Fast wäre sie auf der „Gustloff“ umgekommen

Flucht aus Westpreußen prägt das Leben von Hoyaerin Renate Kuhlmann

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Renate Kuhlmann blättert mit ihrem Mann Horst im Familienalbum. Ihre Oma hatte Fotos aus ihrer Kindheit in Danzig retten können – ein großer Schatz.

Hoya - Von Michael Wendt. Die Flucht aus ihrer Heimat Westpreußen hat Renate Kuhlmanns Leben geprägt. Bis heute kommen fast täglich die Gedanken an die fürchterlichen Erlebnisse ab 1945 in ihr hoch.

Dabei hat die heutige Hoyaerin großes Glück gehabt. Fast wäre sie an Bord der „Wilhelm Gustloff“ gegangen und hätte dann wohl wie Tausende anderer Flüchtlinge heute vor 73 Jahren den Tod in der Ostsee gefunden. Doch das Schicksal hatte einen anderen Weg für die damals Neunjährige vorgesehen. Nach zweijähriger Flucht und der Wiedersehen mit dem als Soldat kämpfenden Vater fand ihre Familie in Schweringen eine dauerhafte Bleibe. Doch dort traf sie wenig später der nächste Schlag.

Renate Kuhlmann hat sie aufgeschrieben, die Geschichte ihrer Flucht. Ihre beiden Kinder wollten es so, haben sie immer wieder dazu gedrängt. Es ist kein Buch geworden, aber zwei eng bedruckte Din-A4-Seiten sind es schon. Beim Lesen und im Gespräch mit der 81-Jährigen wird schnell klar: Ihre schriftliche Erzählung hätte länger, detaillierter ausfallen können. Aber bis heute kann Renate Kuhlmann über einiges, was sie als Neunjährige auf ihrer zweijährigen Flucht erlebt hat, nicht sprechen, und nicht schreiben. Was damals an der Elbe passierte, als der Flüchtlingszug auf einen Trupp russischer und mongolischer Soldaten traf, „das möchte ich nicht näher beschreiben“, steht in ihren Aufzeichnungen.

Die beginnen mit dem 30. Januar 1945, also heute vor 73 Jahren. Renate Kuhlmann lebte mit ihrer Mutter und ihren zwei Brüdern mitten in Danzig, wo sie am 18. April 1936 geboren worden war. Nach Durchbruch der Ostfront Anfang des Jahres rückte die Rote Armee auf die Stadt vor. Die Region war auf dem Landweg vom übrigen Reichsgebiet abgeschnitten, sodass die Bewohner über den Seeweg gerettet werden sollten. In der Danziger Bucht, in Gotenhafen, drängten am 30. Januar 1945 die Flüchtenden auf die „Wilhelm Gustloff“. 7 956 Menschen waren bereits auf dem Schiff, da hörte man mit der offiziellen Zählung auf; man schätzt, dass danach noch fast 2 500 weitere an Bord gingen. Auch die Familie von Renate Kuhlmann hatte Karten für den Transport auf der „Gustloff“. Renates Vater hatte sie erhalten und nach Danzig geschickt. Er kämpfte als Soldat.

Die deutsche Marine nutzte die 1937 vom Stapel gelaufene „Wilhelm Gustloff“ seit Kriegsbeginn als Lazarettschiff.

Renate Kuhlmanns älterer Bruder und ihre Mutter waren an diesem 30. Januar 1945 bereits an Bord, als es hieß: Nichts geht mehr, das Schiff ist übervoll. Die beiden mussten die „Gustloff“ wieder verlassen. „So durften wir weiterleben“, sagt Renate Kuhlmann und schreibt:

Wir waren erst sehr traurig. Was nun? Wir mussten wieder zurück. Dann aber hörten wir, dass später noch bis zu drei Schiffe das Land verlassen würden. Wir hatten Glück und kamen auf ein Lazarettschiff! In einem kleinen Boot, auf dem Benzinfässer transportiert wurden und das von Tieffliegern beschossen wurde, brachte man uns auf hoher See zum Schiff. Die Matrosen nahmen uns auf den Rücken und brachten uns hoch an Bord. Hier lagen wir nun zwischen den Verwundeten und mussten mit ansehen, wie mehrere Soldaten starben.

