Chaos, Erdbeben, Rocker

Teilnehmer aus 23 Nationen machen bei Bundeswehrübung unter anderem in Nienburg mit

Deeskaltationsversuche: Soldaten suchen das Gespräch mit den „royalistischen Rockern“. Foto: hg

Nienburg - Das Szenario erinnert etwas an ein Computer-Kriegsspiel. Ein kleines fiktives Land auf dem skandinavischen Rücken, Framland genannt, hat große Probleme. Die politische Lage ist völlig instabil, alles droht aus dem Ruder zu laufen. Ein Erdbeben und Hunderttausend umherirrende Flüchtlinge machen das Chaos perfekt.

Die framländische Regierung hat sich mit der Bitte um Hilfe, gerade auch im Hinblick auf bevorstehende Neuwahlen, an die Nato gewandt. Separatisten und Royalisten wollen die derzeit geschwächte Regierung und die chaotischen Verhältnisse für ihre politischen Ziele nutzen.

Mit ihrer schnellen Eingreif-Truppe VJTF versucht die Nato in der Provinz Falun, deren Hauptstadt Nienburg ist, die Situation zu entschärfen und somit der Regierung den Rücken freizuhalten.

Dieses Szenario ist eingebettet in die Bundeswehrübung „Joint Cooperation 2017“ mit einem riesigen Regieapparat. 23 Nationen mit 370 Teilnehmern trainieren mehr als sechs Tage im Landkreis mit über 100 Einzelszenarien ihre Einsatzstärke.

Insbesondere die zivilmilitärische Zusammenarbeit steht im Fokus. Übungssprache ist englisch. Anschließend wird resümiert, ob alle Entscheidungen in spontanen Lagen sinnvoll und effektiv waren. Wo liegen die Schwächen, was muss noch intensiver trainiert werden?

Für Hauptmann Engelhardt, Cheforganisator im Nienburger Bereich und seit drei Jahren Pensionär, ist die Aktion eine Wehrübung. Im sogenannten Cimic-Centre, das in den ehemaligen Geschäftsräumen der Deutschen Bank in der Langen Straße eingerichtet wurde, unterstützen ihn Soldaten aus sechs Nationen bei der komplizierten Regieführung. Zum Teil hochrangige Dienstgrade aus der Slowakei, aus Litauen, England, Rumänien und Holland sind in die Übung vor Ort integriert. Die Inhalte sind den Soldaten nicht bekannt. Es muss immer spontan und folgerichtig entschieden werden, wie im echten Krisenfall.

„Kriminelle Motorradgang“ versucht zu provozieren

Am Sonntag um 12 Uhr erscheint plötzlich eine „kriminelle Motorradgang“ mit ihren schweren Maschinen vor dem Cimic-Center. Die Royalisten versuchen zu provozieren und plakatieren ihren Hass und ihre Ideen an die Scheiben des Centers.

Jetzt heißt es, Ruhe bewahren. Ein hochrangiger Offizier tritt vor die Rocker, verwickelt sie in Gespräche, versucht zu deeskalieren und Verständnis zu erwecken. Die aufgebrachten Motorradfahrer reagieren nur zögerlich auf die Ansprache. Doch sie sehen auch, dass diese fremden Soldaten keine Unmenschen sind und nur helfen wollen. Nachdem die Situation sich doch letztlich beruhigt hat, sind sich alle einig. Ziel erreicht.

Ob auch in den kommenden Übungsbeispielen alles so glatt verläuft, bleibt abzuwarten. Aber das soll es ja auch nicht. Die Übung soll schließlich die Realität widerspiegeln. 

hg

Stichwort Joint Cooperation 

Die weltweit größte multinationale Übung der zivil-militärischen Zusammenarbeit – innerhalb der Nato Cimic genannt – geht noch bis morgen in den Landkreisen Verden, Nienburg sowie in der Region Hannover über die Bühne. In einem fiktiven Einsatzland werden hierbei die rund 370 überwiegend aus Nato-Staaten kommenden Soldaten auf ihre Tätigkeiten und Aufgaben in der zivil-militärischen Zusammenarbeit für gemeinsame Auslandseinsätze der Nato vorbereitet. Beübt werden Teams, die vor Ort im Kontakt mit den örtlichen und regionalen zivilen Ansprechpartnern sind. Das Zentrum für zivil-militärische Zusammenarbeit der Bundeswehr in Nienburg ist inzwischen ein zentraler Begegnungsort von Cimic für Spezialisten vieler Nationen. Auch Nicht-Nato-Staaten sind mit Beobachtern bei Joint Cooperation 2017 vertreten. Über 20 Nationen haben Übungsteilnehmer oder Beobachter entsendet. Die Übung trainiert meist multinational besetzte Teams. Daher ist auch die Bezeichnung englisch: „Cimic“ ist die Übersetzung der zivilmilitärischen Zusammenarbeit ins Englische.

Im Auslandseinsatz tragen die Cimic-Teams als Erkunder, Kontakthalter und Projekt-Beauftragte enge Verbindung zu den örtlichen Verantwortlichen. Ihre Berichte werden gesammelt und ermöglichen dem jeweiligen Truppenführer eine bessere Bewertung des Geschehens im Einsatzland. 

Quelle: kreiszeitung.de

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