Fragen an den seit 24 Jahren von ALS betroffenen Werner Schmitz

„Ice Bucket Challenge“ – Ein Sich-selbst-zur-Schau-stellen

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ALS-Patient Werner Schmitz vor seinen Computern.

Br.-Vilsen - Von Kurt Henschel. „Ice Bucket Challenge“ – was ist das? Nun, viele Menschen dürften im Fernsehen und dann auch in sozialen Netzwerken bereits gesehen haben, wie sich Prominente selbst einen Eimer oder Kübel mit eiskaltem Wasser über den Kopf schütten oder gießen lassen.

Ein Trend, der – anders als andere – einen tiefgründigen Sinn hat: Die Aktion soll dazu dienen, auf die Nervenkrankheit ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) aufmerksam zu machen und dazu anregen, für die ALS-Forschung zu spenden. Einer, den diese Krankheit vor 24 Jahren erwischt hat, ist Werner Schmitz aus Bruchhausen-Vilsen. Wir befragten den heute 59-Jährigen im E-Mail-Interview, was er von der „Ice Bucket Challenge“ hält.

Zur Erinnerung: Schmitz ist nicht mehr in der Lage, verbal zu kommunizieren. Er bedient sich modernster Technik und nutzt das sogenannte „Eyegaze“-System – eine Computer-Kombination, die er mit seinen Augen bedient. Auf diese Weise hält Schmitz den Kontakt zur Außenwelt, von der er ansonsten komplett abgeschnitten wäre. Über seine Augen dirigiert er seinen Computer, schreibt und verschickt seine Texte als E-Mails.

Schmitz, der sich bis heute eine weitestgehende Eigenständigkeit bewahrt hat, obwohl er in seiner Wohnung eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung benötigt, sieht sich als deutsches Pendant zum jetzt 72-jährigen Kernphysiker Stephen Hawking, der seit 51 Jahren mit ALS lebt.

Herr Schmitz, was halten Sie von der „Ice Bucket Challenge“?

Schmitz: Ich halte nicht viel von diesen Sich-selbst-zur-Schau-stellenden Spaßveranstaltungen, doch der Zweck heiligt die Mittel. Man sollte nicht daran glauben, dass diese Aktion den Forschungs-Durchbruch in der ALS bewirken wird. Dazu unterliegt die Forschungs-Tätigkeit der Pharma-Industrie viel zu sehr der Tauschwert-Produktion kapitalistischen Wirtschaftens. Auf deutsch gesagt, damit lässt sich keine Kohle machen, denn es handelt sich nicht um eine Massen-Krankheit.

Geht es Ihrer Meinung nach bei dieser Aktion wirklich darum, ALS-Erkrankten beziehungsweise der ALS-Forschung zu helfen, oder handelt es sich eher um Selbstdarstellungs-Gags derjenigen, die sich beteiligen?

Schmitz: Das einzige, was diese Aktion bewirken kann, ist eine Verankerung dieser Krankheit im Bewusstsein der Bevölkerung.

Die Idee scheint gefühlt eine gute zu sein. Könnten Sie selbst profitieren?

Schmitz: Um mich geht es eigentlich nicht. Das Spenden-Aufkommen (mittlerweile mehr als 70 Millionen Euro, Anmerkung der Redaktion) könnte aber dazu dienen, jeden Betroffenen zu unterstützen – mit einem ,Eyegaze‘ und häuslicher Pflege. Denn nicht jeder ist so ein Glückspilz wie ich: Ich habe einen verständnisvollen Sozialdienst beim Landkreis Diepholz, der ohne groß rumzumurren die Übernahme der Kosten für das mobile ,Eyegaze“ bewilligt hat, und die großzügige Unterstützung der privaten Krankenversicherung („central“ in Köln; Anmerkung der Redaktion), die jährlich eine Viertelmillion Euro an meinen Pflegedienst abdrückt. Kurz gesagt: Ich erwarte keine direkten Auswirkungen dieser Aktion auf mein tägliches Leben. Und ich sehe die Stärken dieser Aktion eher im PR-Bereich.

Prominente nominieren Prominente und fordern sie auf, mit der Eiswasser-Dusche Gutes zu tun. Glauben Sie, dass US-Präsident Barack Obama und die deutsche Kanzlerin Angela Merkel den Nominierungen folgen?

Schmitz: Ich wünsche mir, dass sich alle ALS-Erkrankten einen Promi aussuchen können, der die Herausforderung einer Eiskübel-Dusche annimmt. Mein Wunschkandidat ist der Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe. Er möge im Bundestag bei einer Rede sein Versagen bei der ALS-Problematik eingestehen und sich vor laufender Kamera eine Eis-Dusche gönnen. Und dann hätte ich einen Wunsch an meinen Wunschkandidaten. Er möge pudelnass einen zweiten Kübel nehmen und als Zeichen der Solidarität innerhalb der Friede-Freude-Eierkuchen-Koalition ihn über das Haupt meines Mitgenossen Frank-Walter Steinmeier schütten. Damit dieser endlich den Schwachsinn von den alternativlosen deutschen Waffen-Lieferungen in den Nord-Irak, der die Ernsthaftigkeit der Gegner dieser Politik verhöhnt, sein lässt.

Macht die Aktion nun Sinn oder gehört sie eher in die Reihe der „Bier-Nominierung“, die einer Aufforderung zum „Kampftrinken“ glich, oder dem „Whaling“, bei dem sich Menschen wie Wale bewegten?

Schmitz: Diese Aktion macht für mich keinen Sinn. Ebenso wenig wie ,Schweinis‘ Dusche im ,Aktuellen Sportstudio‘. Ich denke, dass sich die Aktion verselbstständigt. Und ob sich Obama oder Merkel oder Steinmeier an dieser Aktion beteiligen, ist mir vollkommen gleichgültig – die Welt hat gewichtigere Probleme, die gelöst werden müssen. Ein dauerhafter Frieden in Nahost und ein Beenden des russischen Imperialismus stehen doch eher auf der Agenda als diese ,Pipifax‘-Aktion.

Quelle: kreiszeitung.de

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