Gegen Billig-Angebote im Internet

Bestatter kritisieren: „Wo bleibt da die Würde?“

Nienburg - Von Julia Kreykenbohm. Es hat schon etwas Befremdliches. Von der Internetseite schaut den Besucher eine Comic-Figur im schwarzen Anzug, mit Zylinder und großen blauen Augen an und verspricht, er sei ein günstiger Bestatter und biete „würdevolle Bestattungen zu günstigen und fairen Preisen“.

Ein Suchergebnis weiter vergleicht eine Seite in quietschenden Farben „kostenlos und unverbindlich“ Bestattungsangebote, so dass man sich fühlt, als wolle man einen Urlaub buchen. Der Nutzer füllt ein Online-Formular per Maus-Klick aus: „Was ist Ihnen wichtig? Ich lege Wert auf einen günstigen Preis; Ich lege Wert auf eine hohe Qualität oder Weiß noch nicht“ oder „Wünschen Sie eine Trauerfeier? Ja; Nein oder Weiß noch nicht.“

Schwer vorstellbar, dass Menschen, die gerade einen Angehörigen verloren haben, diese unpersönlichen Angebote nutzen. Aber es gibt sie, versichert Torsten Klinger vom Bestattungsunternehmen Magercurth-Klinger in Nienburg. „Aber das ist mehr in Großstädten verbreitet, wie in Berlin. Dort, wo alles sehr anonym zugeht, werden sogenannte Discount-Bestatter genutzt.“ Im ländlichen Raum sei das anders. „Zum Glück“, betont Klinger. Dort gebe es mehr soziale Kontakte und es werde noch Wert darauf gelegt, Abschied zu nehmen und den Toten würdevoll zu bestatten. Unter anderem auch, weil die Kirche dort noch eine Rolle spiele.

Billig-Bestatter seien „gruselig“

Das, was bei den Billig-Bestattern passiert, nennt Klinger, der seinen Beruf seit 23 Jahren ausübt, „gruselig“. „Man gibt an, wo der Verstorbene abgeholt werden soll, Fuhrdienste, häufig aus Osteuropa, laden ihn ein, fahren ins Krematorium und bringen die Urne zum Friedhof.“ Angehörige können kaum prüfen, wie seriös diese Anbieter sind. Es habe auch mal einen Fall gegeben, bei dem die Urnen, die eigentlich unter die Erde gebracht werden sollten, in einem Keller gefunden worden seien.

Klinger schüttelt bei dem Gedanken daran den Kopf. „Das ist doch nicht schön, geradezu pietätlos. Wo bleibt da die Würde?“ Der Mensch werde zu einer Art Sache, die halt irgendwie – und vor allem natürlich günstig – entsorgt werden müsse. „Am Ende ist es, als sei er nie da gewesen.“

Kosten spielen bei sehr vielen Menschen eine Rolle, wenn es um Beerdigungen geht. „Sie rufen bei uns an und wollen eine Summe genannt bekommen“, berichtet Klinger. Doch darauf lässt er sich nicht ein. „Das wäre nicht seriös, denn man kann es im Vorfeld einfach nicht einschätzen, wie hoch die Kosten sein werden.“ 

Er bittet dann die Anrufer immer, persönlich zu einer Beratung vorbeizukommen, die kostenlos sei und bei der man den Rahmen des Ganzen zu ermitteln versucht. Viele sehen das ein – einige nicht. „Die sind dann wütend und legen auf.“

Bestattungen ab 444 Euro

Im Internet wird dieser Wunsch nach einer Kosteneinschätzung scheinbar befriedigt, denn dort werben Anzeigen mit „Bestattungen ab 444 Euro“. Nichts als Augenwischerei, glaubt Klinger. Viele Dinge, die hinzukommen, seien da noch nicht mit eingerechnet. Es seien eben Lockangebote, die die Leute verführen und Glauben machen sollen, sie seien auf ein Schnäppchen gestoßen.

Dass sich diese Anbieter überhaupt als Bestatter bezeichnen, ärgert Klinger und viele seiner Kollegen. „Es sind einfach Unternehmer ohne Meisterbrief, die ein Gewerbe anmelden und sagen, sie seien Bestatter.“ Da werde ein Etikett auf etwas geklebt, das nicht zum Inhalt passe. Der Fachverband der Bestatter versuche gerade, dies zu unterbinden.

Zu Recht, finden Klinger und auch sein Sohn Jan, der kurz davor ist, seine Ausbildung zum Bestatter abzuschließen. Drei Jahren dauert diese in der Regel, und es ist eine äußerst vielfältige und anspruchsvolle Lehrzeit. „Es gibt einen kaufmännischen Teil, man lernt etwas über Hygiene, Dekoration, die Gesetzeslage und natürlich, richtig zu beraten“, zählt Jan auf. Der Bereich Trauerpsychologie sei sehr wichtig, immerhin betreue man Menschen in einer der schwierigsten Zeiten ihres Lebens. „Wir müssen mit allen Gefühlen umgehen können“, sagt Klinger. Er habe schon vieles erlebt: von tiefer Trauer bis hin zu Aggressionen und heller Wut.

Bestatter bietet Beistand

Trotzdem, oder gerade deshalb, machen Torsten und Jan Klinger ihre Arbeit gerne. „Wir stehen den Menschen bei und nehmen ihnen viel ab, sofern sie es möchten. Manchmal sitzen wir bis zu zwei Stunden in den Beratungen, lassen die Leute erzählen und geben Hinweise.“ Dazu gehöre auch immer, die Empfehlung einer Trauerfeier. „Einige möchten erst keine, weil sie alles lieber so schnell und still wie möglich hinter sich bringen möchten. Wir machen sie darauf aufmerksam, dass sie damit den Schmerz nur nach hinten verschieben und so eine Feier zur Verarbeitung beitragen kann.“

Am schönsten sei es, wenn die Angehörigen sich nach der Trauerfeier bedankten, weil alles in ihrem Sinne verlaufen ist, findet Jan Klinger. „Man nimmt ja auch Anteil, schließlich begleitet man die Leute sehr lange.“ Und sein Vater ergänzt: „Wir sind mehr als die Männer in den schwarzen Anzügen, die die Toten von A nach B fahren.“

Die beiden glauben nicht, dass in den kommenden Jahren im Landkreis Nienburg die Internet-Bestatter die Bestatter vor Ort verdrängen werden. „Aber man weiß nie, was die Zukunft bringt“, so Torsten Klinger. „Es kommt auch immer darauf an, wie sich die Gesellschaft und mit ihr der Umgang mit den Toten entwickelt.“

Quelle: kreiszeitung.de

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