Vogelbeobachtung am Steinhuder Meer boomt

El Dorado für Birdwatcher

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Immer mehr Menschen zieht es zur Vogelbeobachtung ans Steinhuder Meer.

Winzlar - von Beate Ney-Janßen. Birdwatching – also Vogelbeobachtung – ist ein spezielles Hobby. Aufgrund der Corona-Einschränkungen sind am Steinhuder Meer derzeit zahlreiche Birdwatcher unterwegs.

„Es werden immer mehr, die am Steinhuder Meer mit Kamera und Spektiv unterwegs sind“, sagt der wissenschaftliche Leiter der Ökologischen Schutzstation Steinhuder Meer (ÖSSM) in Winzlar, Thomas Brandt. Gut für die Natur sei das Interesse daran. Auf einige Erfahrungen mit solchen Vogelbeobachtern könnte er aber auch gut verzichten.

Wenn Brandt in diesem Frühjahr seine morgendliche Runde in den Meerbruchswiesen beendet hat, dann hat er nicht nur viele Vögel unterschiedlichster Art gezählt, sondern auch reihenweise Menschen, die diese Vögel beobachten. Gegen 9 Uhr – zu einer Zeit also, die viele noch als nachtschlafend betrachten – begegneten ihm ziemlich regelmäßig 25 bis 30 Birdwatcher, erzählt der Biologe. Den Trend gebe es schon seit einigen Jahren, in diesem Frühjahr seien es aber noch einige mehr als zuvor. Er führt es auf die Beschränkungen durch das Virus zurück: Die Leute hätten mehr Zeit, spazieren gehen sei erlaubt und so kämen eben viele zusammen, die nicht nur durch die Natur schlendern, sondern sie genauer beobachten möchten. 

Thomas Brandt sieht die Chancen des Birdwatching – bittet aber auch um Rücksicht auf Flora und Fauna.

Zwei dieser Birdwatcher sind Karin Vanberg und Cordula Reichert. Die Freundinnen haben ihre Rucksäcke mit den Kameras geschultert und sind gegen 9 Uhr bereits auf dem Weg zurück zu ihrem Auto. Den Sonnenaufgang, den ersten Vogelschrei und viele Vogelarten haben sie auf dem Rundwanderweg zwischen Winzlar und Mardorf, in den Schutzhütten am Wegrand und am Beobachtungsturm mit Blick auf das Steinhuder Meer erlebt. Viele Fotos habe sie dieses Mal nicht gemacht, sagt Vanberg. Nur rund 300 Stück. Von den Adlern selbstverständlich. Aber auch ein Schwarzkehlchen sei dabei gewesen. Dieses Hobby hat sie schon seit vielen Jahren und hat darin ordentlich investiert. In die Kamera. Und auch in Reisen. Einmal jährlich fährt sie beispielsweise nach Helgoland.

Helgoland ist, ähnlich wie das Steinhuder Meer, ein El Dorado für Vogelbeobachter. Von Reisen dorthin erzählt auch Carolyn Müller (Name von der Redaktion geändert). Sie ist durch die Naturleidenschaft ihres Vaters zur Vogelbeobachtung gekommen, ist in ornithologischen Gruppen organisiert und wenn sie Urlaub macht, lässt sie sich von ihrem Hobby leiten. Bevor das Virus sie in diesem Jahr einschränkte, hat sie noch eine Birdwatcher-Reise nach Estland unternommen. Nun verlegt sie sich auf ihre nähere Umgebung. Mitten im Satz reißt sie ihre Kamera hoch, knipst, was dort an ihr vorüberfliegt, und freut sich: „Eine Ringdrossel – die habe ich hier noch nie gesehen!“

Der heimliche Star in diesem Frühjahr ist allerdings das Blaukehlchen. „Vor zehn Jahren war es noch bitter-selten“, sagt Thomas Brandt. Zuvor habe es 20 Jahre lang diese kleinen Singvögel mit dem leuchtend-blauen Latz überhaupt nicht mehr am Steinhuder Meer gegeben. In Feuchtgebieten und Mooren vermehrten sie sich jetzt aber wieder munter.

Der Star des Frühjahrs ist bei den Birdwatchern das Blaukehlchen.

Die Meerbruchswiesen sind also ein idealer Lebensraum, der den Blaukehlchen durch intensiven Naturschutz zurückgegeben wurde. Das gilt auch für viele weitere Vogelarten am Steinhuder Meer, so dass Brandt die Begeisterung der Birdwatcher gut nachvollziehen kann. Er gerät schließlich ebenso ins Schwärmen, wenn er eine seltene Vogelart dort entdeckt. Naturschutz gelinge besser, wenn Menschen sich für diese Natur interessierten, sagt Brandt. Weswegen er die Birdwatcher gerne auf dem Rundwanderweg sieht. Auf dem Rundwanderweg, wohlgemerkt. Leider komme es aber immer wieder vor, dass Beobachter sich jenseits der freigegebenen Wege aufhielten, dass sie noch näher an die Natur heranrücken wollten und damit einigen Schaden anrichteten. Mit freundlichen Ansprachen und Hinweisen auf das, was erlaubt ist, hofft Brandt dann auf Einsicht. Wie schnell fühlt sich schließlich ein brütender Vogel gestört und verlässt sein Nest. Jede Zugangsbeschränkung habe ihre Berechtigung zum Schutz der Natur.

