Archäologen erforschen Besiedelung Rehburg

„Hier beginnt der Mensch“

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Vermutlich dienten die Holzplanken, die Bernhard Thiemann und Jens Berthold gefunden haben, als Eingangsbereich zu einem Gebäude – vor den Toren Rehburgs.

Rehburg - Von Beate Ney-Janßen. Eigentlich sollten die Archäologen in Rehburgs Ortsmitte – dort, wo momentan ein neuer Stadtplatz entsteht – längst ihre Arbeit beendet haben. Doch dann musste an anderer Stelle ein wenig tiefer ausgekoffert werden. Seitdem versucht ein Team neuerlich, der Geschichte Rehburgs noch mehr auf die Spur zu kommen.

Der Untergrund in Rehburg ist Fluch und Segen. Mooriger Grund ist es, auf dem die Stadt entstand. Das hat über Jahrhunderte dazu geführt, dass tief mit Pfählen gegründet werden musste, dass Wasser immer ein Problem beim Bau war, dass Häuser sich nach und nach senkten. Es kann aber auch sein, dass dieser moorige Untergrund den Schutz der Stadt einfacher machte. Auf die Stadt zuzustürmen, bedeutete wohl meistens, sich der vorhandenen Wege zu bedienen. Wer wollte schon rechts und links des Weges im Moor versinken? Für den Kommunalarchäologen Jens Berthold, Grabungsleiter Bernhard Thiemann und dessen Team ist der moorige Untergrund momentan jedenfalls mehr Segen als Fluch. Denn dort ist vieles konserviert, was Geschichten aus der Geschichte erzählen kann.

Wie schon in der ersten Grabungsphase auf dem Areal gegenüber dem Rathaus sind es auch nun keine spektakulären Funde, die das Herz der Archäologen höherschlagen lassen. Etliche Keramikscherben – hier der Fuß eines Gefäßes, dort ein Henkel, die verwitterte Schneide eines Messers – viel mehr haben sie nicht aus den Erdschichten gezogen. Das Skelett eines Schweins, sagen sie, war rein optisch noch der auffälligste Fund.

Keramikscherben sind die hauptsächlichen Funde von der Grabungsstelle gegenüber dem Rehburger Rathaus.

Was sie aber erneut gefunden haben, sind etliche Hölzer, die auf Bebauungen hinweisen, konserviert im Boden und nun frei gelegt, da ein neues Bauvorhaben ansteht. Diese Hölzer erzählen den Archäologen eine ganze Menge.

„Sehen Sie den angekohlten Baumstamm hier?“ Thiemann weist auf ein Holz von beachtlichem Durchmesser, das ganz offensichtlich von Feuer angefressen wurde. Zu einem Haus, einem Gebäude, habe dieser Stamm einmal gehört, erzählt Thiemann weiter. Stück um Stück sind die Stämme, die als Gründung in den Boden gerammt wurden, frei gelegt worden. Ähnlich sah es bei der vorhergehenden Grabung aus, die nur rund acht Meter entfernt noch vor Monaten Berthold in Atem hielt.

Und dennoch ist manches anders an der neuen Grabungsstelle, denn nun sind es nicht nur senkrechte Pfähle, die zum Vorschein gekommen sind, sondern auch waagerecht liegende Hölzer. Das, sind sich die Archäologen einig, weise eindeutig auf Hausbauten hin. Die vorhergehenden Ergebnisse hatten sie vielmehr einer Befestigungsanlage zugeschrieben, einer Palisade oder Ähnlichem, die irgendwann im 14. Jahrhundert erbaut worden war. Soweit zurück lässt sich zumindest das Alter einiger der Holzstämme datieren.

Ein Loch im Boden gibt Auskunft: dort, wo Bodenschichten aufeinandertreffen, „beginnt der Mensch“.

Das Rätsel, vor dem sie nun stehen, liegt in der Lage der jüngsten Funde: nicht innerhalb des umgrenzten Bereiches befinden sie sich, sondern vor der Palisade. Ein landwirtschaftlicher Betrieb? Ein Gasthaus? Dass die Gebäude, deren Überreste nun freigelegt wurden, über einen langen Zeitraum dort standen, dass sie mehr als einmal abbrannten und eine recht große Ausdehnung hatten, darüber herrscht Einigkeit. Genauere Datierungen wird es irgendwann in diesem Jahr geben.

Interessiert sind die Archäologen aber auch an einem Erdloch, in dem sie Spuren sichern. Mehrere Lehmschichten offenbaren sich an den Abstichkanten, darunter kommt eine Torfschicht zum Vorschein. „Hier beginnt der Mensch“, sagt Berthold und zeigt auf den Punkt zwischen Torf und Lehm. Der Torf ist natürlich gewachsen, der Lehm lässt auf die erste Besiedelung des Landes schließen. Unter dem Torf wiederum ist Sand – dort gurgelte irgendwann in der Steinzeit das Steinhuder Meer.

Gibt die Grabungsstelle noch Rätsel auf, so meint Berthold, an der zweiten großen Baustelle in Rehburg – der Sanierung der Ortsdurchfahrt – schon weitere Erkenntnisse gewonnen zu haben. Dort hat er bei den Kanalarbeiten Bodenprofile gesichert und sich auch die dort verlegten Rundstämme angesehen. Eine der Baumscheiben lässt sich auf das Jahr 1322 zurückdatieren. Direkt darunter ist Torf, die Stämme lassen darauf schließen, dass sie ursprünglich zur Befestigung eines Weges angelegt wurden. Und was sollten die Menschen in mooriger Gegend wohl zuerst gebaut haben, wenn sie ein Gebiet besiedeln wollten? Das, meinen Thiemann und Berthold, müsse auf jeden Fall ein Weg oder eine Straße gewesen sein. Was sie zu dem Schluss bringt, dass Rehburg tatsächlich um 1300 gegründet wurde. Die älteste schriftliche Erwähnung des Ortes stammt aus dem Jahr 1331.

Voraussichtlich werden die Archäologen Mitte Juli ihre Zelte abbrechen. Irgendwann im Laufe dieses Jahres, sagt Berthold, werde es zu den Funden eine Publikation geben. Und für den Beginn der Saison im Rehburger Heimatmuseum 2018 plant er dort eine Ausstellung.

Quelle: kreiszeitung.de

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