Dank Restaurierung können nun Rätsel gelüftet werden

Sachsenspiegel kehrt in die Nienburger Museumsbibliothek zurück

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Stefan Schubert und Regina Steudte sind glücklich: Nach gut einem Jahr ist „der Patient“ – also der Sachsenspiegel – wieder wohlauf und kann der Öffentlichkeit präsentiert werden.

Steyerberg - Von Julia Kreykenbohm. Wofür steht wohl das „NB“? Mehrfach hat es jemand mit Tinte neben den Text geschrieben. Auch an anderen Stellen in dem dicken, in Schweinsleder gebundenen Buch finden sich handschriftliche Notizen. Zudem haben der oder die unbekannten Schreiber mehrfach Sätze im Text unterstrichen, der laufend zwischen deutscher und lateinischer Sprache wechselt. Ein Zeichen, das jemand intensiv mit dem Buch gearbeitet hat. Nur wer?

All diesen Fragen kann nun bald nachgegangen werden, denn das besagte Buch, der Sachsenspiegel aus dem Besitz der Museumsbibliothek Nienburg, ist fast vollständig restauriert und erlaubt Forschern wieder, seinen Geheimnissen auf die Spur zu kommen – oder Geschichtsfreunden einen Einblick in die Rechtsprechung des Mittelalters.

Glücklich blättert Bibliotheksleiterin Regina Steudte in dem 1200 Seiten starken Wälzer aus dem 16. Jahrhundert. Als sie das vor über einem Jahr tat, hatte sie immer ein schlechtes Gefühl, da die Seiten unter ihren Fingern zu zerbröseln schienen. So sehr hatte ihnen der Schimmel schon zugesetzt (wir berichteten). Aber auch Würmer haben dem Buch geschadet und sich die Holzdeckel schmecken lassen. 

Paten ermöglichten Behandlung beim "Buchdoktor"

Kurzum: Der Patient war in einem kritischen Zustand, wurde nur noch selten hervorgeholt und war für die Öffentlichkeit überhaupt nicht mehr zugänglich. Für Steudte ein äußerst bedauerlicher Zustand, denn: „Bücher sind da, um gelesen zu werden“. Umso glücklicher war sie, dass die Spenden mehrere Buchpaten es möglich machten, den Sachsenspiegel zum „Buchdoktor“ Stefan Schubert nach Steyerberg zu bringen.

Dieser nahm den Wälzer aus dem Jahr 1560 komplett auseinander, behandelte die Seiten mit speziellen Bädern, um den Pilz loszuwerden und ersetzte die beschädigten Stellen mit Japanpapier. Allein das hat 80 Arbeitsstunden gekostet. Zudem verschaffte er dem Buch einen neuen Einband. Was nun noch dazukommt, sind Gelenkschließen aus Messing, die der Sachsenspiegel wohl früher einmal besessen hat. Darauf lassen Löcher im Buchdeckel schließen. Doch er hatte sie schon verloren, bevor er in den Besitz der Nienburger Bibliothek über ging. Schubert ist einer von drei Buchrestauratoren in ganz Deutschland, die von Hand gefertigte Buchverschlüsse fertigen.

Was mag wohl die Notiz „NB“ bedeuten, die sich an mehreren Stellen im Buch findet?

Während er seinen Patienten behandelte, hat dieser ihm schon einen Teil seiner Geheimnisse anvertraut. So komme das Buch zwar im Stil der Spätgotik daher, stamme aber aus der Renaissance. Schubert schmunzelt: „Die Buchbinder hinken schon immer den Trends etwas hinterher.“ Und sparsam sind sie auch. Im Buchrücken ist Schubert auf Pergamentfragmente gestoßen, die dort zur Polsterung hineinkamen. Auf ihnen sind karolingische Minuskeln zu erkennen, eine Schriftart, die wohl Mitte des 8. Jahrhunderts als Regionalschrift entstanden ist. 

Damit sind die Fragmente deutlich älter als der Sachsenspiegel. „Es könnten Notizzettel sein oder Reste aus einem alten Buch, die auf diese Weise wiederverwertet wurden, schließlich war Pergament teuer“, erklärt Steudte. Auch jetzt werden sie nicht weggeworfen, sondern weiter untersucht, um mehr über sie herauszufinden.

Restauration kostet rund 5.300 Euro

Ebenfalls weiter erforscht werden die Notizen im Buch. Fest steht: Es sind zwei verschiedene Handschriften und zwei verschiedene Tinten. Eine Theorie ist, dass die Anmerkungen von Joachim von Staffhorst stammen, der als Rechtsberater in den Diensten der Grafen von Hoya stand. Da der Sachsenspiegel mittelalterliches Recht zusammenfasst, das lange Zeit nur mündlich überliefert wurde, scheint es zu passen. Ebenso, dass es darin viel um Erbrecht geht und von Staffhorst die letzte Witwe der Grafen von Hoya beriet, die vielleicht um ihre Ansprüche kämpfte.

Ob diese Theorie stimmt, versucht Steudte nun unter anderem mithilfe des Museums Hoya herauszufinden, das ein Testament von Joachim von Staffhorst besitzt, mit dem man die Handschrift abgleichen kann. Zudem könnten Geschichtsfreunde mit der Erlaubnis des Museums nun in dem Buch blättern, auf dem einiges aus dem deutschen Recht fußt und aus dem unter anderem der Spruch stammt: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. „Das alles ist jetzt dank der Restauration wieder möglich“, fasst Steudte zufrieden zusammen. Etwa 5.300 Euro hat diese gekostet. Buchpaten haben es möglich gemacht, dass nun wieder etwas mehr Licht in die noch dunklen Kapitel der Geschichte gebracht werden kann, und ein knapp 500 Jahre altes Objekt bereit ist für die nächsten 100 Jahre.

Quelle: kreiszeitung.de

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