Nicht der Spargel war gemeint, bekannt war der Zichorienanbau

Die „Nienburger Sorte“

Das Wohnhaus der Familie Jahn an der damals noch „Hinteren Straße Nr. 24“ - heute Friedrich-Ludwig-Jahnstraße - in Nienburg.

Nienburg - Von Heinz-Dieter Hische. Über die „gute alte Zeit“, von der man bereits damals gern sprach, hatte der Nienburger Fritz Jahn, der 1933 starb, seine eigenen Gedanken. Er wusste über Hütten, dier der Ernte und ersten Verarbeitung der Zichorien in Nienburg dienten, zu berichten. Das war an dieser Stelle in der vergangenen Woche zu lesen.

„Wenn ich heute meinen Kindern erzähle, wie sauer wir es in unserer Jugend hatten, dann meinen sie, das sei gar nicht wahr. Wie oft habe ich gedacht, du möchtest nur einmal ordentlich ausschlafen, wenn du auch den ganzen Tag nichts zu essen kriegst. Ich möchte die „gute alte Zeit” nicht wieder durchleben.“

Zu den Nienburger Kaufleuten, denen der Absatz der Zichorien oblag, gehörte auch Georg Bollmann, der Stifter des nach ihm benannten Krankenhauses und der spätere „Nordfriedhof“ (Friedhof Bollmann Straße).

Der Export war bedeutend. Man lieferte in die Hansestädte, nach Mecklenburg, Oldenburg und Braunschweig, in die Ostseeländer, namentlich Dänemark, nach England und Holland.

Großkaufmann Bollmann erwarb Mitte des vorigen Jahrhunderts die seit 1682 in Glissen bei Liebenau bestehende, nun aber stillgelegte Papiermühle und richtete dort eine Zichorienfabrik ein. Karl Gehrcke, Zichorienfabrikant aus der „Hinteren Straße“, war dazu ausersehen, im Jahre 1859 die Erfahrungen mit der berühmten „Nienburger Sorte“ nach Norwegen zu bringen.

Hier dürfte das Haus (an der heutigen Friedrich-Ludwig-Jahn-Straße) gestanden haben.

Ein Großindustrieller hatte den Magistrat um die Entsendung eines auf diesem Gebiet erfahrenen Mannes gebeten. Es gab aber auch einen „Zichorienhinnerk“, der auf dem Bremer Freimarkt mit dem Nienburger Produkt handelte. Nienburg - bald sprach man scherzhaft überall von „Zichorienburg“ lebte von und mit der Zichorie. Das spielte überall in das städtische Leben hinein. So wählten die Bürger oft geeignete Plätze in der Stadt aus, um die Wurzeln zu trocknen. In langer Reihe waren an der Sonnenseite der Langen Straße die große Laken mit den Zichorien ausgebreitet. Da diese Gewohnheit jedoch überhand nahm, verfügte der Magistrat in der „Straßenpolizeiverordnung der Stadt Nienburg“ von 1827: „Das Trocknen der Zichorien auf den Straßen oder öffentlichen Promenaden ist bei 8 Groschen Strafe verboten.“

Im Jahre 1827 verarbeiteten 21 Nienburger Zichorienbrenner 1200000 Pfund – 2016 wären dieses 600 000 Kilogramm. Welche Bedeutung der Zichorienanbau für die Stadt und ihre Bewohner hatte, geht aus einer Statistik aus dem Jahre 1839 hervor: Während im ganzen Königreich Hannover etwa 60 Zichorienfabriken arbeiteten, befanden sich davon in Nienburg allein 30. In der Heidegegend waren Bevensen, Uelzen und Walsrode mit je einer Fabrik vertreten.

Ein Morgen gutes Zichorienland brachte 24 bis 30 Zentner Wurzeln, für die in den besten Zeiten bis zu sieben Taler pro 100 Pfund eingelöst werden konnten. Doch die Zichorienfabrikation in hergebrachter Weise war Mitte des vorigen Jahrhunderts bereits stark rückläufig.

Große Braunschweiger und Magdeburger Fabriken machten den Nienburgern mit modernen Fertigungsmethoden Konkurrenz. Diese Unternehmen kauften die Wurzeln roh auf. Es hieß in Nienburg: Die „Balsternacken” drücken uns die Augen zu; den seltsamen Ausdruck kann niemand mehr recht erklären, man hält ihn jedoch für einen Spottnamen für die nach Meinung der Nienburger viel geringwertigeren Sorten, die in den großen Fabriken zur Verarbeitung kamen.

Fritz Jahn berichtet: „Ausgangs der sechziger Jahre konnten uns die hiesigen Fabrikanten nur noch einen Hungerlohn für unsere gute Ware bezahlen. Im Jahre 1870 baute ich die letzten Zichorien an, und wer bis dato noch nicht aufgehört hatte, folgte mir auf dem Fuße nach...“

Einen gewissen Ausgleich suchte und fand man im Anbau der Kartoffel. Doch so schnell sollten die Nienburger Zichorien noch nicht vom Markt verschwinden. In den Jahren 1882 bis 1890 bestand wiederum in Glissen eine Zichorienfabrik von Kindermann & Hoffmann; und in Estorf fabrizierte Georg Ludwig Meyer noch bis zum Zweiten Weltkrieg „Meyer”s Nienburger Zichorien – mit dem Pferd“ als Kaffeezusatz.

130 Jahre bestand die Fabrik. Auf den Dörfern bauten viele Leute Zichorien für den Hausgebrauch selbst an. Der Zichorienbrenner zog von Dorf zu Dorf mit einem walzenförmigen Brenner und einer Mühle, verarbeitete die Zichorien und ließ sich metzenweise (Metze: altes Getreidemaß) bezahlen.

Auch in kommenden Ausgaben sollen im BlickPunkt zum Sonntag wieder historische Stadtbilder zu sehen sein, verbunden natürlich mit der aktuellen Ansicht. Eine Aktion, die selbstverständlich für alle BlickPunkt-Leser geöffnet ist. Sie haben auch eines dieser schönen historischen Fotos? Und wissen möglicherweise eine nette Begebenheit zu dem jeweiligen Motiv zu berichten? Dann am besten mit der BlickPunkt-Redaktion unter Tel. 05021/960831 in Verbindung setzen oder gleich vorbeischauen beim BlickPunkt an der Langen Straße 3. Es wäre doch zu schade, wenn die vielen Eindrücke der Zeitzeugen aus der jüngeren Nienburger Vergangenheit verloren gingen.

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