Dorfhelferin – ein hochqualifizierter Beruf

Loccumerin Renate Kräft leitet das Dorfhelferinnenwerk Niedersachsen

Renate Kräft leitet das Dorfhelferinnenwerk Niedersachsen seit sechs Jahren.
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Renate Kräft leitet das Dorfhelferinnenwerk Niedersachsen seit sechs Jahren.

Loccum - „Das bisschen Haushalt macht sich von allein…“ trällerte Johanna von Koczian 1977 und landete damit einen Hit, der sich 37 Wochen in den Charts hielt. Ein „bisschen Haushalt“ könnte man auch hinter dem Berufsbild der Dorfhelferin vermuten.

Weit gefehlt, sagt Renate Kräft. Die Geschäftsführerin des Evangelischen Dorfhelferinnenwerks Niedersachsen erzählt mit Begeisterung von diesem Berufsbild, der hohen Qualifizierung und den Frauen, die diesen Beruf mit Leben füllen. Was das mit Rehburg-Loccum zu tun hat? – In Loccum werden die Dorfhelferinnen ausgebildet. Auf dem Gelände der Evangelischen Heimvolkshochschule Loccum befindet sich das Dorfhelferinnen-Seminar.

Frau Kräft, wieso gibt es überhaupt das Berufsbild der Dorfhelferin?

Ins Leben gerufen wurde dieser Beruf vor 60 Jahren, um Familien in landwirtschaftlichen Betrieben zu unterstützen, wenn die Mutter beispielsweise durch Krankheit, Schwangerschaft oder ähnliches nicht mehr für Betrieb und Kinder da sein kann. Die Dorfhelferinnen sollten sich um die Kinder kümmern und den Haushalt führen. Das war auf einem Bauernhof oft eine ungleich größere Herausforderung als in anderen Haushalten. Und ist es heute noch.

Die Dorfhelferinnen sollen also auch Feldarbeit leisten und Kühe melken?

Ja, auch da haben die DH unterstützt und die Bäuerinnen vertreten. Die Anforderungen in der Landwirtschaft sind besonders, das beeinflusst auch das Familienleben. Beginnt die Sau zur Mittagszeit zu ferkeln, geht das vor. Ist Erntezeit, dann sitzen auch schon mal zehn Personen zum Essen am Tisch – oder das Essen muss aufs Feld gebracht werden. Außerdem sind Arbeits- und Lebensplatz eins. Da geht es im Gespräch mit der Familie um existenzielle Sorgen: um das Wetter, die Marktpreise, um Subventionen und neuerdings auch um Corona.

Ist es denn immer noch so, dass die Dorfhelferinnen ausschließlich für Familien in landwirtschaftlichen Haushalten zuständig sind?

Nein, das hat sich längst gewandelt. Zunehmend werden wir auch von anderen Familien angefordert. Oft auch von Alleinerziehenden. Da kommt es auf die Struktur der Region an. In Ostfriesland arbeiten unsere Frauen fast nur in landwirtschaftlichen, im Osnabrücker Raum nahezu gar nicht mehr.

Es kann also jeder eine Dorfhelferin anfordern?

Familien aus der Landwirtschaft haben einen Anspruch auf eine Dorfhelferin – die Entscheidung trifft die landwirtschaftliche Kasse. Das war schon immer so. Zusätzlich hat es vor vier Jahren einen Umbruch gegeben durch eine Änderung im Sozialgesetzbuch. Seitdem hat jeder Versicherte – und nicht nur Familien – bei Krankheit einen Anspruch auf eine Haushaltshilfe. Und das kann eben auch eine Dorfhelferin sein. Menschen ohne Kinder für vier Wochen, Familien für 26 Wochen pro Jahr. Das wissen viele noch gar nicht.

Es kommt darauf an, welcher Bedarf besteht. Geht es ums Abwaschen und Durchwischen? Das kann womöglich auch eine Nachbarin machen. Geht es um Pflege älterer Menschen? Dann gibt es die Pflegedienste. Aber dann, wenn ein Haushalt mit Kindern in einer schwierigen Situation ganzheitlich gestemmt werden muss, dann sind Dorfhelferinnen die richtige Wahl. Wenn die Situation es erfordert, kommen wir für acht oder auch für 24 Stunden am Tag in die Familien. Das kann außer uns, soweit ich weiß, niemand in Niedersachsen leisten.

