Alltag für Mediziner Frank Jester

Barfuß in Hoya: Ein Selbstversuch bei minus fünf Grad Celsius

Die Sonnenstrahlen an der Weser-Promenade lassen die gefühlte Temperatur um mindestens 10 Grad ansteigen.

Hoya - Von Marc Lentvogt. „Du, wir müssen mal ein paar Socken stricken.“ Mit erschrockener Stimme starrt die Seniorin auf dem Hoyaer Wochenmarkt auf meine hochroten Füße. Ich schaue auch hinab, bin froh, dass sie noch da sind. Bei meinem letzten Blick auf das Thermometer, zeigte es minus fünf Grad Celsius an. Alles wie immer Anfang Februar, nur, dass ich barfuß unterwegs bin.

Eine Stunde zuvor: Ich treffe Frank Jester, Mediziner und Autor, an seiner Praxis. Seit Jahren geht er ohne Schuhe durch die Welt. Zu seinen Februar-Vorträgen in Syke (Donnerstag, 15. Februar, 19 Uhr im Golfclub) und Bruchhausen-Vilsen (Montag, 26. Februar, 19 Uhr im Schulforum) wird er von Hoya aus zu Fuß gehen. Wer sich einer Teilstrecke barfuß anschließt, erhält freien Eintritt. Selbst wenn es dann wieder wärmer sein sollte, stellen sich doch wenigstens drei Fragen: Was?, Warum? und Ist mir Frost an den Füßen 15 Euro Eintritt wert?

Niemanden würde es stören, ginge ich in Schuhen neben Frank her. (Wir teilen in diesem Moment die Eigenheit, die vermutlich einzigen beiden Menschen auf Hoyas Straßen zu sein, die barfuß gehen – dass wir uns duzen, ist das Mindeste) Meine Chefin wäre vermutlich sogar dankbar, hätte ich es so gehalten. („Was? Du kriegst doch eine Blasenentzündung!“) Wo aber bliebe da der Spaß?

Neben einer neuen Erfahrung hat Frank Jester (l.) mir noch einiges zur Funktionsweise von Fuß und Beinen mit auf den Weg gegeben.

„Steck mal deine Finger in die Ohren und geh ein paar Schritte“, rät der Mediziner mir zu Beginn. Meine Wahrnehmung verändert sich schlagartig. Dumpfe Schläge erschüttern mich mit jedem Schritt. Was sich im Normalfall wie ein akzeptabler, flotter Gang anfühlt, scheint die Erde unter mir beben zu lassen. „Du trittst mit der Hacke auf, und jetzt stell dir vor, dass jede dieser Erschütterungen durch den Körper wandert, jedes Gelenk belastet.“ Ich rufe mir das Bild meiner Knie vor Augen, genieße es aber nicht allzu sehr. Konzentration auf das Jetzt!

Von Hamburg aus barfuß zum Bodensee aufgebrochen

Im Turnschuh fällt der platschende Gang nicht weiter auf. Dicke, gepolsterte Sohlen nehmen dem Körper die Arbeit des Abfederns ab. Ist eine der beiden Arten zu gehen gesünder? Frank ist mit solchen Aussagen vorsichtig. Es gibt nicht ausreichend Studien zum Thema. Seine Arbeit als Mediziner und das Barfußgehen sind voneinander unabhängig. Wenn Letzteres aber dazu führt, dass seine Mitmenschen zur Bewegung animiert und dadurch gesünder werden – stören würde es ihn nicht.

„Wenn jeder Mensch sich täglich nur zehn Minuten mehr bewegen würde, wie viele Herzinfarkte könnte durch diese Prophylaxe verhindert werden?“ Mit diesem Ziel – zur Bewegung motivieren – ist Frank Jester 2015 von Hamburg aus barfuß zum Bodensee aufgebrochen.

Mir reicht in diesem Moment schon die Strecke entlang der Weser-Promenade. Die Sonne scheint, meine Füße nehmen die empfundene Wärme sofort wohlwollend zur Kenntnis. Damit mein Körper nicht überstrapaziert wird, hatten wir uns einige Momente in einer Bäckerei aufgewärmt – nein, korrekt wäre, dass ich mich aufgewärmt habe. Frank Jester nimmt, so versucht er es mir zu erklären, wahr, dass es kalt ist, empfindet es aber nicht als störend.

Verwunderung und Mitgefühl von der Umwelt

Selbst in der warmen Filiale werden uns Socken angeboten. Ob unser Ausflug für meinen Körper gesund, schädlich oder irrelevant sein wird – auf diese Antwort muss ich noch einige Tage warten. Was mir jetzt bereits klar wird: Diese Welt ist deutlich besser, als wir es manchmal glauben mögen. Natürlich ist Verwunderung im Spiel, vor allem aber ist es Mitgefühl.

Gut eine Stunde nach unserem Start unterbreche ich Frank einen Moment. Testweise muss ich mir nochmal die Finger in die Ohren stecken. Kann der Mensch sich so schnell anpassen? Noch immer bebt es, aber etwas scheint sich mein Gang verbessert zu haben. Mein strahlendes Lächeln weicht schnell einem skeptischen Blick, denn vor uns liegt die gepflasterte Lange Straße, sprich: Viele scharfe Kanten, die darauf warten, mir in die Füße zu schneiden.

Ob Kälte oder korrekter Gang, die Schmerzen bleiben fort. „Du, wir müssen mal ein paar Socken stricken.“ Zu Beginn unseres Spazierganges wäre ich vielleicht neidisch auf die beiden warmangezogenen Damen gewesen, jetzt aber erfreue ich mich daran, etwas Neues ausprobiert zu haben. Der Anfang für den „Frühjahrsputz für den Körper“, Jesters Vortragsthema, ist getan.

Glücklich, durchgehalten zu haben, statte ich meinen Kollegen in der Hoyaer Redaktion noch einen Besuch ab. Die Begrüßung fällt gewohnt charmant aus. „Du bist verrückt!“ Ich hab dich auch lieb, Vivian.

Quelle: kreiszeitung.de

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