Sieben Handwerker büßen Tat mit dem Tod

Der Rehburger Pastorenmord

Rehburg Pastorenmord
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Der Kupferstich mit der Darstellung der Hinrichtung hat Eingang in das Buch gefunden, das Leeses Pastor 1715 über die Mordtat veröffentlichte. 

Rehburg - von Beate Ney-Janßen. Nahe dem alten Postweg von Rehburg nach Loccum, so erzählten es sich die Leute noch um 1930, soll gelegentlich zu nächtlicher Stunde ein Mann gesehen worden sein, der seinen Kopf unter dem Arm trug.

Ein Ammenmärchen, das Generationen überliefert haben und in dem ein historisch verbriefter Kern steckt. Denn die alte Flurbezeichnung des Geländes, an dem der Kopflose sich angeblich zeigt, ist „An dem Gerichte“. Heute grenzt es an die Jägerstraße an. Im Jahr 1713 wurden dort sieben Rehburger Handwerker hingerichtet.

Was bringt sieben Handwerker dazu, sich des Nachts in das Pfarrhaus zu schleichen, um den Pastor auszurauben? Diese Frage lässt sich wohl kaum noch beantworten. Vielleicht waren es die schweren Zeiten, in denen sie stets zu wenig für sich und ihre Familien hatten. Womöglich Bier und Branntwein, die in jener Nacht vom 29. auf den 30. April 1713 in Rehburgs Ratskeller reichlich geflossen sein sollen. Die erregten Gespräche darüber, dass der Pastor eine Menge Geld haben müsse, dass es der Kirche viel besser ergehe als den Leuten im Ort. Sie redeten sich in Rage – und verabredeten sich, solches „Unrecht“ nicht länger hinzunehmen und sich ihren Teil des Geldes zu holen.

Gegen Mitternacht drangen sie ins Pfarrhaus ein

Gesagt, getan. Gegen Mitternacht soll es gewesen sein, als sie ins benachbarte Pfarrhaus eindrangen. Fünf Handwerker, die hineingingen, zwei, die vor der Tür Wache standen. In ihrer Suche wurden sie schnell gestört, denn Pastor Franz Heinrich Meier wurde auf die Gesellen aufmerksam. Statt zu fliehen und den Schaden zu begrenzen, erhoben sie Messer und Beil gegen den Geistlichen, stachen und schlugen brutal auf ihn ein. Als sie meinten, dass er tot sei, warfen sie ihn aus dem Fenster seiner Kammer, direkt in den Bach, der hinter dem Haus floss.

Der Lärm hatte in der Zwischenzeit auch Meiers Haushälterin Catharine Wellhusen aus dem Bett getrieben. Ihr erging es nicht besser als dem Pastor: Augenblicke später war sie tot. Erschlagen von den Räubern. Nach und nach wurde den Mördern klar, was sie getan hatten. Wie konnten sie es vertuschen? Wie einer Strafe entgehen? Das Haus anzuzünden erschien ihnen als gute Idee. Sie schürten in der Küche Feuer.

Täter hatten nicht mit Schneidermeister gerechnet

Womit sie nicht gerechnet hatten, war der Schneidermeister im Nachbarhaus, der nach Mitternacht noch an einem Hochzeitsanzug arbeitete – und sich über Licht und Lärm beim Pastor wunderte. Der Schneider schlich hinaus, um das Pfarrhaus herum und fand den Pastor im Bach. Blutverschmiert, den Kiefer in Fetzen geschlagen, aber noch lebendig! Der Schneider rannte zum Küster, der die Sturmglocke läutete. So rief er die Gemeinde zu nachtschlafender Zeit herbei. Unter denen, die zu Hilfe eilten, waren auch die sieben Handwerker.

Vielleicht wären sie unentdeckt geblieben, wenn nicht einer von ihnen seine Schuhe am Pfarrhaus abgestellt hätte, weil er auf leisen Sohlen einsteigen wollte. Nun konnte er anhand des Schuhwerks identifiziert werden. Den Versuch zu leugnen gab der Schneider Koch bald auf – und nannte stattdessen die Namen seiner sechs Mordgenossen. Wenig später waren die sieben Rehburger auf dem Weg nach Hannover, wo ihnen der Prozess gemacht werden sollte.

