Die große Wanderung: Erdkröten laufen derzeit massenhaft zu Laichgewässern

Helfer sammeln Kröten an der B 215

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Die überwiegende Mehrheit hält Kröten wohl für keine schönen Tiere. „Aber sie haben schöne bernsteinfarbene Augen“, sagt unser freier Mitarbeiter Uwe Campe, der dieses Foto eines Erdkröten-Weibchens gemacht hat.

Gandesbergen. Von Uwe Campe. Überwiegend führen sie ein Leben im Verborgenen, aber wenn im Frühjahr die ersten warmen Tage anbrechen, die Nachttemperaturen acht Grad nicht mehr unterschreiten und zudem noch etwas Regen fällt, machen sie sich unweigerlich auf den Weg, sich fortzupflanzen: Tausende von Erdkröten wandern dann aus den Winterquartieren zu ihren traditionellen Laichgewässern.

Diese massenhaften Wanderungen sind für die Kröten risikoreich. Nicht nur, dass sie Fressfeinden wie Mardern, Waschbären, Katzen, Schlangen, Reihern, Greif- und Rabenvögeln mehr oder weniger schutzlos ausgesetzt sind. Die größte Gefahr droht ihnen bei der Überquerung viel befahrener Straßen. Ohne Schutzmaßnahmen kommt es regelmäßig zu einer Vielzahl überfahrener Kröten.

Ein Gefahrenschwerpunkt liegt zwischen Gandesbergen und Haßbergen, wo die aus dem nahen Wald kommenden Tiere auf dem Weg zum Laichgewässer Alte Weser die Bundesstraße 215 queren müssen.

Um den Tieren mit den schönen bernsteinfarbenen Augen zu helfen, hat sich dort vor Jahren eine zwölfköpfige Gruppe engagierter Naturschützer zusammengefunden. In diesem Jahr hat sie bereits am 8. März auf einem zwei Kilometer langen Abschnitt entlang der Bundesstraße Krötenzäune aufgestellt. Dies sind etwa 30 Zentimeter hohe, grüne Plastikzäune, an denen die Tiere entlang laufen müssen. So gelangen sie schließlich in die im Abstand von etwa 50 Metern eingegrabene Sammel-Eimer und fallen hinein.

Wanderung erst seit Anfang April

Morgens und abends kontrolliert die Gruppe die Strecke und trägt die eingesammelten Erdkröten – in geringer Anzahl auch Teichfrösche – über die Straße zur Alten Weser. Mit Blick auf den starken Fahrzeugverkehr tragen die Mitglieder zur eigenen Sicherheit Warnwesten. Aufgrund der kalten Witterung gab es in den ersten Märzwochen so gut wie keine Wanderaktivität. Sie setzte erst in den vergangenen Tagen massiv ein. Am 3. April zählten die Ehrenamtlichen rund 1 800 gesammelte Erdkröten. Waren zunächst nur Einzeltiere unterwegs, wurden in den vergangenen Tagen fast ausschließlich schon verpaarte Tiere, sogenannte Doppeldecker, registriert. Dabei handelt es sich um Paare, bei denen das deutlich kleinere Männchen bereits auf den Rücken des Weibchens geklettert ist und von diesem huckepack mitgenommen wird. Weil in vielen Erdkrötenpopulationen ein starker Männchen-Überschuss herrscht (oft liegt das Verhältnis bei drei zu eins oder höher), sichern sich die Männchen so einen Partner. Nebenbuhler halten sie dabei auch schon mal mit heftigen Tritten auf Distanz.

Die ehrenamtlichen Helfer inspizieren an der Bundesstraße 215 zwischen Gandesbergen und Haßbergen das Ergebnis der nächtlichen Krötensammlung.

Uli True, der die Schutzmaßnahme in Gandesbergen koordiniert, geht davon aus, dass die Wanderung je nach Wetterlage noch bis etwa Mitte April anhält. Die Zählergebnisse werden anschließend zusammen mit exakten Wetter- und Temperaturangaben sowie weiteren Informationen den Naturschutzbehörden zur Verfügung gestellt und dort ausgewertet.

Naturschutz in Reinkultur

Von den zwölf im Kreis Nienburg betreuten Wanderstrecken ist Gandesbergen/Haßbergen seit Jahren der Abschnitt mit der größten Anzahl übergesetzter Kröten. Von 2012 (2 073 Tiere) bis 2016 (4 931 Tiere) verdoppelte sich das Ergebnis – zweifellos auch das Verdienst der Gruppe, die dort Naturschutz in Reinkultur praktiziert, ohne viel Aufhebens davon zu machen. Zwar wurden 2017 „nur“ 3 787 Kröten gezählt, für 2018 deutet sich aber ein ähnlich hohes Ergebnis wie 2016 an.

Bei allem zu lobenden persönlichen Engagement wäre es dennoch wünschenswert, wenn sich die zuständigen Behörden entschließen könnten, auch Mittel für alternative Schutzmaßnahmen Mittel bereitzustellen. Besonders die Anlage von Krötentunneln käme in Betracht. Die Hanglage zwischen Gandesbergen und Haßbergen würde dafür nach den Worten von Uli True beste Voraussetzungen bieten. Auch fernab von Straßen angelegte künstliche Laichgewässer wären ein probates Mittel zum Amphibienschutz, auch wenn es zunächst etwas dauern könnte, bis diese von den allgemein als sehr ortstreu geltenden Erdkröten akzeptiert werden.

Wanderstrecken von Kröten gibt es unter anderem auch in Bücken, Eitzendorf und Helzendorf. Näheres auf der Internetseite des Landkreises: https://goo.gl/Z8p19M (Direktlink zum Artikel).

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