Aber was macht den Unterschied zwischen Nachbarin und Dorfhelferin aus, wenn einer Familie geholfen werden muss?

Die Ausbildung. Jede der 145 Frauen, die bei uns angestellt sind, hat eine Prüfung vor der Landwirtschaftskammer abgelegt – nach 14 Monaten Ausbildung in unserem Loccumer Dorfhelferinnen-Seminar. Und dort können die Frauen nur einsteigen, wenn sie schon eine hauswirtschaftliche Ausbildung und Berufserfahrung haben.

Die Landwirtschaftskammer hängt diese Hürden so hoch und das finden wir richtig gut. Eine externe Prüfung beweist doch, wie viel diese Frauen können müssen und können.

So viel Qualifizierung und Ausbildung, um den Titel einer „Helferin“ zu tragen?

Der Titel, den die Frauen bekommen, ist „Geprüfte Fachkraft für Haushaltsführung und Familienbetreuung in Haushalten landwirtschaftlicher Betriebe“. Wir bleiben lieber bei „Dorfhelferin“. Das ist ein eingeführter Begriff und unser Renommee in den Familien, die uns kennen gelernt haben, ist gut. Ebenso gut ist es auch in der Landwirtschaftskammer und im Landwirtschaftsministerium, von dem wir finanziell unterstützt werden.

Außerdem sind die evangelischen Kirchen in Niedersachsen im Boot. Zusammen mit den Landfrauen und den Landvölkern haben sie das Dorfhelferinnenwerk gegründet. Sie unterstützen uns immer noch mit einem namhaften Betrag in jedem Jahr. Das alles trägt und wärmt uns.

Was bedeutet diese kirchliche Anbindung? Für die Angestellten? Und für diejenigen, die Ihre Dienste in Anspruch nehmen?

Unsere Angestellten müssen Mitglied in einer christlichen Kirche sein. Wir gehen aber in jeden Haushalt. Ob christlich, muslimisch, jüdisch, atheistisch. Manche sagen hinterher: „Das ist ja richtig gut. Das ist mal ein Werk der Kirche!“

Wie sehr sind Sie denn ausgelastet?

In den letzten Jahren waren wir oft so ausgebucht, dass wir nach den Sommerferien mit einigen Dorfhelferinnen über die Erhöhung ihres Anstellungsumfangs verhandelt haben.

Das war einer der Gründe, weswegen wir unser Ausbildungsmodell massiv verändert haben. Jetzt können die Frauen während ihrer 14 Monate Ausbildung schon bei uns eingestellt sein und erste Erfahrungen als Dorfhelferin in Familien sammeln. Viele haben sich vorher nicht darauf eingelassen, weil ihnen die Koordination von Ausbildung und Erwerbstätigkeit bei einem anderen Arbeitgeber zu viel war.

In dem letzten Kursus vor dem neuen Modell hatten wir nur drei Kursteilnehmerinnen. Im Jahr darauf war unser Seminar ausgebucht.

Können denn neue Dorfhelferinnen darauf bauen, dass sie bei Ihnen angestellt werden?

Auf jeden Fall. Wir haben dringenden Bedarf und freuen uns über jede, die zu uns kommen will. Und wir haben einiges zu bieten: Wir bezahlen die Leute vernünftig, haben vernünftige Einstellungsvoraussetzungen, das Betriebsklima stimmt und wir gehen fair miteinander um.

Bei uns wird gesamtgesellschaftlich sichtbar, was Sorgearbeit und hauswirtschaftliche Arbeit der Gesellschaft wert sein kann. Das können wir tun, weil die Kirchen uns fördern und diesen Schwerpunkt setzen, um Menschen in Notsituationen zu unterstützen. Das ist eine große Freiheit für uns und das macht für mich diesen Arbeitsplatz überaus reizvoll.

Renate Kräft ist seit sechs Jahren Geschäftsführerin des Evangelischen Dorfhelferinnenwerks Niedersachsen. Die 58-jährige Loccumerin ist hauswirtschaftliche Betriebsleiterin und Betriebsleiterin für kleine und mittelständische Unternehmen.

Das Evangelische Dorfhelferinnenwerk befindet sich in der Knochenhauerstraße 33 in Hannover und ist erreichbar unter Tel. 0511/1241-539 oder per Mail info@dorfhelferin-nds.de. Weitere Informationen gibt es auf www.dhw-nds.de.

ade

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