Pastor kämpfte vergeblich um sein Leben

Währenddessen kämpfte in Rehburg Pastor Meier um sein Leben. Unter großen Schmerzen, wie es im Kirchenbuch festgehalten ist, segnete er am 5. Mai 1713 das Zeitliche und wurde wenige Tage später vor dem Altar der Kirche begraben. 22 Jahre war er Pastor in Rehburg gewesen. Seine Mörder hatten allesamt zu seinen Schäfchen gehört.

Der ehemalige Postweg von Rehburg nach Loccum, an dem die Hinrichtung durchgeführt werden soll, ist heute Rehburgs Jägerstraße – ungefähr auf Höhe der Abzweigung „Bahndamm“ soll dir Hinrichtung durchgeführt worden sein. 

Mit Einzelhaft in dunklen feuchten Kellerlöchern. So sollten die Männer in Hannover zum Reden gebracht werden und auch ein weiteres probates Mittel der Justiz des 18. Jahrhunderts wurde bald angewandt: Die Folter. Mit Ausnahme des geständigen Koch sollen alle Bekanntschaft mit den Folterwerkzeugen gemacht haben. Mit glühenden Zangen und Streckbank. Schlachter Kahle wird nachgesagt, dass er beim Anblick der Streckbank noch zu Scherzen aufgelegt gewesen sei: Seine Körperlänge sei genügend, ihn müsse man nicht darauflegen.

Unterschiedliche Darstellungen über Geständnis

Haben sie gestanden oder nicht? Darüber gibt es unterschiedliche Darstellungen. Während Rehburgs verstorbener Heimatforscher August Lustfeld meinte, dass auch die Tortur kein Bekenntnis über die Lippen der Rehburger brachte, besagen Briefe, die der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz von seinem Privatsekretär Hodann bekam, anderes. Demnach gestanden sie alle, an den Morden beteiligt gewesen zu sein.

Hodanns Briefen ist zu entnehmen, dass anfangs nicht nur von sieben, sondern von zwölf Beteiligten die Rede gewesen sei. Er schreibt an Leibniz außerdem von diversen, teilweise wohl auch geglückten Fluchtversuchen eines der jüngsten Angeklagten. Dem Schneider Koch, dem 24-jährigen, dessen zurückgelassene Schuhe den entscheidenden Hinweis gaben, soll in einem Fall eine Flucht gelungen sein, die erst nach drei Tagen endete.

Todesurteil für alle Täter

Verurteilt wurden sie alle und lediglich der geständige Koch wie auch Schuster Meyer, der nur Schmiere gestanden hatte, bekamen ein milderes Urteil. Sie sollten enthauptet und erst im Anschluss gerädert und gepfählt werden. Allen anderen sollten die Glieder zerschlagen und auf ein Rad gebunden, nach ihrem Tod der Kopf abgeschlagen werden. Die schlimmste Todesart stand Schlachter Kahle bevor, dem Rädelsführerschaft und die tödlichen Hiebe zur Last gelegt wurden. Er sollte „von unten“ gerädert und zuvor noch mit glühenden Zangen „gezwickt“ werden.

Dieses Rädern und Pfählen war die wohl grausamste Art der Vollstreckung eines Todesurteils und äußerst öffentlichkeitswirksam war sie überdies. Das Volk rottete sich gerne zusammen, um solches Schauspiel zu erleben und als Hinrichtungsorte wählte die Justiz bevorzugt Plätze aus, an denen viele Menschen vorbeikamen.

Angesichts dieses Urteils widerriefen die Männer ihre Geständnisse. Nur die Tortur habe sie dazu gebracht, die Morde einzugestehen, sagten sie. Das Gericht prüfte erneut. Rund eine Woche später stand aber fest, dass an den Urteilen nicht gerüttelt werden sollte. Der Termin der Hinrichtung wurde auf den 7. Dezember 1713 festgelegt.

