Volker Brethauer trotzt vielen Widrigkeiten und macht das Beste aus jedem Tag

Agil und mobil mit Handicap

Aus seinem Zimmer in Winzlars Widdelhof begibt sich Volker Brethauer oft hinaus – trotz Handicap. Fotos: ade

Winzlar – Jemand hat ihn einmal gefragt, ob er auf der Flucht aus dem Seniorenwohnheim ist. „Keineswegs!“ geantwortet. Dann würde Volker Brethauer doch nicht immer wieder gerne zurückkommen. Dass das Leben in einem Heim ein höchst aktives Dasein „außerhalb“ nicht ausschließt, das beweist der 75-Jährige aber dennoch Tag für Tag.

Zehn Jahre lebt Brethauer nun schon in Winzlars Widdelhof. Damals, mit 66 Jahren, fühlte er sich mit seinem Haushalt in Steinhude, mit dem Leben allein dort, komplett überfordert. Irgendwo ankommen, wo er sich um nichts mehr kümmern muss, wo alles für ihn erledigt wird – das war es, was er wollte. Geschieden, pensioniert, der Sohn ausgezogen. So allein wollte er nicht sein. Hinzu kam, dass er körperlich, wie er sagt, „am Ende“ war.

Körperlich geht es Brethauer um einiges besser als am Tag seines Einzugs. Dennoch ist er auf einen Rollator angewiesen; Stufen zu steigen ist äußerst schwierig, eine Treppe zu erklimmen nahezu illusorisch. Mit einigen Einschränkungen muss er also leben. Das hindert ihn aber keineswegs daran, am Leben teilzuhaben.

In seinem Zimmer im Widdelhof hat er auf kleinem Tisch zum Interview für Tee gesorgt. Einige seiner Leidenschaften sind ringsum deutlich zu erkennen. CDs liegen in großen Stapeln im Regal. Bücher über das Bauhaus, sagt der ehemalige Schulleiter, verschlingt er nur so, seit er die Zeit dazu hat, sie zu lesen. Ein Laptop steht auf dem Schreibtisch – der ist für ihn ein Fenster hinaus in die Welt. Bei Facebook ist er aktiv. Oft postet er dieses oder jenes und findet auch viele Menschen wieder beziehungsweise wird von jenen gefunden, auf die er einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Ehemalige Schüler melden sich gerne bei ihm, chatten via Facebook oder kommen auch schon einmal zu Besuch. Jüngst erst eine Schülerin, die in Australien lebt, nur kurz in Deutschland zu Besuch war – und ihren alten Lehrer unbedingt wiedersehen wollte.

Auch wenn er selbst nicht mehr tanzen kann: Volker Brethauer ist bei den Tanzcafés des Seniorenbeirates dabei und schunkelt mit.

Der „alte Lehrer“ ist gelegentlich auch an anderer Stelle gefragt und kann zum einen seine Erfahrungen, zum anderen aber auch seine Wünsche weitergeben. Eine Schülergruppe aus der IGS Nienburg hat ihn unlängst im Widdelhof besucht. Sie setzt sich mit den Opfern der NS-Zeit in Rehburg-Loccum auseinander, kooperiert dabei mit dem Arbeitskreis Stolpersteine – und hatte davon gehört, dass Brethauer eigentlich großes Interesse daran hat, sich die Stolperstein-Ausstellung anzusehen. An jenem Punkt kommt ihm allerdings seine mangelnde Mobilität in die Quere: Die Ausstellungsräume in Rehburgs Raths-Keller sind nur über eine Treppe zu erreichen. Für ihn mit seinem Rollator ein Ding der Unmöglichkeit. Ein Video-Rundgang durch die Ausstellung könne Abhilfe schaffen, zumindest einen Eindruck vermitteln, meinten die Schüler – und trafen sich mit Brethauer, um ihn nach seinen Wünschen und seinen Vorstellungen zu befragen.

So ist Brethauer „innen“ im Seniorenheim mit der großen weiten Welt verbunden. In die geht er jedoch auch oft hinaus. In Winzlar etwa hat er sich dem Initiativkreis „Wir für Winzlar“ angeschlossen, der sich für allerhand kleinere und größere Veränderungen im Dorf einsetzt. Geht es um Ruhebänke an Straßen und Wegen, mischt sich Brethauer gerne ein – die werden schließlich nicht nur für Touristen benötigt, sondern auch für ältere Mitbürger. Und manche Stolperfalle im Dorf, die anderen überhaupt nicht bewusst ist, kann er sehr genau benennen.

