Erst eingesperrt, dann ertränkt

Balge-Mord: Prozessbeginn in Verden

Zwei der Angeklagten sitzen vor Prozessbeginn in der Stadthalle Verden.
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Am Montag begann der Prozess gegen die Angeklagten im Balge-Mordfall.

Drei Angeklagte sollen eine 19-Jährige gefesselt und mit einer Betonplatte lebend in der Weser bei Balge versenkt haben. Die Staatsanwaltschaft wirft den zwei Männern und einer Frau Mord und Zwangsprostitution vor. Am Montag begann der Prozess vor dem Landgericht in Verden.

  • Prozessbeginn: Staatsanwaltschaft wirft Angeklagten Mord und Zwangsprostitution vor
  • 19-Jährige wurde an eine Waschbetonplatte gefesselt lebendig in die Weser geworfen
  • Mehrere Mordszenarien geprüft

Verden/Nienburg - von Wiebke Bruns. Um sich „als Zuhälter zu etablieren“ sollen zwei 40 und 53 Jahre alte Angeklagte aus Nienburg im April 2020 eine 19 Jahre alte Prostituierte „gekauft“ haben. Da sich die Frau aufgrund diverser psychischen Erkrankung nicht als „Sexsklavin“ vermarkten lassen habe, soll sie lebend an eine Betonplatte gefesselt in Balge von einer Brücke in die Weser geworfen worden sein. Am Montag ist der Mordprozess gegen die beiden Männer und eine 39 Jahre alte Angeklagte am Landgericht Verden gestartet.

Gleich drei Mordmerkmale erfüllt

27 Minuten benötigte Erste Staatsanwältin Annette Marquardt um die mehrseitige Anklage zu verlesen. Geschildert werden darin qualvolle letzte Lebenstage des aus Schöningen (Kreis Hildesheim) stammenden Opfers in den Fängen ihrer mutmaßlichen Mörder. Gleich drei Mordmerkmale sieht die Staatsanwaltschaft Verden als erfüllt an: Grausamkeit, niedrige Beweggründe und Verdeckung einer anderen Straftat.

Zuhälter wollte Mordopfer loswerden

Laut Anklage hatten die 40 und 53 Jahre alten Männer zunächst am 28. März 2020 gegen Bezahlung Sex mit der 19-Jährigen. Weil die Frau bereits aufgrund einer akuten paranoiden Schizophrenie keine „bewussten Entscheidungen“ mehr treffen konnte, wird den Männern diesbezüglich sexueller Missbrauch einer widerstandsunfähigen Person vorgeworfen. Der damalige Zuhälter der 19-Jährigen habe signalisiert, sie loswerden zu wollen. Daraufhin sei ein dreitägiges „Probearbeiten“ am ersten April-Wochenende in einem Nienburger Hotel vereinbart worden.

Die 39-Jährige Angeklagte im Gespräch mit ihrer Anwältin.

In der Nacht zum 6. April 2020 sollen der Verkauf und die Übergabe der jungen Frau auf dem Parkplatz eines Nienburger Pizza-Lieferdienstes erfolgt sein. Kaufpreis: 2 000 Euro und erlassene Drogenschulden in Höhe von 900 Euro.

Opfer wurde eingesperrt, geschlagen, geknebelt und gewürgt

Der Anklage zufolge wurde die akut psychotische 19-Jährige nach Problemen bei einem Freier von den Tätern zum Wohnhaus des 40-Jährigen gebracht. Dort und in der dazugehörigen Garage sei sie von den Männern sowie der 39 Jahre alten Lebensgefährtin des 40-Jährigen gefangen gehalten worden. „Um ihre Schreie zu unterdrücken“ wurde sie geschlagen und geknebelt, so der Vorwurf. Der 40-Jährige habe die Mutter von zwei Kindern, die sich damals schon in Pflegefamilien befanden, bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt.

Statt der unübersehbar schwer kranken 19-Jährigen Hilfe zukommen zu lassen, habe das Trio beschlossen, die junge Frau zu töten. Vorgeschlagen habe die 39-Jährige: „gefesselt auf Bahngleise zu legen“ oder am Arbeitsplatz des 40-Jährigen in eine Maschine zu werfen. Vereinbart hätten alle drei Angeklagten, die 19-Jährige gefesselt an eine Waschbetonplatte in die Weser zu werfen.

Staatsanwältin bezeichnet Tat als „besonders menschenverachtend und qualvoll“

„Dem qualvollen Tod entgegensehend“, so Marquardt, wurde die wehrlose Frau zur „Brücke 46“ am Weser-Schleusenkanal in Balge gefahren und von dieser lebendig in den Fluss geworfen. Diese „Entsorgung“ bezeichnete die Staatsanwältin als „besonders menschenverachtend“ und den Tod durch Ertrinken als „besonders qualvoll“.

Offen lässt die Anklage, ob die 39-Jährige in Balge dabei war oder sich derweil schon um die Beseitigung der Spuren gekümmert hat. Dazu habe das Verbrennen der Kleidung und in den Folgetagen das Verschrotten des zum Transport des Opfers verwendeten Passats gehört. Später soll sich der 40-Jährige bemüht haben, die 2 000 Euro vom Verkäufer zurückzubekommen. Wegen „Sachmangels“.

Prozessdauer bis Ende Juni

Alle drei Angeklagten schweigen bei Prozessbeginn zu den Vorwürfen. Am morgigen Mittwoch startet um 13.30 Uhr die ursprünglich für 9 Uhr angesetzte Beweisaufnahme in dem Indizienprozess für den derzeit 40 Zeugen, mehrere Sachverständige und 24 weitere Verhandlungstage bis zum 29. Juni geplant sind.

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