Berlin und Dresden nur Etappenziele

Als Renate Kuhlmann eingeschifft wurde, brannte Danzig bereits lichterloh. Die Familie war mit nassen Lappen auf dem Kopf geflohen, um sich so vor der Hitze des Feuers zu schützen. „Das Ganze, auch die Situation auf dem Schiff, war schon schlimm“, sagt Renate Kuhlmann. „Aber was dann kam, kann man kaum beschreiben.“ Die heute 81-Jährige versucht es trotzdem:

In Mecklenburg wurden wir wieder ausgebootet. Dann hieß es: So weit die Füße tragen … Niemals hätte ich geglaubt, dass ich so etwas erleben würde wie das, was uns jetzt bevorstand. Von Mecklenburg aus schlugen wir uns nach Berlin zu meiner Patentante durch. Dort durften wir uns erst einmal waschen und in einem Bett schlafen. Kaum lagen wir drin, gab es Fliegeralarm, und wir mussten in den Keller.

„Aber das kannten wir ja schon aus Danzig“, sagt Renate Kuhlmann fast lapidar. Berlin blieb für die Familie nur eins von vielen Etappenzielen, denn die Rote Armee rückte auf die deutsche Hauptstadt vor. Nach nur zwei Tagen ging die Flucht schon weiter. Die Familie machte sich auf in Richtung Dresden. Dort hatte Renate Kuhlmann ein Jahr zuvor für sechs Wochen bei einer fremden Familie gelebt. „Man nannte das ,Kinderlandverschickung‘“, erklärt sie.

Steckrüben kann sie bis heute nicht mehr riechen

Von ihrem wenigen Hab und Gut, das die Flüchtenden hatten mitnehmen können, war der Großteil längst verloren. Es war auf einem Lkw transportiert worden, den eine Bombe getroffen hatte. Eigentlich hätten auch die Kinder auf dem Lkw mitfahren sollen, doch Renates Mutter hatte sie bei sich behalten.

Nun besaß die Familie außer einen Tornister, den die Neunjährige schulterte, und einer Umhängetasche mit ein paar Habseligkeiten darin nur noch das, was sie am Leib trug. So marschierten sie nach Dresden. Doch dort konnte die vorjährige Gastfamilie von Renate Kuhlmann ihr nun keine Sicherheit mehr bieten.

Wir blieben ein paar Tage. Aber dann kam die Frage: Wohin gehen wir jetzt? Wir schlossen uns einer Menschentraube an, die immer die Elbe entlangging. Die Russen waren die ganze Zeit hinter uns! In Pirna hieß es, wir könnten ein Stück mit dem Zug fahren. Wir stiegen ein. Aber nach einer halben Stunde fuhren mehrere Lkw mit Russen und Mongolen vor.

Es folgte das für Renate Kuhlmann Unbeschreibliche. „Aber irgendwann ließ man uns wieder laufen“, sagt sie, „unser Weg führte uns über die Tschechoslowakei nach Bärenfels im Erzgebirge.“ Dort fand die Familie einige Monate Zuflucht, lebte zu viert in einem Zimmer – „mit Kanonenofen“, betont Renate Kuhlmann, die im bitterkalten Winter 1945 etliche Menschen hat erfrieren sehen. Auf dem Ofen rösteten die Flüchtlinge Brotscheiben, mit Kaffee beträufelt, damit der aufgestreute Zucker besser hielt. Und dann, der Krieg war mittlerweile beendet, war es so weit:

Renate Kuhlmann im Jahr 1942 mit ihrem ein Jahr jüngeren Bruder Rudi.

