädchen. Bei Narjes sind die Sprachdefizite noch groß und umso mehr kann Masoma helfen. Vieles wird denjenigen, die einen Einblick in die afghanische Küche bekommen möchten, aber schon klar durch die energischen Handgriffe, mit denen Narjes eingreift. Ulli rührt für ihren Geschmack die Creme nicht schnell genug. Schon hat sie den Löffel in der Hand, zeigt, wie es gehen soll und schaut ihn auffordernd an. Eine strenge Lehrerin, der alle aber gehorsam zu folgen versuchen.

Das Lehren – dazu brauchen die drei Frauen in der ersten Stunde manchen Anstoß von Valerie. Allzu viel machen sie allein, flitzen hin und her und sind ganz in ihrem Element, während diejenigen, die voller Tatendrang danebenstehen, kaum mehr machen können als die Arme verschränken und zusehen. Deutlich ist Yalda, Narjes und Kandi anzumerken, dass sie oft, gerne und für viele Menschen kochen. Doch irgendwann und mit Ansage von Valerie beginnen sie, alle einzubeziehen, Aufgaben abzugeben und – auch auf die Gefahr hin, dass das Essen nicht so perfekt wird, wie sie es gewohnt sind – andere Köche in den Töpfen rühren zu lassen.

Dampf steigt von dem Topf auf, in dem Kandi rührt – und Wiebke und Heinz schauen neugierig hinein.

Etwas zurückgeben von dem, was sie nach ihrer Flucht an Hilfe und Hilfsbereitschaft in Deutschland bekommen haben, das ist für die drei Frauen der Ansatz gewesen für den Kochkurs. Für Valerie Grill und Ute Grolms vom städtischen Familien-Servicebüro war das eine gute Ausgangslage für noch mehr. Viele Freundschaften hätten Rehburg-Loccumern und Flüchtlingen geschlossen, sagt Grolms, insbesondere aber mit jenen, die bereit waren, Flüchtlinge zu begleiten. Ein Kochkurs, meint sie, sei nun eine gute Möglichkeit, auch einmal weitere Menschen einzubeziehen.

Dieser Plan ist aufgegangen. Aus etlichen Orten des Landkreises sind die 16 Teilnehmer gekommen - einige von ihnen, weil sie schon viel Kontakt zu afghanischen Familien hatten, andere, weil sie einfach neugierig auf eine ganz andere Art des Kochens sind. Über Rezepten und Zutaten, über Töpfen und Pfannen, beim gemeinsamen Essen und beim Aufräumen und Abwaschen, mit Lachen und – angesichts von Zwiebelbergen – Weinen kommen sich alle näher und versichern sich, was für ein schöner und interessanter Abend es war, während Valerie Grill und Ute Grolms bekunden, dass sie weitere Kochkurse organisieren wollen. Irakische Küche stellen sie für das nächste Mal in Aussicht.

Für Kandi, Narjes und Yalda ist der Abend ebenfalls ein äußerst positives Erlebnis gewesen. Als Narjes am Tag darauf beim Einkaufen einer der Teilnehmerinnen begegnet, die sich noch einmal bei ihr bedankt, antwortet sie - die ja noch kaum ein Wort Deutsch spricht oder versteht - mit einem Lächeln und einem Kuss auf die Wange.

ade

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