Ergotherapeutin Kornelia Lehr bietet Töpfern für Kinder an

Wo Raketen-Schnecken und Ritterburgen entstehen

Larissa gestaltet eine neue Schale aus Ton, während Kornelia Lehr sich das bemalte Osterei der Zwölfjährigen anschaut.

Langendamm - Von Julia Kreykenbohm. Maximilian weiß genau, was er will. Die Burg, die er in der vergangenen Woche angefangen hat zu töpfern, soll erweitert werden. Neue Mauern müssen her und noch ein paar Türme – seine „Zwergfriede“, wie er sagt. Denn „Bergfried“, das hat der Achtjährige in der Schule gelernt, ist der Hauptturm einer mittelalterlichen Burg, und die will er in Klein nachbauen.

Auch Larissa hat eine konkrete Vorstellung, womit sie sich in der Stunde, die sie in der offenen Werkstatt von Kornelia Lehr verbringt, beschäftigen möchte. Die Zwölfjährige nimmt sich ihr Osterei aus Ton und beginnt, es mit ruhiger Hand und konzentrierter Miene in bunten Farben zu glasieren.

Michael hingegen ist noch unentschlossen. „Wie wäre es denn mit einer Fabrik?“, schlägt Kornelia Lehr vor, die bei den drei Kindern nur „Konny“ heißt. Der Achtjährige überlegt. „Ich mache Raketen, wie die, die ich neulich im Flugzeugmuseum gesehen habe.“ Sprachs, fischt sich einen Klumpen Ton aus der bereitstehenden Tüte und klatscht ihn voller Enthusiasmus auf den Tisch.

So beginnen die Töpfer-Kurse bei Lehr in Langendamm fast alle. Wobei die Bezeichnung „Töpfer-Kurs“ ein falsches Bild hervorruft: Der Kursleiter gibt ein Modell vor und die Teilnehmer bemühen sich, es möglichst perfekt zu gestalten, um später ein kleines Kunstobjekt mit nach Hause zu nehmen. Darum geht es Lehr nicht. Bei der Ergotherapeutin steht der Spaß im Vordergrund. Die Kinder sollen Freude an der Arbeit mit Ton haben und sich kreativ entfalten. Es gibt keinen Lehrplan und schon gar keine Noten. „Wenn Kinder das erste Mal kommen, gebe ich natürlich ein bisschen was vor, um sie an die Arbeit mit dem Ton heranzuführen. Und auch bei den Mutter-Kind-Kursen habe ich ein festes Programm.“

Kornelia Lehr hilft Maximilian dabei, einen weiteren Turm zu formen. - Fotos: Kreykenbohm

Anders ist es bei den Kursen für die Kinder von drei bis zwölf Jahren, die sie seit rund vier Jahren anbietet und die etwa eine Stunde dauern. Maximal sechs Teilnehmer sind dabei. „Jedes Kind ist auf einem anderen Stand und soll sich individuell entfalten. Die einen gestalten schon sehr selbstständig eigene Werke, andere matschen einfach gern mit Ton. Ich sehe recht schnell, was sie können und was noch nicht.“ Dieses freie Programm habe sich bewährt. Lehrs Angebote, die auch Kindergeburtstage, Ferienpass-Aktionen, Workshops und Einzelstunden umfassen, sind immer gut besucht.

Maximilian mischt sich ein: „Konny, kannst du mir die Spitze für den Zwergfried machen?“ Der Achtjährige kommt schon lange zu Lehr, die ihm den Klumpen Ton aus der Hand nimmt und geschickt zwischen den Handflächen reibt. Auch Larissa, die noch immer ihr Ei bemalt, besucht einen Kurs nach dem anderen. Einer hat sieben Einheiten, die jeweils einmal in der Woche sind. 

Für Michael ist es der zweite Kurs. Er hat inzwischen seine Rakete fertiggestellt, noch eine Schnecke geformt und verbindet beides spontan miteinander: „Eine Raketen-Schnecke!“, ruft er triumphierend. „So kann man aus Kleinigkeiten eine große Sache machen.“ Lehr lacht: „Dabei hattest du zuerst gar keine Idee. Das kommt von ganz allein, wenn man die Hände erstmal machen lässt.“

Michael präsentiert seine Rakete aus Ton.

Das macht für Lehr die Faszination der Arbeit mit Ton aus, den sie sich bei ihrer Ausbildung zur Ergotherapeutin als Medium gewählt hat. „Jede Schule, jeder Kindergarten sollte Kindern das ermöglichen“, findet Lehr. Es habe schon seinen Grund, warum der Mensch seit Jahrhunderten mithilfe dieses Materials nicht nur Nutzgegenstände schaffe, sondern sich auch künstlerisch ausdrücke. „Der Ton macht etwas mit dem Menschen. Wir denken immer, wir formen ihn, aber er formt auch uns – körperlich und psychisch.“ Die Feinmotorik werde verbessert, man lerne, Kraft zu dosieren, zu planen, Vorstellungen umzusetzen, einen Arbeitsplatz zu gestalten und kreative Lösungen zu finden.

Wenn ein Mensch ohne feste Vorgaben Ton mit den Händen bearbeite, verrate das Ergebnis oft viel über sein Innenleben, sagt Lehr. Besonders intensiv erlebe sie das bei Kindern, da die noch nicht so „kopflastig“ sind wie die Erwachsenen, die immer etwas Bestimmtes schaffen wollen. „Kinder, die eher oberflächig sind und wenig über sich reflektieren, formen glatte Oberflächen, ohne Löcher und Höhlen“, nennt Lehr ein Beispiel. Man sehe daran, wo die Kinder in ihrer Entwicklung stünden und wo vielleicht Probleme seien. Wenn sie öfter mit Ton arbeiteten, ändere sich oft ganz viel und das spiegele sich auch in ihrem Verhalten wieder. „Es ist eine Art Selbstheilungsprozess.“ 

Diese Rückmeldung bekomme sie oft von Eltern ihrer Schützlinge, wobei Lehr nicht nur auffällige Kinder in ihren Kursen zu Gast hat. „In erster Linie geht es ja um den Spaß, und nicht um Therapie.“ Wenn Eltern sie allerdings um eine Einschätzung und Tipps bitten, kommt sie dem gern nach. In ferner Zukunft möchte Lehr, die hauptberuflich mit Erwachsenen in einer Werkstatt der Lebenshilfe in Nienburg arbeitet, dieses therapeutische Angebot in den Fokus nehmen.

Maximilian hat inzwischen die Arbeit an seiner Burg eingestellt und widmet sich einem neuen Projekt. Die Tonschale, die Larissa in der vergangenen Stunde gefertigt hat, ist zerbrochen. Während die Zwölfjährige bereits eine neue formt, hat der Achtjährige sich in den Kopf gesetzt, sie zu reparieren, die vielen kleinen Einzelteile neu zusammenzufügen. „Ich glaube nicht, dass das funktioniert“, sagt Lehr behutsam, doch Maximilian ist fest entschlossen, weil er gern puzzelt. Also lässt sie ihn. „Kinder müssen auch mal erleben, dass etwas nicht klappt, was sie sich vorgenommen haben.“

www.ton-lehr.de

Quelle: kreiszeitung.de

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