Zwei Experten ziehen unterschiedliche Schlüsse

Erdkabel? Jein, aber …

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Dipl.-Argraringenieur Jörg Fortmann ist Bodenexperte der Landwirtschaftskammer Bremervörde.

Hoya - Von Michael Wendt. Keine Angst vor Erdverkabelung sollten sie haben, die Zuhörer eines Vortrags- und Diskussionsabends am Montag in Hoya. Das hatte der eine Referent, Bodenforscher Rainer Horn von der Uni Kiel, gefordert. Doch als danach der andere Referent, Bodenexperte Jörg Fortmann von der Landwirtschaftskammer in Bremervörde, die Erdkabelverlegungspläne beim Bau der 380-Kilovolt-Stromleitung von Stade nach Landesbergen präsentierte, wurde deutlich: Die Angst hatte Rainer Horn zumindest vielen Landwirten nicht nehmen können.

Gut 20 Zuhörer, darunter mehrere Landwirte, verfolgten die Referate im Gasthaus „Lindenhof“. Anschließend stellten sie den Experten Fragen, schilderten eigene Erfahrungen und diskutierten mit ihnen. Eingeladen zum Infoabend „Erdverkabelung beim Stromnetzbau und die Auswirkungen auf den Boden“ hatte die vom Bundeswirtschaftsministerium geförderte bundesweite Initiative „Bürgerdialog Stromnetz“.

Die beiden Referenten waren sich einig: Die Verlegung von Höchstspannungskabeln ist eine Belastung für den Boden, sie muss unbedingt fachkundig ausgeführt werden. Dennoch kamen Horn und Fortmann zu ganz unterschiedlichen Schlussfolgerungen. „Erdkabeltrassen sind bei der Berücksichtigung der Bodenverhältnisse problemlos beherrschbar“, sagte Rainer Horn. „Aus unserer Sicht sind Freileitungen zu präferieren“, sagte Jörg Fortmann.

Vortrag von Fortmann

Es war vor allem für ackernde Landwirte ein Schreckensszenario, was der Experte der Landwirtschaftskammer aufzeigte:

– Zwölf Kilometer Erdkabel, verteilt auf vier Abschnitte, sind im Raum zwischen Verden und Pennigsehl geplant, davon 1,9 in der Samtgemeinde Hoya, im Bereich Mehringen.

– 50 Meter breit soll der Arbeitskorridor bei der Verlegung sein.

– 30 Meter breit wäre ein späterer Schutzstreifen mit eingeschränkten Nutzungsmöglichkeiten über der Leitung.

– 350 000 Kubikmeter Boden müssten für zwölf Kilometer Erdkabel bewegt werden.

– Durch die Einbettung der Erdkabel in Sand würde sich die Bodenqualität vielerorts verschlechtern.

Die genannten Zahlen waren nicht aus der Luft gegriffen. Jörg Fortmann bezog sich auf den „Erläuterungsbericht zum Verfahren“, der Teil der Planungsunterlagen für den Stromleitungsbau der Firma Tennet ist.

Als die Moderatorin der Veranstaltung Fortmann nach der vereinbarten Vortragszeit aufforderte, zum Ende zu kommen, durfte er auf Bitte der Zuhörer weitersprechen – und nannte viele Gefährdungspunkte für den Boden. Damit traf der Diplom-Agraringenieur offenbar die Meinung einiger Zuhörer aus dem Bereich Landwirtschaft. Sie äußerten Zustimmung.

Der Vertreter der Landwirtschaftskammer schloss seinen Vortrag mit detaillierten Forderungen für den Fall, dass Erdkabel verlegt werden: Baubegleitung ab Planung, möglichst bodenverträgliche Maschinen, Beweissicherung und spätere Schadensregulierung.

Vortrag von Horn

Dr. Rainer Horn ist Professor für Bodenkunde an der Universität Kiel.

Rainer Horn sah die gleichen Gefahren für den Boden, wirkte aber optimistischer als Fortmann und stellte noch höhere Ansprüche an Planung und Verlegung von Erdkabeln. Seine Ausführungen basierten auf Forschungsarbeiten beim Bau einer anderen Leitung.

„Wir verlieren pro Tag in Deutschland 70 bis 80 Hektar Boden unwiederbringlich“, mahnte Horn. Bei jedem Leitungsbau gebe es Bodenverlust, den es zu minimieren gelte. Übrigens werde Boden durch Überverdichtung auch bei der Installation von Freileitungen geschädigt.

Der Professor forderte, Bodenexperten bereits bei der Leitungsplanung einzubeziehen. Damit die im Kabel entstehende Wärme von bis zu 70 Grad abtransportiert wird, „müssen wird Böden finden, die möglichst nah am Grundwasser sind“, sagte Horn und betonte: „Wo die Wärme nicht nach unten abgeleitet wird, ist kein geeigneter Standort für ein Erdkabel.“ Denn die Wärme sei ansonsten über Jahrzehnte ein Problem für den Ackerbau.

Die Verdichtung des Bodens hingegen sei in den Griff zu bekommen. Dafür gelte es, die richtigen Maschinen in der richtigen Jahreszeit einzusetzen. „Der Bauunternehmer kann nicht einfach immer die schön große Maschine nehmen!“, sagte Horn und betonte: „Böden sind nicht gleich. Wir müssen über die Böden sprechen und nicht über den Boden.“

Wird alles optimal geplant und ausgeführt, könne der Boden nach einer Erdkabelverlegung problemlos wieder beackert werden – aber nicht sofort. Damit er sich schnellstmöglich regeneriert, sollten in den ersten drei Jahren wasserzehrende Pflanzen angebaut werden. Das Befahren mit schweren Lasten, das Pflügen, Düngen und Spritzen seien zu vermeiden.

„Wir haben uns [in einem anderen Projekt] mit Tennet auf eine über fünf Jahre sinkende Ausgleichszahlung geeinigt“, sagte Horn. Die Landwirte mussten sich dafür aber auf die geforderte Bewirtschaftung einlassen, denn: „In einem Jahr kriegen sie den Boden nicht wieder hin. Drei, vier, fünf Jahre brauchen sie dazu“, sagte Horn.

Worauf sich die hiesigen Landbesitzer einstellen müssen, steht allerdings noch gar nicht fest. Tennet hat zwar ein Verfahren für die Erdkabel-Verlegung geschildert, wendet aber möglicherweise ein anderes an. Das machte ein im „Lindenhof“ anwesender Vertreter der Firma auf Nachfrage aus dem Publikum deutlich.

Den aktuellen Planungsstand veröffentlicht Tennet auf seinem Internetauftritt.

Quelle: kreiszeitung.de

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