Überwiegend, sagt Brandt, sei dann Einsicht da. Einige Male habe er aber auch Anzeige erstattet, wenn jemand selbst nach der dritten Aufforderung unbeirrt weiterhin im Naturschutzgebiet seine Runden gezogen habe.

Erstaunt ist Brandt, in welchen abgelegenen Feldstücken ihm seit Inkrafttreten der Corona-Beschränkungen Menschen begegnen. Spazieren werde plötzlich an Orten gegangen, an denen er früher niemals einem Menschen begegnet sei, sagt er. Wie beispielsweise nahe dem Adlerhorst, der irgendwo weit jenseits des Naturschutzgebietes liegt, und in dem die Vögel völlig leben konnten. So weit jenseits von allem – das war gut für die Aufzucht. Damit sei es nun anscheinend vorbei, immer wieder treffe er dort Spaziergänger und Radfahrer, dabei genüge es doch schon, dass sich Menschen einem Horst nur näherten, damit der Adler vom Horst auffliege. Diese Menschengruppen beobachtet er mit Sorge – und hofft auf Einsehen und Fernhalten.

Doch zurück zum Rundwanderweg und den Birdwatchern. Dort steht das Ehepaar Annette und Walter Diederich aus Hannover noch mit seinem Spektiv vor einer der nassen Wiesen, als Karin Vanberg und Cordula Reichert sich schon auf den Heimweg gemacht haben. Das Ehepaar hat um 6.15 Uhr bereits auf dem Beobachtungsturm gesessen und beginnt nun ebenfalls, sich zurückzuziehen. Das Feld überlassen die Birdwatcher jetzt mehr und mehr den Radfahrern. Immer wieder sausen sie auf dem Weg entlang. Auch viele „Corona-Radfahrer“ seien dabei, wie Brandt sagt, die ebenfalls zu noch mehr Störungen der Tierwelt führten. Der neue Hang zur Natur habe also wie so vieles zwei Seiten. Eine weitere Seite, die Birdwatcherin Vanberg klingen lassen hat, gehört sicherlich auch dazu. „Für mich ist das ein Hobby, das mich runterfährt“, sagt sie. Wenn sie durch die Kamera schaue, denke sie nicht mehr an das Virus und die Welt sei für sie einfach nur in Ordnung.

Birdwatcher im eigenen Garten

Um Vögel zu beobachten ist nicht zwangsläufig eine umfangreiche und teure Ausrüstung notwendig. Jeder kann sich darin üben – und der NABU Deutschland lädt dazu jährlich zur „Stunde der Gartenvögel“ ein – in 2020 von Freitag, 8. Mai, bis Sonntag, 10. Mai.

Mehr als 9600 Menschen haben im vergangenen Jahr in Niedersachsen bei der „Stunde der Gartenvögel“ mitgemacht. Von einem Platz im Garten, auf dem Balkon oder vom Zimmerfenster aus geht es darum, von jeder Vogelart die höchste Anzahl zu notieren, die innerhalb Stunde beobachtet wird. Die Beobachtungen können online unter www.stundedergartenvoegel.de gemeldet werden, aber auch per Post oder Telefon unter 0800/1157115. Gemeldet werden kann auch mit der kostenlosen NABU-App www.NABU.de/vogelwelt. Meldeschluss ist der 18. Mai.

Ein Infopaket zur Stunde der Gartenvögel samt Zählhilfe und Gartenvogelporträts ist erhältlich gegen fünf Euro beim NABU Niedersachsen, Stichwort ‚Stunde der Gartenvögel‘, Alleestraße 36, 30167 Hannover.

Birdwatching per Webcam

Eine weitere Möglichkeit der Vogelbeobachtung bietet die ÖSSM mit ihren Webcams an. Direkt ins Nest kann jeder beim Fischadler-Pärchen in den Meerbruchswiesen und bei den Schleiereulen in der Winzlarer Schutzstation schauen. Eine weitere Webcam ist auf einen Seeadler-Horst gerichtet.

Wie junge Schleiereulen wachsen, kann über eine Webcam beobachtet werden.

Von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang sind diese drei Webcams live geschaltet über die Website www.oessm.org. Weitere Kameras hat das Team der Schutzstation beispielsweise bei den Turmfalken und Rauchschwalben in seiner Schutzstation installiert. Sie sind allerdings nur über Bildschirme in der Ausstellung in Winzlars Hagenburger Straße zu beobachten. Sind die Adler-Horste seit Jahren ein Hit und wird mit Spannung beobachtet, wie viele Eier im Nest landen, so entzückte im Vorjahr auch der Anblick des Schleiereulen-Geleges sehr. Hoch im Spitzboden des Daches hegte und pflegte das Eulen-Pärchen gleich zweimal eine Brut von jeweils neun Eulen-Kindern. „Das war ein gutes Mäuse-Jahr“, begründet Thomas Brandt den sensationellen Erfolg. Nun ist er gespannt, wie viele junge Schleiereulen sich in diesem Jahr auf dem Dachboden tummeln werden.

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