Sven Müller meistert seinen Alltag mit Unterstützung eines Blindenführhunds

Wegweiser auf vier Pfoten

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Bahnen sich zusammen auch durch die trubelige Innenstadt einen Weg: Sven Müller und sein Blindenführhund Luke.

Nienburg - Von Janina Stosch. „Gestreichelt werden, liebt er“, sagt Sven Müller und krault seinem schokobraunen Flat-Coated Retriever beherzt die Ohren. „Er genießt Aufmerksamkeit und kann ein richtiger Charmeur sein.“ Der sechs-jährige Rüde hört auf den Namen Luke und begleitet Müller seit 2017 als Blindenführhund.

Ob eine Sitzbank oder eine Tür - auf Kommando seines Herrchens findet Luke fast alles. An einem Bahnsteig dreht er rechtzeitig vor der Kante ab, an einer hinabführenden Treppe bleibt er stehen, an einer hochführenden stellt er die Vorderpfoten auf der ersten Stufe ab. Der Retriever übernimmt damit eine verantwortungsvolle Aufgabe.

Sven Müller leidet schon seit seiner Kindheit an einer Netzhautablösung, die ihn schließlich mit 10 Jahren erblinden ließ. Lediglich Hell-Dunkel-Kontraste kann der 30-Jährige noch wahrnehmen.

„Der Wunsch nach einem Blindenführhund war bei mir schon immer groß“, erinnert sich der Langendammer. Man bräuchte jedoch nicht nur ein persönliches Verlangen. Der behandelnde Augenarzt muss den Hund befürworten und eine Verschreibung ausstellen. Dann holt man sich bei der Führhundschule seiner Wahl einen Kostenvoranschlag und reicht diesen zusammen mit der Verschreibung bei seiner Krankenkasse ein, erklärt der Langendammer. 

Ein ausgebildeter Führhund koste bis zu 25 000 Euro. Der Hund durchläuft zunächst seine Ausbildung an der Führhundschule. Dann trainiert er gemeinsam mit seinem vorgesehenen Partner und einem Trainer einige Wochen lang gemeinsam, bevor er dann zu seinem langfristigen Begleiter wird. 

Dabei wird auch darauf geachtet, dass Hund und Halter zusammen passen. „Nach unserer ersten Begegnung wollte Luke nur sehr widerwillig mit der Trainerin nach Hause fahren. Wir haben uns zusammen direkt wohlgefühlt.“ Mittlerweile seien die beiden ein eingespieltes Team. „Manchmal glaube ich sogar, Luke kann meine Gedanken lesen“, sagt Müller lachend.

"Ich wünsche mir mehr Rücksicht"

Der Flat-Coated Retriever begleitet Müller auch zur Arbeit. Zug fahren sei kein Problem. Seit gut einem, Jahr arbeitet er in Hannover beim Landesamt für Statistik. Aufgrund der Corona-Pandemie befindet er sich derzeit im Homeoffice. „Zu Hause ist Luke ein ganz normaler Hund“, sagt er. „Trotzdem folgt er mir wie ein Magnet.“

Sobald der Retriever sein Geschirr trägt, ist er im Dienst. Seine volle Konzentration gilt dann Herrchen Sven. Ein Schild auf dem Geschirr weist daraufhin, dass der Blindenführhund nicht angefasst werden soll. 

Es komme jedoch trotzdem immer wieder vor, dass Leute seinen Hund ungefragt streicheln oder locken. „Auch wenn Luke Streicheleinheiten sehr mag, das lenkt ihn einfach ab und könnte uns beide in eine brenzlige Situation bringen.“ 

Mehr Rücksicht wünscht sich Müller nicht nur gegenüber seinem vierbeinigen Begleiter. „Manche Menschen sind einfach dreist. Sie versperren mir gedankenlos den Weg, bleiben stehen und gaffen oder rauschen mit dem Fahrrad, ohne Vorwarnung, schnell vorbei.“ 

Eine Situation hat sich dabei besonders in Sven Müllers Gedächtnis gebrannt. Als er am Bahnhof wartete, haben Unbekannte die Leine seines Führhunds unbemerkt vom Halsband gelöst. „Als ich die lose Leine bemerkt hab, habe ich sofort Panik bekommen“ erinnert er sich. „Aber Luke ist einfach neben mir liegen geblieben und hat sich nicht vom Fleck bewegt.“ 

„Ich bin auf Luke angewiesen“

Auch in Restaurants und Supermärkten haben Müller und sein treuer Begleiter schon Ablehnung erfahren. Der Hund müsse draußen bleiben, war dort die Ansage. 

„Ein Blindenführhund hat jedoch einen Sonderstatus“, erklärt er. „Man nimmt einer alten Frau ja auch nicht ihren Rollator weg oder einem herzkranken Mann seinen Herzschrittmacher. Ich bin auf Luke genauso angewiesen.“

Seinen verantwortungsvollen Job kann ein Blindenführhund nicht bis zum Lebensende ausführen. Mit steigendem Alter lässt auch die Konzentration der Hunde nach und sie können ihren anspruchsvollen Aufgaben nicht mehr gerecht werden. Dann gehen sie in den Ruhestand. 

Manche pensionierte Hunde werden dann an neue Besitzer vermittelt. Seinen Begleiter abzugeben, kommt für Sven Müller jedoch nicht in Frage. „So lange ich das kann, wird Luke auch bei mir alt werden.

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