Sieben Hinrichtungen an einem Tag

So verachtungswürdig die Tat der Männer auch war, so sollten sie auf ihrem letzten Gang dennoch geistlichen Beistand bekommen. Sieben Hinrichtungen an einem Tag bedeutete allerdings, dass sieben Pastoren willens sein mussten, sie zu begleiten. Das wurde zum Problem, denn viele Geistliche aus der Umgebung lehnten diese Aufgabe mit mehr oder weniger fadenscheinigen Begründungen ab. Denjenigen, die einen der ihren ermordet hatten, wollten sie nicht beistehen.

Loccums Abt schaltete sich als höhere Instanz ein, bat zunächst im Kollegenkreis, die Aufgabe zu übernehmen, und wurde deutlicher, als seine Bitten nicht fruchteten. Dem besonders widerspenstigen Pastor aus Mariensee drohte er sogar eine Strafe von 20 Talern an, sofern er keine gute Begründung für seine Weigerung anführen könne.

Ein mehr oder weniger williger Pastor setzte sich im Nachgang intensiv mit der Geschichte auseinander. Pastor Meinecken aus Leese veröffentlichte zwei Jahre später ein Buch mit dem sperrigen Titel „Nachricht von denen Prediger-Mördern, Räubern und Spitzbuben welche Herrn Johann Heinrich Meiern zu Rehburg (im Ambte Stoltzenau) jämmerlich ermordet“. Ein Traktat von mehr als 300 Seiten, in dem er sich in erster Linie über die Gottlosigkeit der Spitzbuben und die mangelnde Ehrfurcht vor den Dienern Gottes ausließ. Mit der Geschichtsschreibung nahm er es darin nicht allzu genau: Weder beim Datum des Mordes noch beim Namen des Rehburger Pastors ließ er Sorgfalt walten. Interessant wird das Buch, weil er einen Kupferstecher hinzuzog, dem er die Delinquenten und die Hinrichtungsszene beschrieb. Acht Kupferstiche in dem Buch sind auch heute noch ein beachtenswertes Zeugnis von Tätern und Urteilsvollstreckung.

Anfang Dezember 1713 trafen die Rehburger Handwerker sicher eskortiert in ihrer Heimatstadt ein. Sieben Leiterwagen und sieben Pastoren warteten am Morgen des 7. Dezember 1713 auf sie. Sieben Räder standen auf einer angeschütteten Fläche am alten Postweg bereit. Angesichts dessen, was nun unausweichlich war, nahmen einige Männer ihren Widerruf zurück. Auch wenn sie ihren Pastor ermordet hatten, verlangte es sie vor ihrem Tod nach dem Abendmahl, das ihnen nur gewährt wurde, wenn sie gestanden. Lediglich Hopfenführer Voigt und Braumeister Most blieben dabei, dass sie unschuldig seien.

Köpfe mit sauberem Hieb abgetrennt

Schneider Koch und Schuster Meyer konnten sich nahezu glücklich schätzen, dass ihre Köpfe mit einem sauberen Hieb abgetrennt wurden. Das Leid der anderen Männer soll unermesslich gewesen sein. Zum Ende des Tages steckten auf sieben Pfählen sieben zerschundene Körper, die Glieder in Räder geflochten und die abgeschlagenen Köpfe obenauf gespießt. Eine große Menschenmenge soll dabei gewesen sein. Angehörige, Nachbarn, Bekannte, Freunde, Neugierige. Bei Lustfeld ist die Rede von Kutschen aus dem Schaumburgischen, die vorfuhren, damit auch hohe Herrschaften sich ergötzen konnten.

Wie lange die Leichen dort zur Schau gestellt wurden? Das ist nicht überliefert. Von anderen Exekutionen jener Zeit ist bekannt, dass die Toten erst dann begraben wurden, wenn kein Fleisch für die Vögel mehr an ihren Gebeinen hing. Und auch dann ist ihnen ein christliches Begräbnis verwehrt worden. Trotz Abendmahl und Absolution. Gut möglich, dass ihre Gebeine an Ort und Stelle „Auf dem Gerichte“ verscharrt wurden.

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