Noch weiter in die Stadt hinein zieht es ihn gerne in Sachen Kultur. Beim Rehburg-Loccumer „KulTour-Verein“ ist er etwa einer der treuesten Gäste. Die 63. Veranstaltung des Vereins, erzählt er, habe er gerade besucht. Manche Schwierigkeiten umschifft er bei solchen Gelegenheiten mittlerweile elegant.

Hinfahrt? Dafür nutzt er den Bürgerbus und kommt eben schon zwei Stunden vor Veranstaltungsbeginn an, da später schließlich kein Bus mehr fährt. Der Wirt in Rehburgs Raths-Keller reagiert prompt, wenn Brethauer an das Küchenfenster klopft. Dann wird eine barrierefreie Hintertür geöffnet, wird geholfen, den Rollator durch einen engen Flur zu bugsieren. Danach folgt zuerst ein Essen im Gastraum, dann Kultur im Saal. Für die Rückfahrt hat er einen Deal mit einem Taxi-Unternehmen. Ständige Kunden können kleine Zugeständnisse bei den Preisen erwarten.

Besuch kommt manchmal in großer Runde in den Widdelhof – wie hier mit einer Schülergruppe aus der IGS Nienburg.

Mobil sein zu können, ist ein großes Anliegen von Brethauer – und eines, das er sehr konsequent auch im Rehburg-Loccumer Seniorenbeirat (SBR) für andere ältere Menschen vorantreibt. Dort ist er stellvertretender Vorsitzender, bereits in der zweiten Wahlperiode. Doch nicht nur Busverbindungen und Barrierefreiheit treiben ihn im Seniorenbeirat um. Beim Tanzcafé des Beirats ist er immer dabei – auch wenn er nicht mehr tanzen kann. Aber so kommt er doch mit vielen Menschen zusammen. Und den Nachmittag mit klassischer Musik, den der SBR neu anbietet, hat er spontan auch für den Widdelhof verpflichtet. 60 Minuten, sagt Brethauer, lauschten dort rund 35 Senioren konzentriert der Musik und den Erzählungen zu den Stücken. Er grinst breit, während er das erzählt. Dieses große Interesse und diese große Aufmerksamkeit hätten vorher nämlich weder die Mitarbeiter im Heim noch der Seniorenbeirat erwartet.

Etwas verändern, etwas Neues anpacken – das macht Brethauer einfach Spaß. Vermutlich, sagt er, sei sein Aktionismus in seiner Zeit als Lehrer begründet. Reformpädagogische Ansätze habe er schon bei seiner ersten Stelle angeregt. Damit macht er nun auch im Alter weiter, sorgt für Veränderungen und gibt Anregungen auch im Widdelhof.

Dort ist er seit vielen Jahren im Heimbeirat. Aber auch in anderer Funktion kennt man ihn in dem Seniorenheim. Seit drei Jahren schon schlüpft er am Nikolaustag in ein rotes Kostüm. Wenn dann die Kinder aus der Winzlarer Großtagespflegestelle zu Besuch kommen, schwingt er keine Rute, sondern verteilt Geschenke und erzählt Geschichten. Danach, sagt er, sei er schweißgebadet – aber Spaß mache das allemal. Schon Monate vorher lässt er sich einen prächtigen weißen Bart wachsen, damit er auch wirklich wie der Nikolaus aussieht.

In Winzlar selbst kommt er zudem mal als Zuhörer zum Ortsrat, mal besucht er in der Nachbarschaft ein Dielen-Konzert. Und zum eigenen Amüsement fährt er auch schon einmal weiter weg. Das Plakat von Elton John, das in seinem Zimmer hängt, hat er von einem Konzert in Mainz mitgebracht. „Das hätte keiner vorher geglaubt, dass ich dort mit Bus und Bahn hin- und auch wieder zurückkomme“, sagt er schmunzelnd. Hat er aber doch geschafft, trotz aller Beeinträchtigungen – und zum ersten Mal in seinem Leben in einem Vier-Sterne-Hotel übernachtet. Fliehen aus dem Seniorenwohnheim, das sein Zuhause ist, wollte er aber auch dorthin nicht und ist gerne wieder zurückgekommen.  ade

Quelle: kreiszeitung.de

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