Jetzt kam die Familien-Zusammenführung! Es wurde ein fahrbarer Untersatz ohne Seitenwände organisiert, auf den wir unser bisschen Hab und Gut schnürten. Es war alles gar nicht so einfach, weil auch hier jetzt die Russen das Sagen hatten. Da unser Vater sich im Norden befand, mussten wir nach Garding in Schleswig-Holstein. Dort angekommen mussten wir gleich in ein Lager und wurden wieder auf die unterste Stufe gestellt. Empfangen wurden wir zur Entlausung mit einer großen Holzspritze. Nach der Behandlung sahen wir aus, als wären wir in einen Mehlsack gefallen …

Nun war die Familie wieder vereint, zum letzten Mal. Das Leben in Garding war hart. „Zu Nikolaus gab es Eierkohlen statt Süßigkeiten. Aber einmal kam unser Vater mit einem Rucksack voll Kartoffeln“, erinnert sich Renate Kuhlmann. Das war ein Fest! Kartoffeln gab es sonst nur am Sonntag – eine Knolle in der allgegenwärtigen Steckrübensuppe. „Horst isst Steckrüben ganz gerne“, erzählt Renate Kuhlmann und blickt zu ihrem Ehemann, „aber für mich ist das bis heute nichts.“

Die meiste Zeit gab es in Scheiben überbrühte Steckrüben, aber wenn man Hunger hat, isst man alles! Frieren, hungern und betteln wurden bei uns großgeschrieben. Geschlafen wurde übrigens auf Stroh.

Später wurde uns mitgeteilt, dass Schweringen in Niedersachsen unsere neue Heimat wird.

In Bücken fast am Ende der Kräfte

Also machte sich die Familie auf die Reise. Einen Teil der Strecke ist sie gelaufen, einen anderen mit der Bahn gefahren. 1947 kamen Mutter, Vater und die drei Kinder an – zunächst in Bücken. Dort wären sie gerne geblieben. Vor allem Renates Mutter wollte nicht weiter. Sie war am Ende ihrer Kräfte. Aber erst in Schweringen bekam sie Unterkunft bei einer Familie.

Wir dachten, wir kommen ins Schlaraffenland: Es gab Bratkartoffeln zu essen und Milch zu trinken! Wir durften auch im Wohnzimmer auf dem Teppich schlafen.

Nach zweimaligem Umziehen konnten wir endlich sesshaft werden, in einem Haus, in dem der Kunstmaler Pot d‘Or wohnte.

Obwohl wir hier herzlich aufgenommen worden waren, meinte meine Mutti: Hier bleibe ich nicht, hier schieben sie ja den Mond mit der Stange weiter. Schweringen sollte ihre letzte Station bleiben …

Liebe war stärker als der Widerstand

„Die Flucht nagte an ihrer Gesundheit, mit 47 Jahren ging sie für immer von uns“, erzählt Renate Kuhlmann und schluckt. Noch heute ist sie tief traurig, wenn sie an das bittere Schicksal ihrer Mutter denkt, die sich auf der Flucht für die Familie aufgeopfert hatte. Doch Renate Kuhlmanns Erzählung endet versöhnlich:

Für mich aber war der Weg noch nicht zu Ende! Beim Bürgerschießen 1954 lernte ich in Hoya meinen Horst kennen. Doch ob er mich heiraten durfte, das stand noch offen – ich war ja ein Flüchtlingsmädchen … Aber unsere Liebe war stärker als der Widerstand in Familie und Gesellschaft: Am 16. August 1958 haben wir in Hoya geheiratet. Jetzt war ich endlich angekommen!

„Was wir dafür zu kämpfen hatten, um heiraten zu dürfen …“, sagt Horst Kuhlmann (82) und schüttelt den Kopf. Dann blickt er auf – „auch ich habe Glück gehabt, dass sie nicht auf der ,Gustloff‘ war!“

1996 besuchten Renate und Horst Kuhlmann mit einer Reisegruppe Danzig, das heutige Gdansk. Dort erfuhren sie, dass das gesamte Viertel, in dem Renate aufgewachsen war, nach dem Krieg gesprengt und neu aufgebaut worden war. „Es war ein großes Geheule in Danzig, denn sechs Teilnehmer der Reise stammten vor dort“, sagt Horst Kuhlmann.

Quelle: kreiszeitung.de

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